Kommentar

1. FC Union im freien Fall: Für Mauro Lustrinelli wird die Zeit jetzt knapp

Die Eisernen kassieren bei den Bayern ein historisches 0:7. Die Länderspielpause wird nach dem Fehlstart zur Chance für Lustrinelli – oder für Horst Heldt.

4 Min
Union-Trainer Mauro Lustrinelli ist nach dem 0:7 beim FC Bayern stark angeschlagen.

Union-Trainer Mauro Lustrinelli ist nach dem 0:7 beim FC Bayern stark angeschlagen.

© Harry Langer/dpa

Null zu sieben. So hoch hatte der 1. FC Union Berlin, seit er 2019 in die Bundesliga aufgestiegen ist, noch nie verloren. 17 Gegentore. So viele hatten die Eisernen nach vier Bundesligaspielen ebenfalls noch nie bekommen. Ein Punkt nach dem vierten Spieltag. So schlecht wie in dieser Saison sind die Köpenicker noch nie in die Bundesliga gestartet.

Ja, die Bayern sind wahnsinnig gut, haben mit Michael Olise und Harry Kane gleich zwei Spieler, die sich im Rennen um den Ballon d'Or gegen Union nochmal ins Schaufenster schießen wollten – und das auch taten. Und ja, die Eisernen haben auch in der Vergangenheit selten sonderlich gut ausgesehen, wenn sie in München spielten. Doch am Freitagabend wurde ein neuer Tiefpunkt erreicht. Das liegt nicht nur, aber eben auch am Trainer.

Die Defensive geopftert zugunsten... wofür eigentlich?

Dass Mauro Lustrinelli eine gewisse Anlaufzeit benötigt, das war schon klar, als er das Amt des Cheftrainers in Köpenick übernommen hat. So war es schon in der Vergangenheit, etwa beim FC Thun, mit dem er in seiner zweiten Saison die Schweizer Meisterschaft gewann. Dass diese Anlaufzeit aber derart desaströs laufen würde, damit hatte man nicht gerechnet.

Die Umstellung von der Fünfer- auf die Viererkette, vor allem aber die Höhe, auf der sich die Abwehrkette befindet, hat aus einer der stabilsten Defensiven das größte Scheunentor der Bundesliga gemacht.

Die Offensive ist gleichzeitig nicht wirklich besser geworden. Tore schoss Union in der bisherigen Saison immer nur dann, wenn das andere Team schon mit zwei Toren führte, sich zurückzog und Union kommen ließ.

Trainer Mauro Lustrinelli hätte von Geschäftsführer Horst Heldt (v.l.) sicher gerne noch einen Stürmer bekommen.

Trainer Mauro Lustrinelli hätte von Geschäftsführer Horst Heldt (v.l.) sicher gerne noch einen Stürmer bekommen.

© Matthias Koch/Imago

Als kleine Entschuldigung für Lustrinelli gilt hierbei, dass Horst Heldt es versäumt hat, einen neuen Stürmer zu verpflichten, nachdem er Ilyas Ansah verkauft hat. Ohne den verletzten Andrej Ilic fehlt ein kopfballstarker und robuster Stürmer, den der Trainer für seinen Fußball bräuchte.

Taktik-Chaos: Vier Spiele, vier Systeme

Fein raus ist Lustrinelli damit natürlich trotzdem nicht. Die Spieler sind nach zehn Tests, einem Pokal- und vier Ligaspielen noch immer weit davon entfernt, das neue Spielsystem zu verinnerlichen. Lustrinelli hat aber auch in jedem der vier Spiele etwas verändert. Erst war es nur die Besetzung der Viererkette, dann die Positionierung der Offensive, nun die komplette Taktik. Das eine System, das seine Spieler nur besser kennenlernen müssen, gibt es bisher also überhaupt nicht.

In der ersten Hälfte in München hatte Union mal wieder den tiefen Block gewählt. Außer Stürmer Emmanuel Latte Lath halfen alle Feldspieler um den Strafraum herum, das eigene Tor zu verteidigen. Fast wie früher sah das aus, Leopold Querfeld spielte die besten dreißig Minuten seiner bisherigen Saison. Doch selbst das, was Union mal so gut konnte, reichte gegen die Bayern nicht. Nicht mal im Ansatz. Und wenn selbst das nicht klappte, was soll dann noch klappen?

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Schwerer Start als Entschuldigung?

Nun könnte hier auch noch angeführt werden: Es waren nun mal eben auch die Bayern. Nach Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen der dritte Gegner, dem Union auf dem Papier nicht ebenbürtig ist. Eine hohe, wenn auch nicht ganz so hohe, Niederlage war erwartbar, genau wie eine geringe Punkteausbeute nach vier Spielen.

Das 1:3 gegen den FC Schalke, einen Gegner, der auf Augenhöhe sein sollte, schmerzt daher umso mehr und dient als Warnschuss, dass die Größe der Gegner die gezeigten Leistungen nicht zu sehr entschuldigen darf.

Trainer und Spieler betonen immer wieder, es brauche noch Zeit. Irgendwann, so deuten sie an, wird das System greifen und sich die Ergebnisse einstellen. So wie beim FC Thun. Zeit, das betonte Rani Khedira schon nach dem Schalke-Spiel, gibt es in der Bundesliga aber in der Regel nicht.

Die Ausnahme bildet die kommende Länderspielpause. Zwei Wochen ohne Spiele, der Großteil des Kaders bleibt zusammen: Der Union-Trainer bekommt eine zweite, kleine Vorbereitung auf den Rest der Saison geschenkt. Die Frage ist nur: Sollte dieser Trainer wirklich Mauro Lustrinelli heißen?

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