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„Wir haben unsere Identität, wir wollen nicht auf die SED oder den Staat DDR stolz sein, aber auf die Zeit, die wir durchlebt haben.“ Der ehemalige Wurzener Stadtrat Rudi Findig (SED) sagte mir diesen Satz Anfang der Neunzigerjahre. Der 48-Jährige sprach von Menschen, die mit dem Untergang der DDR nicht preisgeben wollten, was sie unter schwierigen Bedingungen geleistet hatten.
Ein Maschinenbauingenieur, 1991 im Gespräch 32 Jahre alt, empfand nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes eine große Heimatlosigkeit: „Hier bin ich großgeworden, hier habe ich schon mal eine Scheibe eingeschmissen und hier haben wir dumme Jungenstreiche gemacht und haben versucht, etwas Neues aufzubauen. Also gehört mir was davon. Aber nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch gehört mir eben gar nichts.“
Beide fragen: Wie kann eine Gesellschaft ein politisches System überwinden und zugleich die Lebensgeschichten der Menschen achten, die darin gelebt haben?
In meinen damaligen Gesprächen lagen Zustimmung zur Einheit und Kritik an ihrem Verlauf oft dicht beieinander. Menschen freuten sich über die neue Freiheit und trauerten um ihren Betrieb. Sie lehnten die politische Bevormundung ab und erinnerten sich an Geborgenheit. Sie untersuchten ihre eigene Verantwortung für die DDR und fühlten sich zugleich nach deren Ende herabgesetzt. Diese Widersprüche gehörten zum Umbruch.
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Zuhören in einer turbulenten Zeit
Im Sommer 1990 begann ich eine soziologische Langzeitstudie in Wurzen, etwa dreißig Kilometer östlich von Leipzig. In der Stadt lebten damals rund 18.400 Einwohner, im gleichnamigen Kreis etwa 49.000. Ich wollte erfahren, wie Menschen den tiefgreifenden Wandel bewältigten und wie sich ihr Zusammenleben veränderte. Dafür ließ ich mir ihre Lebensgeschichten erzählen. Herkunft, Beruf und soziale Beziehungen prägen Erwartungen und Verlustängste.
Ich wurde in Magdeburg geboren; meine Eltern flohen mit mir Mitte der Fünfzigerjahre in die Bundesrepublik. Nach dem Mauerfall wollte ich selbst erfahren, wie Menschen in der DDR gelebt hatten. Ich entschied mich für Wurzen, eine sächsische Kreisstadt mit vielfältiger Industrie und einem landwirtschaftlich geprägten Umland.
Die ersten anderthalb Jahre wohnte ich bei einer Familie zur Untermiete. Bis 1996 kehrte ich für längere Aufenthalte zurück und nahm am städtischen Alltag teil. Insgesamt ließ ich mir von 173 Menschen verschiedener Generationen und Berufsgruppen ihre Lebensgeschichten erzählen, häufig über Stunden. Ich hörte zu, ohne eine fertige These vorzugeben. Mit weiteren Aufnahmen entstand ein Archiv von rund 600 Stunden.
Zu meinen Gesprächspartnern gehörten Arbeiter, Angestellte, Handwerker und Betriebsleiter, Mitglieder landwirtschaftlicher Genossenschaften, Funktionäre, Beschäftigte aus Bildung, Kultur und dem sozialen Bereich sowie Menschen aus kirchlichen und bürgerlichen Milieus. Die meisten Gespräche fanden im Herbst und Winter 1990 sowie in der ersten Hälfte des Jahres 1991 statt.
Ich erlebte eine außergewöhnliche Offenheit und lebendige Erinnerungen. Viele hätten sich öffentlich kaum so geäußert. Die Gesprächsatmosphäre förderte diese Offenheit. Ungewissheit und Rückzug standen neben Hoffnung und Aufbruch. Die Zukunft schien offen. Später zogen es manche meiner Gesprächspartner vor, über ihr Leben zu schweigen.
Meinung auf die Hauswand gebracht
© Cordia Schlegelmilch
Eine Stadt, viele Erfahrungen
Der Kreis Wurzen steht mit seiner vielfältigen Industrie und seinem landwirtschaftlichen Umland exemplarisch für einen in der DDR verbreiteten Regionstyp. Die Studie reicht damit über den Ort hinaus, ohne die gesamte DDR statistisch abzubilden. Die Konzentration auf eine Stadt macht zugleich Unterschiede sichtbar, die in der Rede von „den Ostdeutschen“ verschwinden. Erzählungen über dieselben Betriebe, Institutionen und Personen lassen sich vergleichen: Wo stimmen sie überein, wo widersprechen sie sich?
Wer die DDR nur von ihrem Ende her betrachtet, wird den Lebenswegen kaum gerecht. Für die Älteren begann ihre Geschichte mit Krieg, Vertreibung und einem entbehrungsreichen Neuanfang. Die Hoffnung auf Frieden und soziale Gerechtigkeit war an persönliche Erfahrungen gebunden. Frieda Sternberg, eine langjährige LPG-Vorsitzende und ZK-Kandidatin, erzählte von ihrer Kindheit in einer Landarbeiterfamilie in Ostpreußen: „Wir waren die zweite Garnitur von Menschen, weil wir kein Geld hatten.“ Sie wollte eine Gesellschaft, in der nicht der eine Millionen besaß und der andere um sein Brot kämpfen musste. „Das war eigentlich mein Sozialismus.“
Das erklärt eine politische Überzeugung; die Frage nach der Verantwortung für die SED-Herrschaft bleibt dennoch zu stellen. Andere Lebensgeschichten führten zu anderen Haltungen. Bürgerliche Familientraditionen blieben ebenso erkennbar wie kirchliche Bindungen. Arbeiter- und Bauernkinder berichteten vom beruflichen Aufstieg. Jüngere Fachkräfte fühlten sich später durch politische Vorgaben und veraltete Arbeitsbedingungen gebremst. Manche hofften auf Reformen, andere wollten ausreisen oder zogen sich zurück.
Es waren vor allem die Gebliebenen, die mir erzählten. Für viele stellte sich die Frage „Gehen oder Bleiben?“ im Laufe ihres Lebens immer wieder neu. Der Mauerbau schränkte die Möglichkeit zu gehen massiv ein. Doch Menschen blieben auch wegen ihrer Familie, ihrer Freunde und ihrer Heimat oder aus Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft. Anfang der Neunzigerjahre empfanden sie dafür einen Rechtfertigungsdruck. Der ehemalige Stadtrat Rudi Findig stellte aufgebracht fest: „Man kann uns das doch jetzt nicht zum Vorwurf machen, dass wir hiergeblieben sind.“
Mini Markt Nord in Wurzen im Jahr 1990
© Cordia Schlegelmilch
Alles neu ist noch lange nicht alles besser ...
© Cordia Schlegelmilch
Gemeinschaft und Freiheit
Das Thema Gemeinschaft tauchte in den Gesprächen immer wieder auf. Der Betrieb bot Einkommen, soziale Leistungen und einen festen Platz im Alltag. Die häufige Botschaft „Wir brauchen Dich“ konnte das Selbstwertgefühl stärken. Sie konnte aber zugleich den Druck bedeuten, weitere Aufgaben zu übernehmen, sich anzupassen oder in die Partei einzutreten. Zur betrieblichen Gemeinschaft gehörten politische Kontrolle und die Möglichkeit des Ausschlusses.
Daneben bestanden Freundschaften, Nachbarschaftshilfe, Gastfreundschaft, gemeinsame Feiern, Sport und religiöse Gemeinschaften. Manche Beziehungen dienten der Beschaffung knapper Güter. Aus Zweckgemeinschaften konnten echte Freundschaften werden. Die Verhältnisse einer Kleinstadt verstärkten die Nähe: Man kannte sich lange und arbeitete mitunter über Generationen im selben Betrieb.
„Wie soll man Freiheit mit einem Gemeinschaftsleben zusammenbringen?“, fragte sich ein siebzigjähriger Bauer. Er lehnte die Beschneidung der Freiheit in der DDR ab und suchte nun zugleich nach einer Antwort auf die Sorge, soziale Bindungen zu verlieren. Die Ehefrau des Superintendenten sah darin eine neue Aufgabe: „Jetzt ist die Not von uns weggenommen, und wenn jetzt der Zusammenhalt wegfällt, sind wir selber schuld, wenn wir uns nicht wieder neu einen Zusammenhalt schaffen.“
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Verlust ist nicht dasselbe wie Entwertung
Kurzarbeit, Entlassungen, ungeklärte Eigentumsverhältnisse und neue rechtliche Anforderungen erzeugten Anfang der Neunzigerjahre eine erhebliche Unsicherheit. Die Auseinandersetzungen um alte Seilschaften und politische Verantwortung spalteten auch die Stadtgesellschaft selbst. Aufbruch und Angst lagen dicht nebeneinander. Häufig hörte ich sinngemäß: So konnte es in der DDR nicht weitergehen; aber so, wie es jetzt ist, kann es auch nicht bleiben.
Dabei sind drei Erfahrungen auseinanderzuhalten: der Verlust von Arbeitsplatz und Einkommen; die Entwertung beruflichen Wissens und bisheriger Lebensleistung; schließlich das Gefühl, wenig Einfluss auf die Veränderungen nehmen zu können. 1989 hatten Menschen erlebt, dass ihr Protest etwas bewirken konnte. Bald darauf empfanden manche, dass über ihren Betrieb und ihre Zukunft wieder andere entschieden.
Zugleich bilanzierten die Menschen ihre eigene Verantwortung. Eine ehemalige Kreisschulrätin fragte: „War ich mutig oder nicht, habe ich mich geduckt oder nicht?“ Wer von glücklichen Zeiten erzählt, leugnet damit nicht notwendig die Repression. Wer Entwicklungen nach der Vereinigung kritisiert, wünscht sich nicht zwangsläufig die DDR zurück. Und wer Verantwortung für das eigene Handeln übernimmt, kann dennoch eine Demütigung erfahren haben.
Als ich Anfang der Neunzigerjahre auf wissenschaftlichen Tagungen im Westen von solchen Erfahrungen und glücklichen Lebensphasen in der DDR berichtete, erlebte ich wiederholt Unglauben. Ich sähe die DDR durch eine „rosa Brille“, hieß es, oder meine Gesprächspartner hätten mir nicht die ganze Wahrheit gesagt. Quellenkritik ist notwendig, doch sie darf nicht dazu führen, widersprüchliche Erfahrungen schon deshalb zurückzuweisen, weil sie nicht in ein vertrautes Deutungsmuster passen.
Die Teppichindustrie hat in Wurzen eine lange Tradition.
© Cordia Schlegelmilch
Die Zukunft war noch offen
Rudi Findig, der um den Stolz auf die eigene Lebensleistung rang, warnte schon Ende 1990: „Dann kommt mal einer und sagt, so, jetzt geht es los hier, wir gründen eine ostdeutsche Partei. Und der gewinnt die nächste Wahl, ob die links, rechts oder sonst was ausgerichtet ist. Das wird kommen, der Separatismus.“
Neben solchen Warnungen standen die Hoffnung auf neue Chancen und der Wille, das Zusammenleben unter veränderten Bedingungen mitzugestalten.“ Der Satz zeigt, welche politische Bedeutung der Stadtrat verletzter Selbstachtung zuschrieb. Er ist keine Vorhersage einer heutigen Partei.
Was hätte man damals hören können? Und was lässt sich heute daraus lernen? Zuhören bedeutet, Erfahrungen ernst zu nehmen, Aussagen zu prüfen und Unterschiede auszuhalten. Der Vorsitzende einer LPG, damals 43 Jahre, fand dafür ein treffendes Bild: „ … wenn wir nicht endlich anfangen, zuzuhören und wenn wir die Gegenstände nicht in Licht und Gegenlicht betrachten lernen, erleben wir Katastrophen.“
Cordia Schlegelmilch, geb. 1952 in Magdeburg, 1955 Flucht der Familie nach Westdeutschland. Soziologiestudium an der FU Berlin, 1979–1987 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Schwerpunkt Biografieforschung; 1985 Promotion. Fotografische Ausbildung an der Berliner „Werkstatt für Photographie“. Seit 1989 freiberufliche Soziologin sowie Architektur-, Kunst- und Baufotografin.
Das Buch zum Thema: Eine Stadt erzählt die DDR – Wurzen 1945–1988 (Mitteldeutscher Verlag, März 2026). Weitere Informationen zur Langzeitstudie: www.die-wurzen-studie.de.
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