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Jogginghose an, Welt aus

Warum das Umziehen für mich den Feierabend einläutet – und meine Eltern (genau wie Karl Lagerfeld) ohne sie etwas verpassen.

4 Min
Ob weiß, grau oder schwarz: Die Jogginghose ist für mich das Zeichen, dass der Tag draußen vorbei ist.

Ob weiß, grau oder schwarz: Die Jogginghose ist für mich das Zeichen, dass der Tag draußen vorbei ist.

© Unsplash

Wenn ich nach Hause komme, besteht meine allererste Amtshandlung darin, eine Jogginghose anzuziehen. Hektisch schüttle ich meine Jeans ab, hechte in das Stück schlabbriger Baumwolle und spüre Genugtuung einsetzen. Die Jogginghose bedeutet für mich nicht weniger als formvollendete Entspannung.

Die Jogginghose – mal grau, mal weiß, mal rosa – ist für mich die textile Türschwelle: weg von der Performance, die ich tagsüber in der turbulenten Welt da draußen hingelegt habe, hin zum bloßen, unbeobachteten Existieren.

Für die einen Alltagskleidung, für mich ein Ritual: Sobald die Jogginghose an ist, beginnt der Feierabend.

Für die einen Alltagskleidung, für mich ein Ritual: Sobald die Jogginghose an ist, beginnt der Feierabend.

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Die Male, die ich in Jogginghose das Haus verlassen habe, lassen sich hingegen an einer Hand abzählen. Ich habe nichts dagegen, wenn andere Leute das tun – ganz im Gegenteil. Ich bin meilenweit davon entfernt, wie Karl Lagerfeld zu glauben, dass Menschen in Jogginghosen die Kontrolle über ihr Leben verloren hätten. Diesen Spruch des Modedesigners mit dem weißen Zopf kann ich nicht mehr hören. Das Gegenteil ist der Fall: Mit dem Überstreifen der Jogginghose gewinne ich die Kontrolle über meine Freizeit zurück.

Tatsächlich hält mich nur eines davon ab, draußen auch eine Jogginghose zu tragen: Sie soll für mich weiterhin meine ganz persönliche Komfortzone markieren. Wenn ich sie ständig draußen trüge, käme mir schließlich der so geschätzte Entspannungsmoment beim Nachhausekommen abhanden.

Viel unbegreiflicher sind mir Menschen, die ohne diesen textilen Schutzraum und ohne das Ritual des Hüllenfallenlassens auskommen. Meine Eltern etwa gehören dazu. Bei ihnen wird seit jeher in Jeans ferngesehen. In Jeans auf dem Sofa sitzen – in meinen Augen ist das nicht weit entfernt von Selbstgeißelung.

Das Konzept der Jogginghose musste ich mir im Teenageralter selbst erschließen. Das nehme ich ihnen bis heute übel, denn dadurch sind mir ein paar essenzielle Jahre formvollendeter Entspannung unwiederbringlich entgangen.

Von Kittelschürze bis Loungewear: „Hausbekleidung“ im Generationenwandel

Wie das Konzept dieser „Hausbekleidung“ bis heute an meinen Eltern vorbeigehen konnte, ist mir ein Rätsel. Eine neue Erfindung ist sie schließlich mitnichten. Schon früher gab es Kleidungsstücke eigens für den privaten Raum: Im 18. Jahrhundert trugen manche Männer zu Hause etwa den eleganten Banyan – eine Art Morgenmantel – und im 19. Jahrhundert gehörte die Hausjacke zu den Möglichkeiten, sich informeller zu kleiden. Solche Stücke waren keineswegs automatisch schlampig. Sie konnten bequem sein und zugleich die übrige Garderobe schonen. Im 20. Jahrhundert kam für Arbeiten im Haushalt unter anderem die Kittelschürze hinzu.

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Was meine Eltern betrifft, vermute ich allerdings eine andere Logik. Für sie ist die Jeans offenbar die universelle, robuste Kleidung für den Tag. Die Idee, sich nach Feierabend eigens in eine Jogginghose zu werfen, kommt ihnen gar nicht, weil sie ihre Jeans nicht als unbequem empfinden. Wer sie anhat, kann spontan den Postboten an der Tür begrüßen, den Müll heruntertragen, im Garten arbeiten oder noch schnell zum Supermarkt fahren. Eine Zwischenkategorie namens „Hauskleidung“ brauchen sie nicht. Für sie ist das vermutlich kein Verzicht, sondern einfach Pragmatismus.

Die Kittelschürze wurde in der Miu Miu Show für Frühling/Sommer 2026 zum modischen Key-Piece.

Die Kittelschürze wurde in der Miu Miu Show für Frühling/Sommer 2026 zum modischen Key-Piece.

© Miu Miu

Ich selbst erlebe mein Zuhause anders: als Rückzugsort von einer Außenwelt, die oft hektisch, reizüberflutend und durchgestylt wirkt. Mit dem Betreten der Wohnung fällt die gesellschaftliche Maske – und mit ihr die einengende Kleidung. Dass es für bequeme Sachen inzwischen auch den aus Marketingperspektive geschickten Begriff der „Loungewear“ gibt, kommt mir dabei entgegen. Das klingt weniger nach Entgleisung als nach Selbstfürsorge und Entspannung.

Auch die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeitkleidung sind längst nicht mehr überall so scharf. In manchen Berufen gehören Jeans und Sneaker zum Büroalltag; durch das Homeoffice findet Arbeit zudem häufiger zu Hause statt. Vielleicht benötige ich gerade deshalb ein Kleidungsstück, das einen eindeutigen Schlussstrich unter den Arbeitstag zieht. Die Jogginghose übernimmt diesen Job zuverlässig.

Dass meine Eltern keine Jogginghose besitzen und nach wie vor in Jeans entspannen, ist also keineswegs altmodisch oder merkwürdig – das möchte ich ihnen an dieser Stelle zugestehen. Aber ich bin mir sicher: Würden sie es nur einmal versuchen, wollten sie nicht mehr ohne das schlabbrige Stück Baumwolle leben.

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