Auszeichnung

Deutscher Buchpreis 2026: Shida Bazyar gelingt mit „Die Lücken“ ein überfälliger Roman

Shida Bazyar erlaubt sich ein Kaleidoskop gegen Gleichgültigkeit. Ihr dritter Roman „Die Lücken“ drängt die Auseinandersetzung mit Gestern und Heute ins Jetzt.

Patricia Hempel
Patricia Hempel
5 Min
Shida Bazyar bekommt die Urkunde von Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, überreicht.

Shida Bazyar bekommt die Urkunde von Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, überreicht.

© Hannes P. Albert/dpa

Die Stimmung auf der Preisverleihung im Kaisersaal des Frankfurter Römers ist feierlich, als Shida Bazyar die Bühne betritt. Bei vielen galt sie nach ihren Romanen „Nachts ist es leise in Teheran“ und „Drei Kameradinnen“ (Kiepenheuer & Witsch) schon auf dem Longlist-Platz als heimliche Favoritin. Wie immer setzt die Veranstaltung den Startschuss für die Frankfurter Buchmesse.

Für die insgesamt sechs Finalisten bedeutet sie ein hohes Preisgeld, mehr Sichtbarkeit im Literaturbetrieb und im Buchhandel. Möchte man aus dem Deutschen Buchpreis einen Wettkampf machen oder ein Kopf-an-Kopf-Rennen postulieren?

Zum Glück ist das seltener der Fall, weil gute Literatur heutzutage den Kleingeist als stilistisches Mittel am wenigsten verwendet. Trotzdem ist es vielleicht doch nicht Zufall, dass in diesem Jahr für einige die Entscheidung recht deutlich zwischen Shida Bazyars „Die Lücken“ und Valeria Gordeevs „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ lag. Letztere gewann für ihren Roman nicht nur den diesjährigen aspekte-Literaturpreis, sondern auch 2023 den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis.

Erinnerungslücken kämpfen gegen Wissenslücken

Anhand des fiktiven Ortes „Heimesbach“, Platzhalter für den Ort Hermeskeil bei Trier, in dem Shida Bazyar 1988 als Kind politischer Flüchtlinge aus dem Iran geboren wurde, diagnostiziert die Autorin scharfsinnig, welche Dialoge in Deutschland zu wenig geführt werden – oder nicht geführt werden können. Das laute Schweigen und das leise Hadern, geht es um NS-Vergangenheit. 

Die deutsche Geschichte und die unbequemen Geheimnisse von Hermeskeil im Hunsrück, das schon in den 1920er-Jahren als Gaumusterdorf galt, wird für die Erzählstimmen in „Die Lücken“ eine Offenbarung. Für diejenigen, die schon immer da waren, ist es vielleicht ein Angehöriger mit Wehrmachtvergangenheit. Eine Person, die man aus den eigenen Reihen anklagen kann. Für Familien, die später dazu kommen, ist es ein ganzer Ort.

„Heimisch in Heimesbach, kann man das sein?“ So heißt es in der Begründung der Jury, vorgetragen von Börsenverein-Vorstand Sebastian Guggolz, und weiter: „Der Roman „Die Lücken“ reflektiert anhand einzelner Figurenschicksale fast hundert Jahre ambivalenten deutschen Lebens.“ Am Ende entscheiden die Nachbarn, ob jemand dazu gehört oder nicht. 

Bazyar wähle überzeugende literarische Strategien: Der Blick einer toten Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur des Textes ermöglichten es, zwischen den Zeiten zu springen sowie Nähe und Distanz zu erzeugen. In ihrem Stoff mischen sich Fiktion und Dokumentation und erzeugen damit einen großen Nachhall.

Von den 20 ausgewählten Romanen schafften es wie üblich sechs Titel auf die Shortlist. Fünf davon stammen aus der Feder weiblicher Autoren. Das ist in der 22-jährigen Geschichte des Deutschen Buchpreises noch nie vorgekommen.

Der Blick auf die ersten Jahre zeigt noch ein anderes Bild. Auch ist Shida Bazyar nach Martina Hefter und Dorothee Elmiger die dritte Frau in Folge, die den Buchpreis in Höhe von 25.000 Euro für sich entscheiden konnte.

Neben der Preisträgerin zählten Franziska Gänsler („Orca“), Valeria Gordeev („Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“), Elias Hirschl („Schleifen“), Peggy Mädler („Selbstregulierung des Herzens“) und Dana Vowinckel („Anton und Alma“) zu den Favoriten der siebenköpfigen Jury.

Sie erhalten jeweils ein Preisgeld von 2.500 Euro. Insgesamt sichtete die Jury 205 Titel, die zwischen Oktober 2025 und dem 8. September 2026 erschienen sind.

Die Finalisten verhandeln Brandthemen der Gegenwart

Die Unsicherheit der Gegenwart sei ein Nährboden für großartige Literatur, kommentierte Cornelia Geißler, Jurysprecherin und Literaturredakteurin der Berliner Zeitung, die Shortlist-Auswahl im Vorfeld.

Die von „Sprachlust“ zeugenden Romane „schärfen den Blick auf Vergangenes. Sie deuten auf politische Verbrechen und zeigen den Kampf dagegen in zaghaften oder waghalsigen Schritten.“

Die Arbeiten der Finalisten verhandeln weniger die private Blackbox der Selbstfindung. Sie fragen vielmehr danach, was es mit uns macht, wenn die Gewichte von Geschichte, von Ideologien und von Sprache  überwindbar wären. Welche Zukunft würde damit einhergehen, für uns als Lesende?

Bazyar freut sich mit Abstrichen über den Preis: Es falle ihr schwer, Freude darüber zu empfinden, über Menschen zu schreiben, die verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden. Aller Dank und Wertschätzung gälte den Menschen in dem Buch, die zu Wort kommen. „Mein Verhältnis zu Preisen ist ein bisschen überschattet, seitdem ich einen Satz von Heinz Kahn gelesen habe.“

Und damit meint Bazyar einen 1922 in Hermeskeil geborenen Tierarzt und Überlebenden der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Dieser hätte bei der Verleihung einer Ehrenbürgerschaft gesagt: „Mein Vater hat im Ersten Weltkrieg auch eine Menge Orden bekommen und wurde doch vergast.“ Der Höchststand antisemitischer oder rassistischer Straftaten sei höher denn je, so Bazyar, und es gäbe für keine Minderheit in Deutschland weniger Anlass zur Sorge.

Auch wenn Deportation heute anders genannt würde. Abende, wie den Deutschen Buchpreis, sollte man vor allem für die richtigen Appelle nutzen. Und genau das macht Shida Bazyar, neben ihrer Danksagung an die Wegbegleiter zum Buch.

Sie beendet ihre Rede mit einem Zitat von Hannah Arendt. Im übertragenen Sinn: Das Problem ist nicht das, was unsere Feinde ab 1933 gemacht haben, sondern das, was unsere Freunde gemacht haben. Faschisten kursieren, so Bazyar, mit Dingen die wir nicht glauben, bis wir uns daran gewöhnen und sie letztlich eintreten.

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