Bahnverkehr

Schon nach 20 Jahren ein Sanierungsfall: Berliner Hauptbahnhof wird Baustelle

Die Bausubstanz sei „nicht wirklich gut“, teilt der zuständige Bahnmanager mit. Nun bereitet die DB ein umfangreiches Umbauprogramm vor. Was auf Reisende zukommt und wann es losgeht.

7 Min
Monsterbau oder Schmuckstück? Der Berliner Hauptbahnhof ging Ende Mai 2006 ans Netz. Jetzt bereiten Planer die Erneuerung vor.

Monsterbau oder Schmuckstück? Der Berliner Hauptbahnhof ging Ende Mai 2006 ans Netz. Jetzt bereiten Planer die Erneuerung vor.

© Joko/imago

Der Berliner Hauptbahnhof hat nicht nur Fans. Im Vergleich zu anderen Bahnstationen im Land sieht die mehrstöckige Anlage an der Spree in Mitte allerdings noch relativ proper aus. Jetzt wurde bekannt, dass die Deutsche Bahn (DB) für die 2030er-Jahre umfangreiche Bauarbeiten vorbereitet. Dabei ist der Bahnhof noch nicht lange am Netz.

„Vor zwei Jahrzehnten wurde der Berliner Hauptbahnhof eröffnet. Die 20 Jahre haben mehr an ihm genagt als an einem anderen Bahnhof, weil die Bausubstanz nicht wirklich gut ist“, sagte Daniel Euteneuer von DB InfraGO. Als Chef der Personenbahnhöfe in der Region Ost ist er verantwortlich für rund 700 Stationen im Nordosten Deutschlands.

Im Moment seien die Experten dabei, das Programm zu ermitteln, berichtete der Bahnmanager. „Es gibt einen Bedarf, sich mit diesem Gebäude zu befassen. Das haben wir erkannt“, teilte Euteneuer der Berliner Zeitung mit. „Wir sind dabei, ein großes Programm aufzusetzen, damit technische Einrichtungen erneuert werden.“

Es ist nicht der erste und einzige Hauptbahnhof in Berlin

Die Bahn preist die Superlative des großen Solitärs am Rand des Parlaments- und Regierungsviertels. Auf den 14 Gleisen des Berliner Hauptbahnhofs stoppen jährlich rund 486.000-mal Züge – S-Bahnen, ICE, Intercitys, Eurocitys, auch ein paar Nachtzüge. Rund 80 Geschäfte und Restaurants gibt es in dem Gebäude, das von dem Hamburger Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner (gmp) entworfen wurde.

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Was die Zahl der Fahrgäste anbelangt, wird der Hauptbahnhof vom Ostkreuz überflügelt. Doch beide Stationen haben etwas gemeinsam: Sie sind Turmbahnhöfe. In Berlin Hbf überspannt die Stadtbahn in zehn Metern Höhe den 3,4 Kilometer langen Nord-Süd-Fernbahntunnel.

Fahrgäste im Untergeschoss des Berliner Hauptbahnhofs. In dem Turmbahnhof kreuzt die Stadtbahn den Nord-Süd-Fernbahntunnel.

Fahrgäste im Untergeschoss des Berliner Hauptbahnhofs. In dem Turmbahnhof kreuzt die Stadtbahn den Nord-Süd-Fernbahntunnel.

© Sophia Weimer/dpa

Es ist übrigens nicht der erste Bahnhof in Berlin mit diesem Namen. Auch die Parkeisenbahn in der Wuhlheide hat einen Hauptbahnhof. Ab 1987 hieß der Ostbahnhof in Friedrichshain ebenfalls so. In der Konkurrenz zu anderen Stationen in der DDR-Hauptstadt konnte er diesen Rang aber nicht ausfüllen. Wegen der Randlage, die ihn für den Binnenverkehr zum Kopfbahnhof machte. Seit 1998 heißt er wieder Ostbahnhof.

Messerattacke überschattete die Eröffnungsfeier 2006

Das 1,2-Milliarden-Euro-Bauprojekt Hauptbahnhof hatte von Beginn an nicht nur Freunde. Kritiker sprachen von einem Monsterbau. Michael Cramer, damals Europaabgeordneter der Grünen, sah eine „Berliner Mischung aus Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex“ am Werk. Der West-Berliner Architekt Helmut Maier fühlte sich in den 1990er-Jahren gar an die DDR-Staatssicherheit und deren Chef erinnert: „Ein zentraler Hauptbahnhof ist eine Erfindung von Mielke“, gab er zu bedenken.

Der Bahnsteig der S-Bahn, der anstelle des denkmalgeschützten Lehrter Stadtbahnhofs entstand, ist seit dem 4. Juli 2002 in Betrieb. Am 26. Mai 2006 fand die Eröffnungsfeier des Hauptbahnhofs statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kam mit einem Sonderzug. Eine Messerattacke überschattete allerdings den Abend: Ein 16-Jähriger verletzte 33 Menschen zum Teil schwer. In der Nacht zum 28. Mai 2006 stiegen erstmals Fahrgäste ein und aus. Kurz zuvor endete der Fernverkehr im Bahnhof Zoo.

Beim Start war schon fast vergessen, dass auch der Hauptbahnhof einst ein Pannenprojekt zu werden drohte. Planer und Bauleute waren mit dem 1995 gestarteten Bauvorhaben, das auf einem schwierigen Untergrund mit viel Grundwasser, Findlingen und Kriegsmunition stattfand, sichtlich überfordert. In einer denkwürdigen Sitzung Ende 2001 führte der kurz zuvor dazugeholte neue Projektleiter Hany Azer dem damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn vor Augen, dass sich die Fertigstellung weiter zu verzögern drohte: um bis zu sieben Jahre.

Da wirkte der Streit, ob der Name der neuen Station an den historischen Lehrter Bahnhof erinnern sollte, der einst an dieser Stelle stand und bis 1959 abgerissen wurde, fast schon niedlich.

Stahlträger stürzte aus der Glasfassade auf den Eingang

Doch Mehdorn wollte, dass der Hauptbahnhof vor Juni 2006 fertig würde – vor der Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft in Berlin. So wurde beschlossen, dass die Ost-West-Bahnsteige statt auf 430 nur auf 321 Metern überdacht werden. Der Groll des Architekten Meinhard von Gerkan wuchs, als die Hallendecke im Untergeschoss abweichend von seinem Entwurf einfacher ausfiel: eine weitere Sparmaßnahme.

Hany Azer, der seinem Projektteam bei der Bahn ein fordernder Chef war, schaffte es. Unter dem Bauingenieur aus Ägypten, der an der französischen Schule in Kairo das Abitur abgelegt hatte und 1973 ohne ein Wort Deutsch zu sprechen nach Deutschland gekommen war, ging das Vorhaben mit mehr als 40 Baufirmen voran. Statt 2009 wurde der Hauptbahnhof rechtzeitig vor der Fußballweltmeisterschaft eröffnet.

Aber auch nach dem Start hielten Bauthemen die Verantwortlichen in Atem. 2007 ließ der Orkan „Kyrill“ einen zwei Tonnen schweren Stahlträger aus der Südwest-Fassade auf den Eingangsbereich stürzen. An einem Trägerrost wurden gravierende Betonagefehler („Bröselbeton“) entdeckt, sie bedrohten die Standfestigkeit der Brücken des Stadtbahnviadukts. Im Untergrund wurde zudem Beton verbaut, der dem geplanten neuen S-Bahn-Tunnel im Weg ist.

DB InfraGO: „Es muss etwas unternommen werden“

Zu dem Bauprogramm, das nun vorbereitet wird, nannte Daniel Euteneuer von DB InfraGO noch keine Details. Nur so viel: „Wir können den Hauptbahnhof nicht als Flickwerk bearbeiten, ein Gesamtkonzept ist notwendig. Und das wird aufwendig sein“, sagte der 43-Jährige.

Nichtstun wäre aber keine Alternative. „Es muss etwas unternommen werden. Der Hauptbahnhof ist für Berlin und die DB ein Aushängeschild“, gab Euteneuer zu bedenken. Das Projekt sei von großer Bedeutung, müsse aber sorgfältig geplant werden.

„Kurzfristig wird da nichts passieren. Wir gehen derzeit davon aus, dass die Arbeiten Anfang der 2030er-Jahre beginnen“, erklärte der Bahnhofsverantwortliche.

Viel Betrieb im Berliner Hauptbahnhof: An den Gleisen 13 und 14 drängen sich die Fahrgäste. „Bitte weitergehen“, steht auf einem Schild über der Fahrtreppe.

Viel Betrieb im Berliner Hauptbahnhof: An den Gleisen 13 und 14 drängen sich die Fahrgäste. „Bitte weitergehen“, steht auf einem Schild über der Fahrtreppe.

© Peter Neumann/Berliner Zeitung

Die Planer befassen sich auch mit den beiden Bahnsteigen an den oberen Gleisen 11/12 und 13/14. Weil sich dort normalerweise ein großer Teil des Fernverkehrs konzentriert, aber auch stark frequentierte Regionalzüge halten, kommt es immer wieder zu Gedränge. Rund um die Öffnungen, die Licht in darunterliegende Geschosse lassen sollen („Lichtaugen“), sind die Bahnsteige sehr schmal. Änderungen könnten aber erneut Streit mit dem Architekturbüro gmp heraufbeschwören.

Zuletzt wurde berichtet, dass die Bahn Planungen zur Verbreiterung der beiden Bahnsteige aufgenommen, aber 2024 wieder gestoppt habe. Doch Euteneuer teilte mit, dass sich die Planer weiterhin mit dem Thema befassen.

Was geschieht mit den Lichtaugen in den Bahnsteigen?

„Die Platzprobleme auf den Ost-West-Bahnsteigen für den Fern- und Regionalverkehr sind ein wichtiges Thema“, betonte er. „Wir suchen nach Möglichkeiten, mehr Raum für die Reisenden zu schaffen und das Gedränge zu entzerren. Dabei geht es natürlich auch darum, ob die Lichtaugen bleiben können oder ob Umbauten nötig sind. Wenn es ein anderes Konzept gibt, die Situation zu entspannen, würden wir das auch prüfen.“

Hier geht es zur neuen S-Bahn-Linie S15 nach Gesundbrunnen. Eine Klanginstallation und Videokunst empfangen in der Verteilerebene unter der Invalidenstraße die Fahrgäste.

Hier geht es zur neuen S-Bahn-Linie S15 nach Gesundbrunnen. Eine Klanginstallation und Videokunst empfangen in der Verteilerebene unter der Invalidenstraße die Fahrgäste.

© Thomas Meyer/Ostkreuz

Währenddessen haben auf dem nördlichen Vorplatz, zur Invalidenstraße hin, Bauarbeiten begonnen – auch wenn man den Eindruck hat, dass es dort nur langsam vorangeht. Nach einem Entwurf des Büros Rehwaldt Landschaftsarchitekten entsteht hier ein „geordneter, barrierefreier und atmosphärischer Raum, der das Hauptstadttor funktional und städtebaulich aufwertet“. Erste Bäume für den „grünen Schirm“ sind gepflanzt. Was fehlt, ist ein Verkehrskonzept – etwa für die Taxis.

„Der Europaplatz war bislang ein hässlicher, brachliegender Platz. Dass sich dort jetzt etwas tut, macht uns glücklich“, lobte Daniel Euteneuer.

Sanfte Musik und Videokunst für die Fahrgäste der S15

Auch der neue S-Bahnhof unter der Invalidenstraße verdiene  Erwähnung, sagte er. In der Verteilerebene, deren Wände mit dunkelblau emaillierten Blechplatten aus Sachsen gestaltet wurden, beruhigen sanfte Musik von Andreas Paolo Perger und eine Videoinstallation die Gemüter. Der Bereich über der provisorischen Station, in der seit Juni 2026 S-Bahnen nach Gesundbrunnen abfahren, ist einer der angenehmsten Orte im Berliner Nahverkehrssystem.

„Die S15 wird viel stärker angenommen, als wir selbst prognostiziert hatten“, kommentierte der Chef aller Personenbahnhöfe im Nordosten Deutschlands. „Obwohl die neue S-Bahn-Station nur ein Interimsbahnhof ist, sieht sie toll aus.“

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