Der Raum, in dem sonst Koranunterricht stattfindet oder der Gemeindevorstand tagt, ist jetzt das Wahllokal 504. Scharjil Khalid, der Imam, hat das Bild der Kaaba in Mekka abgenommen, dafür hängen hier nun die Europa-, die Deutschland- und die Berlin-Fahne. Das Hausrecht hat heute der Wahlvorstand.
Auf dem Gelände der Khadija-Moschee können die Bewohner des Wahlbezirks ihre Stimme zur Abgeordnetenhaus- und Bezirksverordnetenwahl abgeben – schon zum zweiten Mal. Vor anderthalb Jahren war von hier aus schon der Bundestag gewählt worden.
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„Die Khadija-Moschee als Wahllokal kann zu einem Vorzeigemodell für ganz Deutschland werden“, sagt der 38-jährige Imam Scharjil Khalid. „Sie unterstreicht, dass der Islam und muslimisches Leben selbstverständlich zu Deutschland gehören.“
„Die Anfeindungen gingen weit über das Erwartete hinaus“
Das Wahllokal befindet sich in einem Gebäude neben der Moschee. Der Zustrom der Wahlberechtigten ist stetig. Schon fünf vor acht seien die Ersten gekommen, sagt einer der Wahlhelfer. Ein älteres Ehepaar, das hier seine Stimme abgibt, findet, dass ein Wahllokal nicht auf ein Moscheegelände gehöre.
Khalid, der am Eingang steht und die Wahlberechtigten begrüßt, hält dagegen: Kirchen und andere religiöse Einrichtungen dienten seit Jahrzehnten als Wahllokale. „In Bremen zum Beispiel waren zur Bundestagswahl in 17 Kirchengemeinden Wahllokale. Die Kreuze hingen dort weiter.“ Dass dies nun endlich auch auf einem Moscheegelände geschehe, entspreche dem verfassungsrechtlichen Grundsatz der Gleichbehandlung der Religionen und befördere einen Prozess demokratischer Normalisierung.
Als hier vor anderthalb Jahren zum ersten Mal ein Wahllokal eingerichtet wurde, gab es Irritationen in der Nachbarschaft. Von einer Islamisierung des Abendlandes war die Rede und davon, dass man jetzt erst recht AfD wählen müsse. Diesmal habe es Anfeindungen vor allem in den sozialen Medien gegeben, sagt der Imam. „Das ging weit über das hinaus, was wir erwartet haben.“
Jeder kennt einen Muslim, der mit der AfD liebäugelt
Als vor 20 Jahren bekannt wurde, dass hier an der Tiniusstraße die erste Moschee auf dem Gebiet der ehemaligen DDR entstehen sollte, gab es wütende Anwohnerproteste und Demonstrationen, auch weil in der Gegend kaum Muslime lebten. Es wurde verbreitet, dass es hier ein Waffendepot gebe und dass vom Minarett aus der Flugverkehr von Tegel unter Beschuss genommen werden sollte. Als die Gemeinde 2008 am Tag der offenen Moschee teilnahm, kamen viele Besucher. Seither hat sich die Lage nach Angaben des Imams beruhigt.
Nun ist hier also ein Wahllokal. Die meisten Menschen, die hier in die Moschee zum Wählen kommen, sind keine Muslime. Im Einzugsbereich des Wahllokals 504 leben drei Familien, die zur Ahmadiyya-Muslim-Jamaat-Gemeinde gehören, der Khalid vorsteht. Sie hat etwa 800 Mitglieder, verteilt über ganz Berlin, die meisten in Neukölln und Wedding.
Im Wahllokal 504 auf dem Moschee-Gelände in Pankow-Heinersdorf
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Immer wieder treffe er Muslime, die sagten, was die AfD fordere, sei gar nicht so verkehrt, berichtet Khalid. „Jeder kennt jemanden, der AfD wählt. Auch die Sprache der AfD wird zum Teil übernommen, wenn etwa von ‚Altparteien‘ die Rede ist. Soll die AfD es doch mal versuchen, heißt es dann.“
Gleichwohl ist die Mehrheit der Muslime nach seiner Einschätzung eher links eingestellt. Viele sympathisierten traditionell auch mit der SPD.
400.000 Muslime leben in Berlin
Das große Thema, mit dem man Muslime in Berlin erreicht, ist das Vorgehen Israels im Gazastreifen. Die Linke habe nach Ansicht einiger Muslime das Thema Gaza zu wenig adressiert, sagt der Imam. „In Berlin lebt die größte palästinensische Diaspora. Und Gaza war kaum ein Wahlthema.“ Das sei einigen Muslimen negativ aufgefallen. Der Neuköllner Verband der Linkspartei sei zwar stark mit der palästinensischen Zivilgesellschaft vernetzt. Aber ob das darüber hinaus für zahlreiche Stimmen reicht, bleibt jedoch abzuwarten, sagt der Imam.
Das BSW hingegen habe Gaza explizit zum Thema gemacht. „Ich habe von einigen gehört, die zum BSW tendieren, gerade weil in den vergangenen Tagen viele muslimische und arabische Influencer für den Spitzenkandidaten Michael Lüders geworben haben.“ Lüders habe sich in einem Video auch direkt an Muslime und arabischsprachige Menschen gewandt.
In Berlin leben laut Statistischem Landesamt mehr als 400.000 Muslime, ihr Anteil am Wählerpotenzial wird auf mindestens acht Prozent geschätzt. „In kaum einem Wahlprogramm tauchen sie explizit als Wählergruppe auf“, sagt Khalid. Bundesweit sind rund drei Millionen Muslime unter 25 Jahre alt. „Sie sind Teil der Zukunft. Sie stellen ein wachsendes Wählerpotenzial dar, das angesprochen werden muss.“
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