Als Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in dieser Woche den Präsidenten von Kasachstan, Kassym-Schomart Tokajew, im Kanzleramt empfing, trafen zwei außenpolitische Realitäten aufeinander. Berlin will enger mit Kasachstan zusammenarbeiten und mehr Erdöl von dort beziehen – als Ersatz für russisches Erdöl. Tokajew wiederum betonte seine guten Beziehungen zu Wladimir Putin. Zugleich ist Deutschland für Kasachstan ein wichtiger Partner, auch wenn beide Regierungen Russland unterschiedlich gegenüberstehen.
Merz nutzte den Termin, um seine Haltung zum Ukraine-Krieg zu bekräftigen. Die russische Reaktion auf das Gespräch zwischen Außenminister Johann Wadephul und seinem Amtskollegen Sergej Lawrow in New York wertete er als Zeichen, dass Moskau derzeit nicht zu ernsthaften Friedensverhandlungen bereit sei. Das ist beachtlich: Das erste Gespräch seit Beginn des Ukraine-Krieges zwischen den Chefdiplomaten Russlands und Deutschlands wird vom Kanzler zum Rohrkrepierer erklärt.
Deutschland, sagte Merz, wolle die Ukraine weiter unterstützen. Die entscheidende Frage vor dem fünften Kriegswinter lautet nun: Folgen auf diese Zusage rechtzeitig genügend Mittel für Haushalt und Luftverteidigung?
Putin erhöht die Sollstärke der russischen Armee
Denn Russland stellt sich unübersehbar auf einen langen Krieg ein. Ein Ende September unterzeichnetes Dekret erhöht die vorgesehene Zahl aktiver Soldaten auf rund 1,55 Millionen.
Das ist eine Sollstärke – kein Beleg dafür, dass alle Stellen bereits besetzt sind. Doch russische Haushaltspläne für 2027 sehen Verteidigungsausgaben von 17,1 Billionen Rubel (rund 180 Milliarden Euro) vor, rund 27 Prozent mehr als ursprünglich für dieses Jahr veranschlagt.
Die Zahlen beweisen nicht, wann oder ob Moskau zu Verhandlungen bereit sein wird, die widerlegen dies auch nicht. Sie zeigen aber, dass der Kreml militärisch und finanziell für eine Fortsetzung des Krieges plant. Für die Ukraine und ihre Unterstützer verschärft das den Druck, über einzelne Hilfszusagen hinaus verlässlich Nachschub zu organisieren.
Die EU zahlt – Kiew braucht zugleich Abwehrwaffen
Die Europäische Union hat Ende September eine weitere Auszahlung von knapp drei Milliarden Euro im Rahmen der Ukraine-Fazilität gebilligt. Fast 800 Millionen Euro davon stammen erstmals aus dem Ukraine Support Loan. Die Mittel sollen unter anderem den ukrainischen Staatshaushalt stabilisieren.
Außerdem verlängerte die EU Sanktionen gegen mehr als 3000 gelistete Personen und Einrichtungen bis September 2029 und nahm 27 weitere Akteure wegen der Verschleppung ukrainischer Kinder auf die Sanktionsliste.
Diese Unterstützung ist wichtig. Sie löst jedoch ein anderes, unmittelbares Problem nicht: Finanzhilfen fangen keine Drohnen und Raketen ab. Merz kündigte vor dem für Mitte Oktober geplanten EU-Treffen Beratungen über zusätzliche Ukraine-Hilfe an. Im Mittelpunkt stehen nach seinen Angaben der Haushalt des Landes und seine Luftverteidigung.
Der Angriff auf Kiew macht die Lücke sichtbar
Das Problem der schwachen Luftabwehr zeigte der Angriff vom 28. September. Eine russische düsengetriebene Drohne traf ein Gebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Kiew, in der auch Drohnen entwickelt werden.
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Bei dem Angriff starben nach späteren Berichten mindestens zwei Menschen. Ob die Akademie selbst das beabsichtigte Ziel war, ist nicht geklärt. Es liegt wegen der militärischen Forschung aber nahe.
Die Angriffe sind Teil einer breiteren Eskalation. Die UN-Menschenrechtsbeobachter registrierten vom 1. bis 24. September mindestens 200 getötete und mehr als 1200 verletzte Menschen außerhalb der unmittelbaren Kampfzone.
Warum Strom und Heizung über den Winter entscheiden
Für die Ukraine geht es bei der Luftverteidigung nicht allein um den Schutz einzelner Gebäude. Kraftwerke, Stromleitungen und Wärmenetze sind im Winter ebenso entscheidend.
Die UN dokumentierte, dass wiederholte russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur bereits im Winter 2025/26 Stromausfälle und erhebliche Störungen grundlegender Dienstleistungen verursachten.
Jede zusätzliche Abwehrkapazität kann deshalb mehrfach wirken: Sie schützt Menschen unmittelbar und hilft zugleich, die Versorgung von Wohnungen, Krankenhäusern und Betrieben aufrechtzuerhalten. Ob die Hilfe rechtzeitig eintrifft, wird für viele Städte wichtiger sein als die nächste Grundsatzerklärung.
Ukrainische Gegenangriffe ändern das Gesamtbild nicht allein
An der Front gibt es auch Erfolge für die Ukraine. Ihr Drittes Armeekorps meldete für die Operation „Vivaldi“ im Norden des Donezker Gebiets die Rückeroberung von insgesamt 176 Quadratkilometern, davon 51 Quadratkilometer in einer jüngsten Phase.
Das in London ansässige Institute for the Study of War griff diese Angaben auf und bewertete die ukrainischen Vorstöße als bemerkenswert. Es handelt sich jedoch um Angaben der ukrainischen Seite, die für sich genommen keine Entwarnung für die gesamte Front bedeuten.
Der Krieg wird somit nicht allein durch die russische Aufrüstung bestimmt. Ebenso wenig lässt sich aus einem ukrainischen Geländegewinn schließen, dass die Gefahr für Städte und Infrastruktur nachlässt. Gerade diese Gleichzeitigkeit macht verlässliche militärische und zivile Hilfe so wichtig.
Russlands Druck erreicht auch deutsche Unternehmen
Der Konflikt hat für Deutschland längst konkrete wirtschaftliche Folgen. Ende September stellte Russland das dortige Geschäft des Düsseldorfer Großhändlers Metro unter vorübergehende Zwangsverwaltung. Metro bleibt nach eigenen Angaben formal Eigentümerin, hat aber die operative Kontrolle über ihre russische Tochter verloren. Zuvor waren bereits die russischen Geschäfte von Nestlé und Auchan unter externe Verwaltung gestellt worden.
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Das ist nicht mit einem direkten militärischen Angriff auf Deutschland gleichzusetzen. Es zeigt aber, dass Entscheidungen des Kremls europäische Unternehmen unmittelbar treffen können. Für Berlin geht es bei der Ukraine-Politik damit auch um die eigene wirtschaftliche und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit.
Merz’ Versprechen wird an Lieferungen gemessen
Gespräche mit Moskau bleiben möglich und notwendig. Merz besteht zugleich darauf, dass über die Zukunft der Ukraine nicht ohne die Ukraine und die Europäer verhandelt wird. Während die USA Putin zum G-20-Gipfel im Dezember eingeladen haben, will Berlin verhindern, dass europäische Sicherheitsinteressen bei möglichen Gesprächen an den Rand geraten.
Der Kanzler hat der Ukraine einen langen Atem versprochen. Ob daraus eine tragfähige Strategie wird, zeigt sich an konkreten Entscheidungen: an zusätzlichen Abwehrsystemen, gesicherter Finanzierung und dem Schutz der Energieversorgung. Der Winter wird diese Zusagen nicht an Worten messen, sondern daran, ob in ukrainischen Städten Strom, Wärme und Schutz verfügbar bleiben.
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