Henrike Naumanns „Materialsammlungen“ zu ihrer Installation „Ruin“ im deutschen Pavillon der 61. Biennale Venedig halten robuste Buchdeckel zusammen. In intensivem Grün, der Farbe der Hoffnung. Die so jung Verstorbene liebte diese Farbe über alles.
Gebunden sind die Seiten mit Spiralbindung. Wie geschaffen zum Hin- und Herklappen wie bei Kinderbüchern, was nicht unbedingt zum linearen Lesen zwingt. Eine Art Collegeblock-Buch zum Arbeiten also. Am 25. September hat es Premiere im Sculpture Center New York, danach in London, Kiew, Lwiw und in Naumanns Heimatstadt Zwickau in Sachsen.
Reflexion ihres Lebens in der DDR
Diese „Buchgeschichte“ der Konzeptkünstlerin, die am 14. Februar dieses Jahres erst 41-jährig und kaum ein Vierteljahr vor Beginn der Weltausstellung an Krebs starb, erzählt Details und Hintergründe ihrer Rauminstallation im deutschen Pavillon. Es ist die Reflexion ihres Lebens in der DDR und dessen, was danach kam: auch die Verwerfungen, die Reichsbürger, die Neonazis. Das Versagen der Gesellschaft, der Politik.
Die Künstlerin Henrike Naumann (1984–2026)
© Claudia Drescher/dpa
Der Pavillon trägt nun einen ostdeutschen Stempel
Das Werk wurde von ihrem Team exakt nach den Vorgaben der Verstorbenen realisiert. Und so drückte sie postum dem symbolschweren Ort als bislang erste Ostdeutsche ihren Stempel auf. Als Vermächtnis.
Doch hat ihre Geschichte weder Anfang noch Ende. Beim „Forever“-Umrunden der Seiten des Ringbuches entstehen neue Verknüpfungen, Fragmente verschieben sich, Bedeutungen kippen, Gesehenes erscheint in der Wiederholung anders. Klare Lesarten verweigern sich.
Alles ziemlich „ungemütlich“
Es ist ein Zeichensystem aus Notizen und Denkprozessen, Skizzen und intensiven Recherchen. Alles ziemlich „ungemütlich“, wie Henrike Naumann ihren gesamten Beitrag für den deutschen Pavillon beschrieb. Ein dichtes, unvollendetes, antiideologisches, antifaschistisches, doch von einem abrupten Ende bestimmtes Werk.
Bis zum 22. November, der Finissage der Venedig-Biennale, ist die Installation „Die Innere Front – The Home Front“ noch physisch zu erleben, danach bleibt sie als gleichnamiges Buch in der Kunstwelt (Bierke Verlag, ISBN 978-3-948546-70-0, 38 Euro).
Zum Finale der Biennale Venedig (22. November) gibt es nochmals die von Henrike Naumann vor ihrem Tod konzipierte Performance „Trümmerfrau“ als Vertical Dance.
© Max Maria Rüting
Und zum Finale in Venedig gibt es den von der Zeit-Stiftung Bucerius und dem Ifa-Institut ausgelobten Kunstpreis mit ihrem Namen, dotiert mit 15.000 Euro. Wer ihn erhält, ist noch nicht bekannt. Wer in Venedig ist, erlebt auch die von der Verstorbenen konzipierte Performance „Trümmerfrau“, vor ihrem Tod noch erarbeitet mit der venezianischen Vertical-Dance-Company Il Posto: als Metapher, in keiner Lebenslage aufzugeben.
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