Open Source

Gaza, Israel und Antisemitismus in Berlin: Ein Gespräch, das ratlos zurücklässt

Eine Begegnung vor einer Boutique in Prenzlauer Berg zeigt, wie Vorurteile, Propaganda und moralische Gewissheit einen offenen Dialog verhindern.

Frank Schulz
Frank Schulz
4 Min
Solidaritätsbekundung in Berlin

Solidaritätsbekundung in Berlin

© T. Seeliger/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Frühherbst in Berlin. Nach dem Wahlsieg der Linken in Berlin kommen die möglichen Koalitionäre am Tag nach dem Gedenken an den dritten Jahrestag des Hamas-Massakers zu dem Beschluss, dass sie bei möglichen antisemitischen Vorfällen in ihren Fraktionen ein Expertengremium aus drei Personen einberufen werden. Damit scheint der Weg für die erste Regierende Bürgermeisterin der Partei frei zu sein.

Meine Frau ist beunruhigt. Sie meint, man müsse vor allem den vielen jungen Linkswählern die Gefährlichkeit der Situation vor Augen führen, und überlegt, wie sie aktiv werden könne. Unglücklicherweise bietet sich die erste Gelegenheit gleich heute auf unserem Weg zum Wochenmarkt in Prenzlauer Berg. Eine neue Boutique hat eröffnet. An der Tür ein Aufkleber „Free Palestine“.

Lost im Pingpong-Dialog

Meine Frau bleibt stehen. Nicht lange. Aber lange genug. Die Besitzerin bemerkt ihren Blick und tritt nach draußen. Sie ist jung, freundlich und wirkt aufrichtig davon überzeugt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

„Sie haben ein Problem mit dem Aufkleber?“, fragt sie.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

„Ja, habe ich“, antwortet meine Frau. „Genauer, mit dem, was heutzutage oft dahintersteht.“

Die junge Frau verschränkt die Arme.

„Wir sind gegen Genozid.“

„Und wer begeht diesen Genozid?“, frage ich.

„Israel natürlich.“

Der Rest des Dialogs ist so vorhersagbar wie absurd. Trotzdem fällt es mir schwer zu glauben, dass die junge Frau, die hier im Hipsterviertel auf ihre garantiert nicht extremistische Kundschaft wartet, wirklich meinen kann, was sie sagt.

„Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?“

„Palästina war immer da. Dann kam Israel, hat die Araber vertrieben und besetzt bis heute ihr Land.“

„Schon immer?“, frage ich, „also seit biblischen Zeiten?“

„Na ja, Sie wissen, was ich meine.“

„Vielleicht nicht.“

Und so weiter im Sie-Ich-Sie-Pingpong ...

„Israel greift ständig seine Nachbarn an.“

„Was wissen Sie über die Kriege, die Israel seit 1948 zu seiner Verteidigung geführt hat?“

„Israel hat im Gaza-Krieg 20.000 Kinder getötet.“

„Zahlen der Hamas?“

„Glauben Sie nicht, dass im Gaza-Krieg unschuldige Zivilisten durch die israelische Armee getötet wurden?“

„Im Krieg sterben unschuldige Menschen. Wissen Sie, wie er begonnen hat?“

„Vom 7. Oktober wusste die Regierung Israels vorher, hat aber nichts unternommen, um ihren Vernichtungskrieg gegen Gaza begründen zu können.“

„Dafür haben Sie Belege?“

„Ich kann mir das gut vorstellen.“

Dieser Satz erinnerte mich nun doch sehr unangenehm an das „so was fühlt man doch“ der Lingua Tertii Imperii.

Mein Einwand, dies sei jetzt aber nun das klassische Beispiel einer antisemitischen Verschwörungserzählung, wäre eigentlich der logische Abschluss dieser unfruchtbaren Unterhaltung gewesen, aber meine Frau bat wegen des Regens um Einlass in den Laden. Und so kam es, wie es wohl kommen musste.

„Das geht nicht“

„Wieso nicht, weil wir anderer Meinung sind?“

„Das ist mein Laden, und ich kann entscheiden, wen ich reinlasse.“

Wie moderne Propaganda funktioniert

Wie überzeugt man einen Menschen, der seine Überzeugungen nicht aus Fakten, sondern aus Zugehörigkeit bezieht? Die Diskussion verliert ihren Gegenstand und wird zum Identitätskonflikt. Vielleicht liegt die eigentliche Leistung moderner Propaganda gerade darin, dass sie niemandem mehr aufgezwungen werden muss.

Wie öffnet man einen Menschen für eine neue Sichtweise, wenn er jede abweichende Information bereits als Bedrohung empfindet? Wie befreit man jemanden von einer Erzählung, die ihm Orientierung, moralische Gewissheit und Zugehörigkeit gibt?

Vielleicht beginnt jede Erkenntnis erst in dem seltenen Moment, in dem ein Mensch selbst den Verdacht fasst, dass er sich irren könnte. Bis dahin funktioniert „Krieg ist Frieden“ offenbar auch ganz ohne Wahrheitsministerium.

Frank Schulz verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in den Bereichen Strategie, Portfolioentwicklung und komplexe Programme für grüne Energie und Technologie. Seine besondere Leidenschaft gilt der Mediation und dem Konfliktmanagement, insbesondere im interkulturellen Kontext asiatischer Kulturen.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner