Die Reaktionen waren gewaltig. „Bayern-Blamage in Magdeburg“ (Der Spiegel), „Torwart Dreszer der Pokal-Held“ (Kicker) oder „Legendärer Sieg gegen die Bayern“ (Volksstimme) – das ist nur eine kleine Auswahl an Schlagzeilen, die eine Sensation beschreiben, die sich vor nunmehr 26 Jahren ereignet hat.
Der damalige Oberligist (!) 1. FC Magdeburg, dessen Gegner im Liga-Alltag etwa Anhalt Dessau und VFC Plauen hießen, warf am 1. November 2000 in der zweiten Runde des DFB-Pokals den Deutschen Meister FC Bayern München aus dem Wettbewerb.
Beim 4:2-Erfolg nach Elfmeterschießen – nach 120 Minuten hatte es 1:1 gestanden – hielt FCM-Torhüter Miroslav Dreszer zwei Strafstöße der Bayern von Jens Jeremies und Giovane Elber und Dirk Hannemann verwandelte den entscheidenden Elfer gegen Nationaltorwart Oliver Kahn. Hinterher sagte Hannemann cool: „Ich habe einfach geschossen, ohne nachzudenken, wer im Tor steht!“
Magdeburg-Fans fiebern Spiel in München entgegen
Warum jetzt dieser Rückblick, der jedem Magdeburger Anhänger noch immer das Herz aufgehen lässt? Am 28. Oktober kommt es nach über zwei Jahrzehnten wieder zu einem Pokalduell des heutigen Zweitligisten Magdeburg gegen die seit Jahren übermächtigen Bayern.
Dabei hatte die Mannschaft der Cheftrainer Petrik Sander und Pascal Ibold Lospech, denn sie muss in der Münchner Allianz-Arena antreten. Magdeburgs Fans fiebern schon jetzt dem Duell entgegen. Ob Sander seinen Profis zur Motivation Ausschnitte aus der magischen Pokalnacht von vor 26 Jahren zeigen wird? „Nein“, sagt Sander, „das war eine ganze andere Zeit, ein anderer Fußball. Das bringt nicht viel.“
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Die Magdeburger werden als krasser Außenseiter dennoch mit Mut zum „Spiel des Jahres“ nach München reisen. Auf Platz sechs und mit zehn Punkten in Liga Zwei sind sie in die Länderspielpause gegangen – das beste Abschneiden der drei Ostvereine in dieser Liga. Dabei vergeigten die Elbestädter noch das erste Spiel in nie dagewesener Art und Weise.
Bei der 1:6-Niederlage gegen Eintracht Braunschweig in der heimischen Arena klappte gar nichts, brachen alle Dämme. Alle, ob Spieler, Trainer oder Fans, fühlten sich „wie im falschen Film“. Petrik Sander drastisch: „Das Spiel gegen Braunschweig glich einem Systemausfall. Natürlich hatten wir uns den Start in die Saison alle ganz anders vorgestellt.“ Plötzlich ging die Angst um, erneut einen kapitalen Fehlstart hinzulegen wie eine Saison zuvor. Damals hatte der FCM nach acht Spieltagen nur drei Punkte auf dem Konto.
Doch die Trainer bauten das Team sofort wieder auf, behielten die Ruhe und waren als Psychologen gefragt. „Wir haben uns sehr schnell berappelt und wieder herausgekämpft“, sagt Sander. Der FCM betrieb schon am zweiten Spieltag, bei einem 3:0-Sieg beim VfL Osnabrück, eindrucksvoll Wiedergutmachung. Durchaus eine Meisterleistung auch der Trainer.
Es folgten zwei klare Heimsiege gegen Kiel (2:0) und Kaiserslautern (3:0), eine knappe Niederlage bei Tabellenführer Hertha BSC (1:2) und zuletzt ein 1:1 bei der SpVgg Greuther Fürth. In Magdeburg ist man zufrieden mit dem Saisonverlauf, hätte sich gar noch den einen oder anderen Punkt mehr gewünscht. Petrik Sander: „Bei der 1:2-Niederlage bei Hertha hätten wir einen Punkt verdient gehabt.“
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Die Moral, die die Mannschaft nach dem krassen Auftaktspiel gezeigt hat, stärkte das Gemeinschaftsgefühl ungemein. Jeder rennt für den anderen. Das zeigt sich auch in der Torausbeute. War man in der Vorsaison vor allem auf Goalgetter Mateusz Zukowski angewiesen, der 17 Treffer schaffte (Platz zwei in der Liga), sprangen bislang Zugang Emmanuel Iyoha (4 Tore) und der dynamische Alexander Nollenberger (3 Tore) in die Bresche. Beide kompensierten die kleine Ladehemmung bei Zukowski (2 Tore).
Sieben Magdeburger Profis sind derzeit für die Nationalmannschaften oder U-Auswahlteams ihrer Länder unterwegs. So viele wie noch nie. Es wäre wichtig, wenn diese Akteure mit Erfolgserlebnissen nach Magdeburg zurückkehren, weil im Oktober ein Höhepunkt den anderen jagt und Selbstvertrauen gefragt ist.
„Elbclasico“ und „Spiel des Jahres“ für den FCM
In der Liga gibt es die Heimspiele gegen Hannover 96 mit dem neuen Trainer Sandro Wagner und den Karlsruher SC und am 18. Oktober den „Elbclasico“, dass stets hochemotional aufgeladene Duell bei Dynamo Dresden. Das ist mit 31.000 Zuschauern total ausverkauft. Und am 28. Oktober folgt schließlich das „Spiel des Jahres“ im Pokal bei den Bayern. Dieses Mal vor 75.000 Fans, darunter 7500 aus Magdeburg.
Die große Anhängerschaft des FCM wird die Bayern nach der Länderspielpause genau beobachten, hofft beim anstehenden Mammutprogramm der Münchner auf ein kleine Schwächephase im Pokal. Für den Meister ist das Duell gegen Magdeburg dann das sechste Spiel binnen 18 Tagen in Liga und in der Champions League.
Falls der große Favorit etwas schwächeln sollte, muss die Sander-Truppe zeitgleich über sich hinauswachsen. Nur dann ist vielleicht nach 26 Jahren wieder eine solche Schlagzeile möglich: „Magdeburg wirft die Bayern aus dem Pokal.“ Der Fußball-Osten würde jubeln.
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