Staatsbesuch

Roter Teppich für Tokajew: Deutschland buhlt um Kasachstan

Deutschland will die Beziehungen zu Kasachstan ausbauen. Im Fokus stehen Rohstoffe, Wirtschaft und neue Partnerschaften. Ein Bericht vom Tokajew-Besuch in Berlin.

5 Min
Kasachstans Staatspräsident Tokajew ist für zwei Tage in Deutschland zu Besuch.

Kasachstans Staatspräsident Tokajew ist für zwei Tage in Deutschland zu Besuch.

© dts Nachrichtenagentur/imago

Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt. In vier Reihen stehen Teilnehmer in Anzügen und Hosenanzügen hinter den Sitzplätzen. Kamera-Leute stehen bereit. Ein asiatischer Reporter nimmt ein schnelles Statement für das Fernsehen auf. Das Interesse ist riesig. Berlin, genauer gesagt die Fischerinsel, hat sich währenddessen herausgeputzt: die Straße gefegt, der rote Teppich ist ausgerollt, Blumen wurden aufgestellt und sogar die spätsommerliche Sonne lässt die Temperaturen noch einmal auf 25 Grad steigen.

Am Dienstag begrüßt die Hauptstadt den kasachischen Präsident Kassym-Schomart Tokajew und eine große kasachische Wirtschaftsdelegation. Das Interesse und das Bemühen um die Gunst Tokajews zeigt eindrucksvoll: Deutschland wirbt um das Steppenland in Zentralasien.

Strategische Notwendigkeit

Die Verbindung beider Länder offenbart sich erst auf den zweiten Blick. Obwohl der geografische Abstand zwischen Berlin und Astana mehrere tausend Kilometer beträgt, sind die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen in den vergangenen Jahren deutlich enger geworden. Kasachstan ist reich an Rohstoffen, verfügt über große Flächen und liegt an einer strategisch wichtigen Schnittstelle zwischen Europa, Russland, Südasien und China. Deutschland wiederum sucht nach neuen Partnerschaften und Lieferketten.

Was früher vor allem eine Beziehung zwischen einem europäischen Industrieland und einer weit entfernten ehemaligen Sowjetrepublik war, bekommt damit eine neue Bedeutung. Zentralasien ist spätestens mit Beginn des Ukrainekrieges stärker in den Blick der deutschen Politik und Wirtschaft gerückt und Kasachstan nimmt dabei eine besondere Rolle ein.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Deutsche Polit-Prominenz

Die Bedeutung lässt sich auch an den deutschen Gästen im Saal erkennen. Das halbe Kabinett Merz ist dabei – angeführt vom scheidenden Bundespräsidenten. Frank-Walter Steinmeier spricht von einer zwanzig Jahre währenden Freundschaft mit Präsident Tokajew. Beide waren bereits Außenminister ihrer Länder.

Gewohnt staatsmännisch, fast pastoral betont Steinmeier die Partnerschaft. Er dankt sich vor allem für die Hilfe Kasachstans für die deutsche Ölversorgung in Krisenzeiten. „Wir vergessen nicht, dass Ihr Land die Raffiniere in Schwedt beliefert hat“. Kasachstan habe gerade der ostdeutschen Bevölkerung und Wirtschaft in einer Notsituation geholfen.

Präsident Tokajew holte in seiner Rede weit aus, zeigte die institutionelle Entwicklung seines Landes in den letzten Jahren auf und dankte den deutschen Bemühungen um eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Zudem betonte er: „Die Marke ‚Made in Germany‘ spielt immer noch eine große Rolle“. Positiv wurde seitens der Teilnehmer bemerkt, dass er seine ganze Rede auf Englisch hielt.

Von Absichten und Abkommen

Tokajew kam nicht allein nach Berlin. Mit ihm reist eine Delegation aus Vertretern kasachischer Unternehmen und Institutionen an. Es geht um Geschäfte, Investitionen und langfristige Kooperationen. Auf der Tagesordnung stehen unter anderem Rohstoffe, Energie, Logistik und Technologie. Für beide Seiten bietet die Annäherung wirtschaftliche Chancen. Für eine deutsche Wirtschaft, die ihre Abhängigkeiten in den vergangenen Jahren neu bewerten musste, ist das von erheblicher Bedeutung.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfängt den Staatspräsidenten Kasachstans Kassym-Schomart Tokajew mit militärischen Ehren im Verteidigungsministerium.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfängt den Staatspräsidenten Kasachstans Kassym-Schomart Tokajew mit militärischen Ehren im Verteidigungsministerium.

© Kay Nietfeld/dpa

Da ist etwa das ostdeutsche Unternehmen „Schachtbau Nordhausen“ aus Thüringen, das bereits seit fast zwanzig Jahren im Bereich Bergbau in Kasachstan aktiv ist. Kasachstanchef Olaf Schmidt lobte während der Veranstaltung die enge Partnerschaft und die kurzen Wege zur kasachischen Regierung. Auf sein Unternehmen könnten weitere Aufträge zukommen, denn Deutschland und die EU will an die kasachischen Rohstoffe und vor allem an die kritischen.

Auch Anuar Malik reist mit dem kasachischen Präsidenten durch Europa. Als CEO des Unternehmens BMCA, das die Messe Frankfurt in Kasachstan vertritt, wirbt er um sein Land. „Kasachstan hat alles, um zur führenden Messedrehscheibe zwischen Europa und Asien zu werden, und genau das ist unser Ziel.“ Sein Unternehmen unterzeichnete eine Absichtserklärung, um zukünftig weiteren Messen vor allem im Bereich Nutzfahrzeuge und Transport in Kasachstan zu veranstalten.

Es geht um mehr als Rohstoffe

Kasachstan möchte seine Wirtschaft breiter aufstellen und stärker in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden werden. Deutschland verfügt über Technologie, Finanzierungsinstrumente und industrielle Erfahrung. Die Interessen ergänzen sich damit zumindest in einigen Bereichen. Auf dem Papier klingt das nach einer klassischen Win-win-Konstellation.

In der Realität ist die Zusammenarbeit komplizierter. Kasachstan verfolgt traditionell eine Außenpolitik, die auf möglichst vielen Partnerschaften beruht. Russland bleibt ein wichtiger Nachbar und Handelspartner. Das sagt Präsident Tokajew auch während der Pressekonferenz mit Bundeskanzler Friedrich Merz im Kanzleramt am späteren Nachmittag. Gleichzeitig unterhält Astana enge Beziehungen zu China und versucht, seine Verbindungen zu Europa und anderen Staaten auszubauen. Deutschland wiederum muss bei seiner Zusammenarbeit mit Kasachstan wirtschaftliche Interessen mit politischen und strategischen Fragen verbinden.

Für Berlin ist der Besuch deshalb auch ein Signal nach außen. Deutschland will nicht erst dann präsent sein, wenn andere Mächte die wirtschaftlichen Beziehungen längst aufgebaut haben. Die Bundesregierung versucht, deutsche Unternehmen in der Region stärker zu positionieren und neue Verbindungen zu schaffen. Zwar sind viele Länder bereits in der Region aktiv, doch Deutschland will mitspielen und Tokajew hat selbst Interesse daran.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner