Russlands Präsident Wladimir Putin hat Teile des Russland-Geschäfts des Schweizer Lebensmittelkonzerns Nestlé und die russischen Vermögenswerte der französischen Supermarktkette Auchan unter eine vorübergehende Verwaltung gestellt. Grundlage ist ein am Donnerstag veröffentlichtes Präsidialdekret.
Bei Nestlé betrifft die Entscheidung die Unternehmen Nestlé Russia und Nestlé Kuban. Die Anteile werden nach dem Dekret künftig von der russischen Gesellschaft L.E.V. Management verwaltet. Betroffen sind sowohl Beteiligungen der Schweizer Société des Produits Nestlé als auch von Nestlé Deutschland. Auch die russische Tochter von Auchan wird der Gesellschaft zur vorübergehenden Verwaltung übertragen.
Nestlé reagierte am Freitag auf die Entscheidung. Der Konzern teilte mit, die Lage zu prüfen und alle notwendigen Schritte zum Schutz seiner Rechte zu erwägen. Zugleich wolle Nestlé den Geschäftsbetrieb im Interesse der Beteiligten, insbesondere der Mitarbeiter, aufrechterhalten. Welche konkreten Maßnahmen das Unternehmen plant, ließ es offen.
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Nestlé betreibt sechs Fabriken in Russland
Nestlé ist trotz des Ukraine-Kriegs weiterhin in Russland aktiv. Der Konzern betreibt dort sechs Fabriken mit rund 7000 Beschäftigten und produziert unter anderem Kaffee, Tier- und Babynahrung. 2021, im letzten Jahr vor dem russischen Großangriff und zugleich dem letzten Jahr, für das Nestlé entsprechende Zahlen veröffentlichte, setzte das Unternehmen in Russland rund zwei Milliarden Schweizer Franken um.
Nach Kriegsbeginn stoppte Nestlé Investitionen und Werbung in Russland und reduzierte sein Sortiment, zog sich aber nicht vollständig aus dem Land zurück. Der Konzern begründete seine weitere Präsenz damit, grundlegende Lebensmittel und andere Produkte des täglichen Bedarfs anzubieten.
Auch Auchan blieb auf dem russischen Markt. Nach Reuters-Angaben betreibt das Unternehmen dort rund 230 Geschäfte sowie einen Onlinehandel und beschäftigt etwa 30.000 Menschen. Auchan wollte Putins Entscheidung zunächst nicht kommentieren.
Russisches Unternehmen forderte Zugriff auf Nestlé
Bei Nestlé hatte sich der Schritt bereits angekündigt. Die russische Wirtschaftszeitung Kommersant berichtete im August, die Firma KS Logistika habe Putin gebeten, fünf russische Nestlé-Gesellschaften unter vorübergehende Verwaltung zu stellen. Neben Nestlé Russia und Nestlé Kuban ging es damals auch um Cereal Partners Rus, CPB Nestlé und Atrium Innovations Rus.
KS Logistika begründete den Antrag laut Kommersant unter anderem damit, Nestlé plane keinen Ausbau seiner russischen Produktionskapazitäten mehr und habe den Export in Russland hergestellter Waren eingestellt. Das nun veröffentlichte Dekret erfasst bei Nestlé allerdings nur zwei der damals genannten Gesellschaften.
Analysten hatten den Wert des russischen Nestlé-Geschäfts bereits im August auf eine beträchtliche Summe geschätzt. Der Chef der Beratung Infoline-Analitika veranschlagte den Unternehmenswert einschließlich möglicher angesammelter Gewinne auf 160 bis 170 Milliarden Rubel. Das entsprach nach damaligen Wechselkursen rund zwei Milliarden US-Dollar beziehungsweise etwa 1,7 Milliarden Euro. Es handelt sich dabei um eine externe Schätzung, nicht um eine Bewertung von Nestlé.
Zwangsverwaltung kann einem Verkauf vorausgehen
Eine vorübergehende Verwaltung bedeutet noch keine formale Enteignung. Russland hatte jedoch bereits 2023 die rechtlichen Möglichkeiten erweitert, Vermögenswerte von Unternehmen aus Staaten, die Moskau als „unfreundlich“ einstuft, unter externe Kontrolle zu stellen.
In mehreren prominenten Fällen folgte später ein Eigentümerwechsel. Russland übernahm 2023 zeitweise die Kontrolle über das Russland-Geschäft des französischen Lebensmittelkonzerns Danone und über die Beteiligung des dänischen Brauers Carlsberg an Baltika. Danone verschwand 2024 wieder von der Liste der vorübergehend verwalteten Vermögenswerte, nachdem ein Verkauf an einen russischen Investor vorbereitet worden war. Carlsberg verkaufte seine Baltika-Anteile Ende 2024 schließlich an langjährige Manager des russischen Unternehmens.
Reuters zufolge ist die Übernahme der Verwaltung von Nestlé und Auchan Teil einer Reihe russischer Eingriffe in das Eigentum westlicher Unternehmen seit Beginn des Ukraine-Krieges. In früheren Fällen sei die vorübergehende Verwaltung häufig einem späteren staatlichen Zugriff oder einer Übertragung der Vermögenswerte an russische Eigentümer vorausgegangen.
Kommersant berichtet zudem, dass Putins neues Dekret nicht nur Nestlé und Auchan betrifft. Auch Vermögenswerte des französischen Logistikkonzerns FM Logistic und Strukturen des früheren Baumarktbetreibers Leroy Merlin, der in Russland inzwischen unter dem Namen Lemana Pro auftritt, wurden unter vorübergehende Verwaltung gestellt.
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