Koexistenz

Der Islam und seine Probleme gehören zu Deutschland: Zwischen Remigrationsfantasie und Vielfaltsromantik

Am Tag der offenen Moschee geht es um Dialog und Verständigung. Doch Islamismus, Antisemitismus und Integrationsprobleme werfen eine Frage auf: Wo liegen die Grenzen der Toleranz?

9 Min
Schwarz-Rot-Gold vor der Şehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln.

Schwarz-Rot-Gold vor der Şehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln.

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Der 3. Oktober ist nicht nur der Tag der Deutschen Einheit, sondern seit 1997 auch der Tag der offenen Moschee. Islamische Gemeinden in ganz Deutschland öffnen an diesem Datum ihre Türen für Besucher. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland wählte den Termin nach eigenen Angaben bewusst, um die „interreligiöse und interkulturelle Verständigung“ zu fördern. Doch die Veranstaltungen sind mehr als reine Informationsangebote.

Moscheegemeinden präsentieren an diesem Tag auch ihren Glauben, erklären religiöse Praktiken und suchen gezielt den Kontakt zu Nichtmuslimen. Je nach Gemeinde kann dabei neben Dialog und Öffentlichkeitsarbeit auch religiöse Ansprache eine Rolle spielen. Der Tag dient damit als Schaufenster des Islams in Deutschland. Doch auch fast 30 Jahre nach Einführung bleibt eine wichtige Frage offen: Wie kann ein Miteinander auf Augenhöhe gelingen?

Populismus oder Naivität

Einfacher ist die Antwort darauf nicht geworden. Im Gegenteil. Die kulturellen Spannungen zeigen sich inzwischen auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Da sind die vermeintlich Toleranten, denen allein die Benennung von Problemen übel aufstößt, ob Islamismus, Antisemitismus, Zwangsehen, Ehrenmorde oder Parallelgesellschaften, die in bestimmten islamisch geprägten Milieus oder Strömungen vorkommen. Auf der anderen Seite sind die Verängstigten und Puristen, die schon in der neuen Dönerbude an der Ecke die Islamisierung der Republik wittern.

Und da sind Muslime selbst, die ihrerseits oft mit Misstrauen reagieren und nicht immer die größte Integrationsbereitschaft zeigen. In der Islamfrage pendelt die Republik zwischen undurchführbaren, populistischen Remigrationsfantasien à la Martin Sellner und den Toleranzgebärden der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt, die auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 verkündete: „Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich darauf!“ Ein Satz, der sinnbildlich dafür steht, wie unter dem Deckmantel einer naiven Vielfaltsutopie reale Probleme lange ignoriert wurden.

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Wulffs historischer Moment

Was umstrittene Aussagen angeht, fiel fünf Jahre zuvor, 2010, zum 20. Jahrestag der Einheit, einer der berühmtesten und kontroversesten Sätze, die je ein Staatsoberhaupt der Bundesrepublik gesagt hat. „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Der Satz von Bundespräsident Christian Wulff prägte eine ansonsten glücklose, vorzeitig beendete Amtszeit.

Und ja, der Islam ist da, in all seinen Facetten. Im Stadtbild mit seinen Gotteshäusern, in Geschäften und Restaurants von Menschen, deren Familien aus mehrheitlich islamisch geprägten Ländern stammen. In Regeln und Anpassungen, in Toleranz und in Hass.

Helmut Schmidt und die Moschee nebenan

Wulff spaltete damals das Land und tut es heute noch. Die einen feierten seinen Satz als überfälliges Bekenntnis, die anderen sahen darin eine Kapitulation. Einer, der es differenzierter sah, meldete sich im selben Jahr zu Wort. Altkanzler Helmut Schmidt saß in der ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“ und wurde auf Wulffs Satz angesprochen. Er antwortete: „Ich würde das ein bisschen anders ausdrücken: Einstweilen haben wir in Deutschland dreieinhalb oder vier Millionen Muslime, die nicht alle deswegen in die Moschee gehen und die nicht alle das Freitagsgebet einhalten, aber viele doch. Und natürlich wird ein Teil dieser Muslime deutscher Staatsbürger und gehört genauso zu Deutschland wie die anderen, die immer noch der christlichen Kirche angehören – und wie die vielen, vielen zig Millionen, die inzwischen aus ihrer Kirche ausgetreten sind, auch zu Deutschland gehören.“

Auf die Frage, ob er etwas dagegen hätte, eine Moschee in seiner Nähe zu haben, antwortete er knapp: „Warum soll ich etwas dagegen haben?“

Ein Schönredner war Schmidt deshalb nicht. „Zuwanderung aus fremden Zivilisationen schafft mehr Probleme, als es uns auf dem Arbeitsmarkt an positiven Faktoren bringen kann“, sagte er in derselben Sendung. Aus Polen oder Tschechien sei Zuwanderung problemlos, bei „etwas östlicheren Gegenden“ werde es schwieriger. Die aus Anatolien sei „nicht ganz problemlos“, die aus Afghanistan bringe „erhebliche Probleme mit sich“.

Schmidt bekannte sich also zu den Muslimen als Teil des Landes, scheute sich aber nicht, auch Integrationsprobleme offen zu benennen. Diese Haltung fehlt der Debatte bis heute.

Was der Islam in Deutschland ist

Der Altkanzler sprach damals von bis zu vier Millionen Muslimen. Heute sind es fast sieben Millionen. Nach einer Hochrechnung des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge leben heute zwischen 6,6 und 7,0 Millionen Muslime in Deutschland. Das entspricht 8,0 bis 8,5 Prozent der Bevölkerung.

Rund 2,7 Millionen Muslime stammen aus der Türkei. Sie bilden mit 39,4 Prozent weiterhin die mit Abstand größte Gruppe, 2008 lag ihr Anteil allerdings noch bei 64,4 Prozent. Rund zwei Millionen kommen aus arabischsprachigen Ländern, allein 1,1 Millionen aus Syrien.

Organisiert ist dieses Leben in rund 2600 muslimischen Gemeinden, in denen etwa 2300 Imame arbeiten. Das ergab eine von der Deutschen Islam-Konferenz geförderte Studie des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung aus dem Jahr 2022.

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff beim Empfang der Sternsinger im Schloss Bellevue. In seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2010 sagte er: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff beim Empfang der Sternsinger im Schloss Bellevue. In seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2010 sagte er: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

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Das Misstrauen der Mehrheit

Das gefällt nicht allen, wie repräsentative Studien zeigen. Laut Motra-Monitor teilen 43 Prozent der Bevölkerung antimuslimische Einstellungen, mehr als 28 Prozent haben eine manifest muslimfeindliche Haltung. Der Wert steigt seit 2023 stetig. 62,9 Prozent stimmen der Aussage „Es gibt zu viele Muslime in Deutschland“ ganz oder teilweise zu.

In der Mitte-Studie 2025 der Friedrich-Ebert-Stiftung meinen 8,6 Prozent, „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“. Weitere 22,4 Prozent antworten „teils/teils“ und distanzieren sich damit nicht eindeutig. „Muslimfeindliche Einstellungen“ blieben auf hohem Niveau, heißt es. In der Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 gab fast die Hälfte der Befragten an, sich „durch die vielen Muslime [...] manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“ zu fühlen.

Im Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung von 2023 stimmten 65 Prozent der Nichtmuslime dem Satz „Musliminnen und Muslime sind frauenfeindlich“ zu. Seit zehn Jahren empfindet mehr als die Hälfte der Deutschen den Islam als Bedrohung.

Ängste mit realem Kern

Ängste, ob berechtigt oder nicht, existieren. Oft ist die Rede von Zugewanderten, die ihre Lebensweise konservieren und eine Gesellschaft der Freiheit und Selbstbestimmung nicht als erstrebenswert ansehen. Viele empfinden, dass diese Lebensweise immer mehr Raum einnimmt, ohne dass ihre Sorgen gehört werden. In seinem Roman „Unterwerfung“ beschreibt Michel Houellebecq ein Frankreich der nahen Zukunft, in dem eine muslimische Partei demokratisch an die Macht kommt und das gesellschaftliche Leben nach islamischen Werten umgestaltet. Nicht wenige fürchten Ähnliches für Deutschland.

Solche Ängste sind oft von Vorurteilen geprägt, aber eben nicht immer. Auch die hässliche Seite der Weltreligion hat Deutschland geprägt. Am Rande des CSD fuhr diesen Sommer in Berlin ein Islamist mit einem Auto in eine Menschenmenge. Eine Frau starb, 31 Menschen wurden verletzt. Für 2025 zählt das Bundeskriminalamt vier mutmaßlich islamistische Anschläge.

Diese Taten werden dem Islam zugerechnet, obwohl Extremisten sie begehen, deren Auslegung nicht für eine Weltreligion stehen kann. Gedanklich bleibt die Gefahr dennoch mit dem Islam an sich verknüpft. Der Verfassungsschutzbericht 2025 weist 1823 extremistische Straftaten im Bereich „religiöse Ideologie“ aus, 1599 davon mit islamistischem Hintergrund.

Innenansicht der DITIB Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld am Tag der offenen Moschee.

Innenansicht der DITIB Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld am Tag der offenen Moschee.

© IMAGO/Christoph Hardt

Importierter Antisemitismus

Damit ist ein Problem benannt, das eine über Jahre falsch verstandene Toleranz oft nicht aussprechen wollte. Von den 6548 antisemitischen Straftaten des Jahres 2025 ordnen die Behörden zwar 47 Prozent dem rechten Spektrum zu. Doch 35 Prozent entfallen auf „ausländische Ideologie“, neun Prozent auf „religiöse Ideologie“. Das Problem eines importierten Antisemitismus besteht also.

Zugleich sind Muslime selbst Ziel von Hass. 2025 zählte die Polizei laut Bundesinnenministerium 1753 islamfeindliche Straftaten, darunter 93 Körperverletzungen, die meisten davon rechts motiviert. Systematisch erfasst werden solche Taten erst seit 2017, die Dunkelziffer ist hoch. Laut einer Umfrage der EU-Grundrechteagentur FRA von 2021 und 2022 melden in Deutschland nur vier Prozent der Betroffenen muslimfeindliche Vorfälle.

Extremismus auf der einen, Hass auf der anderen Seite. Beides zeigt, dass guter Wille allein kein Zusammenleben trägt. Dafür braucht es klare Regeln, und sie gelten für alle.

Der Rahmen heißt Rechtsstaat

Man muss am Islam nicht alles gut finden. Dass Schulkantinen Halal-Gerichte anbieten, dürfte niemanden verstören. Dass Eltern ihren Töchtern verbieten, am Schwimmunterricht teilzunehmen, weil sie Mädchen sind, dagegen schon. Das Bundesverwaltungsgericht hat 2013 klargestellt, dass muslimischen Mädchen der gemeinsame Schwimmunterricht mit Jungen zuzumuten ist. Entscheidend ist also, wo Unterschiede ihren Platz haben und wo sie an Grenzen stoßen. Das Grundgesetz garantiert die Religionsfreiheit, doch sie findet ihre Grenzen in anderen Grundrechten. Ob eine Glaubenspraxis damit vereinbar ist, entscheiden Gerichte, nicht Stammtische.

Vor diesem Hintergrund erübrigt sich die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Natürlich tut er das. Die Menschen sind hier, und sie werden auch nicht gehen, nur weil irgendein Österreicher Pseudolösungen präsentiert. Die Frage muss lauten, was wir daraus machen.

Wem das nicht gefällt, der sollte entweder selbst auswandern oder an der Erfindung einer Zeitmaschine arbeiten. Damit müsste man dann in der Zeit zurückreisen, um den Vätern des Anwerbeabkommens mit der Türkei ihre Pläne auszureden und Angela Merkels „Wir schaffen das“ gleich mit aus der Geschichte zu löschen.

Der West-östliche Divan ist Realität

Helmut Schmidt hätte dabei wohl eher zur Gelassenheit geraten. Von Journalisten der Neuen Zürcher Zeitung gefragt, ob die Auseinandersetzung mit dem Islam für ihn das übergeordnete Problem sei, antwortete er: „Ich würde das Wort Auseinandersetzung nicht in den Mund nehmen wollen. In meinen Augen sind alle Religionen gleichberechtigt.“

Christian Wulff zitierte in seiner Rede auch Goethes „West-östlichen Divan“: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Die Muslime sind hier, und kein Remigrationsplan wird daran etwas ändern. Jedem sei deshalb geraten, am 3. Oktober eine Moschee zu besuchen. Gerade am Tag der Deutschen Einheit lohnt die Erinnerung daran, dass Einheit nie Gleichheit bedeutet hat. Sie war immer die Kunst, mit Unterschieden zu leben.

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