Fernverkehr

Newcomer Nox aus Berlin startet Nachtzug Hamburg–München: Tickets ab 65 Euro

Ab März 2027 fährt Nox drei Mal pro Woche von Hamburg über Bremen nach Augsburg und München. Jeder Fahrgast reist in einer eigenen Suite mit zwei Meter langer Liege.

9 Min
Erst arbeiten, dann schlafen: Ein Blick in einen Double-Vista-Room von Nox Mobility. Auf der Innotrans in Berlin ist er jetzt zu sehen.

Erst arbeiten, dann schlafen: Ein Blick in einen Double-Vista-Room von Nox Mobility. Auf der Innotrans in Berlin ist er jetzt zu sehen.

© Nox Mobility

In Deutschland kommt ein neuer Nachtzug ins Rollen. Das Berliner Start-up Nox, das mit einem neuartigen Konzept wirbt, nimmt im Frühjahr 2027 seine erste Verbindung in Betrieb. Das gab der Newcomer am Mittwoch in Berlin auf der Innotrans bekannt. In einem umgebauten Wagen können Messebesucher erleben, was die Fahrgäste erwartet.

Früher als geplant wagt das junge Unternehmen, das den Nachtzugverkehr verändern will, den Sprung in die Wirklichkeit. Der erste Nox-Zug soll vom kommenden März an drei Mal wöchentlich Hamburg und Bremen mit Augsburg und München verbinden.

Jeder Fahrgast reist in einer eigenen „Nox Suite“: tagsüber ein breiter Sitzplatz,  nachts wird daraus eine Liege zum Entspannen. Der Verkauf hat begonnen, sagte Janek Smalla von Nox. „Tickets gibt es ab 65 Euro.“ Weitere Strecken und neue Fahrzeuge sind in Vorbereitung, kündigte Nox-Mitgründer Thibault Constant an: „Das ist erst der Anfang.“

Der Nox-Zug: maximale Sicherheit, maximale Privatheit

Auf Gleis 4 des Außengeländes versteckte sich der erste umgebaute Wagen bis zu diesem Mittwochvormittag unter einen dunklen Plane. Fast wie ein Erlkönig in der Autobranche: Die Nox-Leute wollten die Spannung erhöhen. Doch die Berliner Zeitung durfte früher hinein.

So sieht eine Suite in dem umgebauten Intercity-Wagen (Ex-Bundesbahn) aus. Auf solchen Plätzen werden die Fahrgäste im ersten Nachtzug von Nox Mobility Platz nehmen.

So sieht eine Suite in dem umgebauten Intercity-Wagen (Ex-Bundesbahn) aus. Auf solchen Plätzen werden die Fahrgäste im ersten Nachtzug von Nox Mobility Platz nehmen.

© Christophe Gateau/dpa

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Janek Smalla bittet in den ehemaligen Intercity-Wagen der Deutschen Bahn, der seine Karriere vor über vier Jahrzehnten bei der Deutschen Bundesbahn begann. Ein solide gebautes Fahrzeug aus den 1980er-Jahren. „Mit solider Technik“, sagt der Nox-Mitgründer und CEO.

In der Mitte wurde für die Besucher eine Kaffee-Bar aufgebaut. Ein DJ-Pult und eine Musikanlage sorgen für coole Klänge. Nox versteht sich als Tech-Start-up. Dann wird es konkret. Das Unternehmen zeigt, wie es sich die Zukunft des Nachtzugverkehrs vorstellt: konkurrenzfähig im Wettbewerb mit Billigfliegern wie Ryanair und Eurowings – aber mit Aufmerksamkeit für bisher vernachlässigte Bedürfnisse des Publikums.

Ab März 2027 mit Fahrgästen in Deutschland unterwegs: Ein Wagen von Nox Mobility.

Ab März 2027 mit Fahrgästen in Deutschland unterwegs: Ein Wagen von Nox Mobility.

© Nox Mobility

Wer nachts verreisen will, legt Wert auf Sicherheit und (vor allem) auf Privatheit. Nicht jeder bettet sich gern mit fünf fremden Mitreisenden in einem engen Liegewagenabteil zur Nacht, weiß Janek Smalla. Dem Wunsch nach einem eigenen Bereich will Nox Rechnung tragen.

Zunächst stellt Smalla die Suiten vor, in denen die Fahrgäste der ersten Nox-Züge Platz nehmen werden. Die Einzelabteile links und rechts des Gangs sind zwar einsehbar. Doch halbhohe Wände gewähren trotzdem mehr Privatheit, als es sie bisher in Gemeinschaftsabteilen gibt.

Zu jedem der breiten Sitzplätze gehört ein ungewöhnlich großer Klapptisch. „Viel Platz zum Arbeiten“, sagt Smalla. Kein Problem, wenn das Laptop und die Unterlagen etwas schwerer sind: Die Tische sind extrastabil. Sie halten 75 Kilo aus, erklärt der Nox-Mann. Es gibt Stauraum für großes Gepäck und Steckdosen in greifbarer Nähe.

In der Lounge-Position bietet der Sitz Platz zum Ausstrecken entlang des Fensters. Ein Handgriff genügt, und eine 2,02 Meter lange Fläche entsteht. Daneben befindet sich ein Nachttisch und ein Lämpchen.

„Wir wollen die pünktlichste Bahn in Deutschland sein“

Die Fahrgäste sollen sich sicher fühlen, erklärt Smalla. „In jedem Wagen wird am Bahnhof nur eine Tür geöffnet. Die Crew kontrolliert alle Zugänge.“

In den Suiten wird es durch die Nacht gehen. Der erste Nox-Nachtzug soll am 23. März 2027 um 21.22 Uhr in Hamburg abfahren. Geplant ist, dass die Fahrt nach Stopps in Bremen um 22.30 Uhr und in Augsburg um 7.35 Uhr um 8.14 Uhr in München endet. Sonntags, dienstags und donnerstags soll es aus dem Norden in den Süden Deutschlands gehen.

Auf der Innotrans erstmals zu sehen: In solchen „Suiten“ geht es bald durch die Nacht.

Auf der Innotrans erstmals zu sehen: In solchen „Suiten“ geht es bald durch die Nacht.

© Peter Neumann/Berliner Zeitung

Auch in der Gegenrichtung sorgt TRI Train Rental für die Traktion, stellt die Lok und das Fahrpersonal. Montags, mittwochs und freitags startet der neue Nachtzug um 21.20 Uhr in München. Über Augsburg (21.51 Uhr) und Bremen (7.20 Uhr) wird Hamburg um 8.27 Uhr erreicht.

So jedenfalls der Plan. Ob er eingehalten wird – auf einer Infrastruktur, in der immer wieder Baustellen und Störungen den Betrieb behindern?

Die Nox-Leute sind zuversichtlich. „Wir wollen die pünktlichste Bahn in Deutschland sein“, sagt Smalla. In die Fahrpläne wurden bis zu zwei Stunden Puffer eingebaut, das Durchschnittstempo wird auf gemütliche 70 Kilometer pro Stunde beschränkt. Selbst wenn der Nachtzug längere Routen als sonst fahren muss: Verspätungen soll es nicht geben.

Die Gründer von Nox Mobility: Janek Smalla, Artur Hasselbach und Thibault Constant (v.l.).

Die Gründer von Nox Mobility: Janek Smalla, Artur Hasselbach und Thibault Constant (v.l.).

© Nox Mobility

Während Italo und Flixtrain im Tagesverkehr wachsen möchten und Zügen der Deutschen Bahn (DB) Trassen streitig machen könnten, will der Newcomer Nox nächtliche Restkapazitäten im Bahnnetz nutzen. „Wir sehen die Diskussion sehr gelassen“, so das Unternehmen.

Zunächst soll der Nox-Nachtzug relativ kurz sein: vier oder sechs umgebaute Wagen mit Suiten. Doch das Unternehmen möchte rasch wachsen, und dafür braucht es mehr Fahrzeuge – damit mehr Reisende mitfahren und die Auslastung steigt. „Unser Ziel sind lange Züge: in Deutschland 14, ins Ausland zwölf oder 13 Wagen“, erläutert Smalla.

Der Kauf neuer Nachtzugwagen gehört auch deshalb zum Konzept des Berliner Unternehmens, weil es künftig zudem eine erste Klasse anbieten möchte. Auf der Innotrans zeigt Nox Mobility die ersten drei „Nox Rooms“, das künftige Flaggschiffprodukt: private Bettabteilen für ein oder zwei Personen. Hotelzimmer für maximale Privatheit hinter Wänden und Türen. Ein rollendes Boutique Hotel, verspricht Nox.

Neuer Schlafwagen: „Wir nutzen jeden Kubikzentimeter“

In den Neufahrzeugen soll es drei Kategorien geben. „Double Vista“-Zweierabteile, in denen auch vom oberen Bett aus ein Blick durchs Fenster möglich ist. Single-Abteile. Double-Coupés, in denen das Bett ebenfalls über eine Leiter erreichbar ist. Dort rollen die Reisenden auf einer 1,70 Meter breiten und 2,20 Meter langen Liegefläche durch die Nacht. Die Bettstatt befindet sich über dem Gang zwischen den Abteilen.

„Wir nutzen jeden Kubikzentimeter“, erläutert Janek Smalla. Dadurch biete der neuartige Schlafwagen mehr Kapazität als herkömmliche Liegewagen, aber trotzdem mehr Privatheit und auch mehr Platz fürs Gepäck. Die Gespräche mit potentiellen Herstellern haben begonnen, heißt es. Die „Nox Rooms“ sollen ab 2029 Teil der Nox-Flotte werden.

Stück für Stück soll die Flotte wachsen. So soll an Bord Raum für spezielle Angebote entstehen. Silence Suites: Wagen, in denen ab 21 Uhr Ruhe herrrscht. Oder Familienabteile, die Abstand zu den Bereichen haben, die für Geschäftsreisende geeignet sind - eine lukrative Kundengruppe, auf die es das Start-up besonders abgesehen hat.

Warum Hamburg - München und nicht Berlin?

„Nachtzugfahren heißt in Europa bis heute: Man teilt sich eine Kabine mit vier Fremden und hofft, dass die Fahrt einigermaßen erträglich wird. Bei Nox Mobility hat jeder Fahrgast seinen eigenen Bereich, in dem er arbeiten und ausruhen kann“, sagt Nox-Mitgründer Thibault Constant.

Viele weitere Strecken sind geplant – auch nach Berlin, Warschau, Oslo, Stockholm, Rome, Barcelona, Paris, Wien oder Budapest, wie eine Karte im Demonstrationswaggon zeigt. 2035 sollen Nachtzüge des Berliner Unternehmens rund hundert Städte in Europa miteinander verbinden.

Als erste Route wählt Nox Hamburg – München, weil dies eine der am stärksten genutzten innerdeutschen Flugstrecken ist. Allein 2024 waren zwischen diesen beiden Städten mehr als 1,2 Millionen Fluggäste unterwegs: „Zum Auftakt steuert Nox Mobility zwei der stärksten Wirtschaftsstandorte des Landes an. Mit Bremen und Augsburg nimmt er zwei Städte mit, die bislang stiefmütterlich behandelt wurden.“

Gegründet wurde das Unternehmen 2025 vom Trainfluencer Thibault Constant, dem früheren FlixTrain-Projektmanager Janek Smalla und dem Investor Artur Hasselbach. Unterstützt wird es nach eigenen Angaben von IBB Ventures, dem italienischen Investor Tommaso Lucca sowie Experten aus der Hospitality- und Bahnbranche. Zu ihnen gehören HomeToGo-Mitgründer und CEO Dr. Patrick Andrae.

Im April 2026 sicherte sich das Berliner Unternehmen eine Pre-Seed-Finanzierung über zwei Millionen Euro, angeführt von IBB Ventures. Fünf Monate später steht der erste Wagen teilweise fertig auf der Messe, in rund sechs Monaten soll er über die Schienen rollen. „Damit schlägt Nox Mobility ein neues Tempo an“, so das Unternehmen stolz.

Nachtzüge: ein schwieriges Geschäft

Geld und Unterstützer wird der neue Zugbetreiber weiterhin brauchen. Die Erfahrung zeigt, dass es kleine Newcomer im Fernverkehr schwer haben, gegen die mächtige Deutsche Bahn zu bestehen. Im europäischen Nachtzugverkehr sind die Österreichische Bundesbahnen (ÖBB) Marktführer. Ein Nightjet des staatlichen Unternehmens verbindet Hamburg und München - wo 2027 Nox anfangen möchte.

Schon im Tagesverkehr ist es nicht einfach, Gewinne zu erzielen. Im Nachtzugverkehr wiegen die hohen Trassen-, Energie- und sonstigen Kosten des Bahnbetriebs besonders schwer: Er erfordert spezielle Wagen, die innerhalb von 24 Stunden nur einmal Geld verdienen und zusätzliches Personal brauchen. Manche Beobachter bezweifeln, dass Nachtzüge jemals profitabel sein werden und Airlines, die mit niedrigen Tarifen werben, Kundschaft abjagen können. Die Branche ist gespannt.

Auch Luna Rail will den Nachtverkehr revolutionieren

Doch Nox ist nicht das einzige Berliner Unternehmen, das den Nachtzugverkehr verändern will. Am anderen Ende des Innotrans-Freigeländes, auf Gleis 1, steht der erste Wagen von Luna Rail, einem weiteren Start-Up aus Berlin. Der Zugbetreiber RDC hat den einstigen Interregio-Wagen zur Verfügung gestellt. In Wustermark wurde er mit Einbauten versehen, die zeigen, was die Luna-Rail-Leute vorhaben.

Ausgetüfteltes Konzept: Anton Dubrau in einem Bettabteil. Auch Luna Rail hat sich lange damit beschäftigt, wie der Platz im Wagen am besten genutzt werden kann.

Ausgetüfteltes Konzept: Anton Dubrau in einem Bettabteil. Auch Luna Rail hat sich lange damit beschäftigt, wie der Platz im Wagen am besten genutzt werden kann.

© Peter Neumann/Berliner Zeitung

Auch hier können Messebesucher Platz nehmen und es sich gemütlich machen, probesitzen sowie probeliegen. In der ersten Klasse reisen die Fahrgäste in „Hotel Pods“. 35 Reisende pro Wagen, die meisten in eigenen Abteilen für eine Person. Mit einer Höhe von rund 2,50 Metern bieten die Coupés ein anderes Raumgefühl als  Nachtzugabteile. Die zweite Klasse soll preislich mit Low-Cost-Airlines konkurrieren. Hier können in einem Wagen 65 Menschen bequem die Nacht verbringen.

Partner von Luna Rail sind das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), die Brandenburgische Technische Universität (BTU) Cottbus sowie die Technische Universität Berlin. Auf deren Salzufer-Campus hat das einst in Treptow ansässige Nachtzug-Start-up jetzt seinen Sitz, berichtet Dubrau.

Anton Dubrau von Luna Rail auf dem Innotrans-Freigelände vor dem Wagen, der künftig weiter ausgebaut werden soll. Im kommenden Jahr sollen die Probefahrten beginnen.

Anton Dubrau von Luna Rail auf dem Innotrans-Freigelände vor dem Wagen, der künftig weiter ausgebaut werden soll. Im kommenden Jahr sollen die Probefahrten beginnen.

© Peter Neumann/Berliner Zeitung

Auch Luna Rail hat eine Plan: Der Wagen soll bald mit weiteren „Pods“ versehen werden. Mit einem Dutzend Abteilen soll das neue Nachtzug-Fahrzeug als rollendes Labor für die Zukunft des Nachtverkehrs auf Tour geben. „Wir hoffen, dass 2027 erste Probefahrten im deutschen Bahnnetz stattfinden können“, erklärt der 40-Jährige.

„Es ist ein völlig neues Konzept. Wir wollen wissen, ob es funktioniert.“

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