Nato-Oberbefehlshaber Alexus Grynkewich hat ein neues militärisches Konzept zur Abwehr eines möglichen russischen Angriffs vorgestellt und eine deutliche Warnung ausgesprochen. Sollte ein Gegner Nato-Gebiet angreifen, würden die alliierten Streitkräfte nicht nur die Offensive stoppen. Falls erforderlich, sollten auch die militärischen Strukturen ausgeschaltet werden, die den Angriff unterstützen, versorgen und steuern.
„Wenn jemand so töricht ist, uns anzugreifen, werden wir kämpfen“, erklärte der US-General am Montag beim Warsaw Security Forum in der polnischen Hauptstadt. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, versprach Grynkewich, jeden Angriff auf einen Bündnispartner militärisch scheitern zu lassen.
„Wir werden den Angriff stoppen und ihnen die Möglichkeit nehmen, ihre Ziele zu erreichen, welche auch immer das sein mögen“, sagte er. „Kurz gesagt werden wir dafür sorgen, dass jeder Angriff auf einen Bündnispartner völlig vergeblich sein wird.“
Russland nannte Grynkewich in seiner Rede nicht ausdrücklich. Seine Warnung war jedoch erkennbar an Moskau gerichtet. Im Strategischen Konzept der Nato von 2022 wird Russland als bedeutendste und unmittelbarste Bedrohung für die Sicherheit des Bündnisses bezeichnet.
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„Block, Blunt, Break“: So will die Nato einen russischen Angriff abwehren
Im Mittelpunkt der Rede stand Grynkewichs sogenannte „Theory of Victory“, die „Theorie des Sieges“. Das militärische Konzept, das der Nato-Oberbefehlshaber erstmals öffentlich erläuterte, beschreibt, wie das Bündnis einen Angriff abwehren und die gegnerischen Streitkräfte entscheidend schwächen will.
Die Strategie umfasst drei Schritte, die Grynkewich mit den englischen Begriffen „Block, Blunt, Break“ zusammenfasste: blockieren, abschwächen und zerschlagen.
Zunächst sollen die Nato-Streitkräfte einen Angriff stoppen und dem Gegner weitere Geländegewinne verwehren. Setzt dieser seine Offensive fort, soll die Angriffskraft seiner Verbände gebrochen werden. Im dritten Schritt würde das Bündnis die angreifenden Truppen und das militärische System ausschalten, das ihre Operationen ermöglicht.
„Sollte der Gegner beschließen, den Angriff fortzusetzen oder seine Reserven einzusetzen, werden wir das gegen uns eingesetzte Kriegführungssystem zerschlagen“, sagte Grynkewich laut Reuters.
Das umfasse „nicht nur die angreifenden Streitkräfte selbst, sondern alles, was diese Kräfte unterstützt, versorgt und steuert“. Gemeint sind damit auch Nachschubwege sowie militärische Führungs- und Kontrollstrukturen hinter der eigentlichen Front.
Der General betonte zugleich den defensiven Charakter des Konzepts. Die Nato wolle verhindern, dass ein Angreifer seine militärischen Ziele erreicht. Es geht demnach nicht um eine vorbeugende Offensive gegen Russland oder dessen vollständige militärische Niederlage, sondern um die Abwehr eines Angriffs auf Bündnisgebiet.
Präzisionswaffen, Drohnen und militärische Cloud sollen Nato stärken
Um diese Strategie umzusetzen, will das Bündnis klassische Streitkräfte enger mit neuen Technologien verbinden. Dazu gehören weitreichende Präzisionswaffen, Sensornetzwerke, unbemannte Systeme und eine gemeinsame digitale Infrastruktur für militärische Operationen.
Wie die italienische Nachrichtenagentur LaPresse berichtet, kündigte Grynkewich Investitionen in Präzisionswaffen unterschiedlicher Kostenklassen sowie in eine militärische Cloud an. Sie sollen helfen, gegnerische Kräfte schneller zu erkennen und deren Fähigkeit zur Fortsetzung eines Angriffs zu zerstören.
Den an der Ostflanke stationierten Landstreitkräften kommt dabei die Aufgabe zu, einen möglichen Vormarsch zu stoppen. Luftwaffe und Marine sollen ihre Bewegungsfreiheit sichern und gegnerische Kräfte zusätzlich schwächen. Die verschiedenen Teilstreitkräfte sollen ihre Fähigkeiten enger aufeinander abstimmen.
Über die technologischen Grundlagen der Strategie hatte diese Zeitung bereits am 5. Oktober berichtet. Damals hatte Bloomberg Einblick in eine nicht als geheim eingestufte Fassung des Dokuments erhalten.
Dem Bericht zufolge will die Nato verstärkt Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg nutzen. Kostengünstige Drohnen, teilweise unbemannte Fahrzeuge und Künstliche Intelligenz sollen dabei helfen, große gegnerische Streitkräfte trotz begrenzter Ressourcen aufzuhalten.
Neu ist nun Grynkewichs öffentliche Darstellung des militärischen Vorgehens. Konkrete Einsatzbefehle oder mögliche Angriffsziele auf russischem Territorium wurden dabei nicht bekannt gegeben.
Nato-Oberbefehlshaber hält Krieg mit Russland derzeit für unwahrscheinlich
Trotz seiner deutlichen Warnungen widersprach Grynkewich der Vorstellung, ein Krieg mit Russland stehe unmittelbar bevor.
„Ich gehe nicht davon aus, dass ein Konflikt unmittelbar bevorsteht oder unvermeidlich ist. Das ist nicht der Fall“, sagte er nach einem Bericht von TVP World.
Allerdings müsse die Nato nicht nur für jene Bedrohungen planen, die derzeit wahrscheinlich erschienen. Militärische Vorbereitung müsse auch mögliche Szenarien berücksichtigen.
Bereits am Sonntag hatte Grynkewich in einem Interview mit TVP World die Gefahr eines größeren russischen Angriffs auf ein Nato-Mitglied als „relativ gering“ bezeichnet. Zur Begründung verwies er darauf, dass ein großer Teil der russischen Streitkräfte im Krieg gegen die Ukraine gebunden sei.
Sollte dennoch Polen oder ein baltischer Staat angegriffen werden, sei das Bündnis zu einer schnellen Reaktion bereit. Vorrang habe allerdings die Abschreckung. Ein potenzieller Gegner solle bereits vor einem Angriff erkennen, dass er seine Ziele nicht erreichen könne.
Bemerkenswert waren auch Grynkewichs Aussagen zur Ukraine. Das Land sei für die euroatlantische Sicherheit unverzichtbar. Die ukrainischen Streitkräfte entwickelten sich zunehmend von einem Empfänger westlicher Militärhilfe zu einem Akteur, der selbst einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit Europas leiste.
Nato übt derzeit mit 8000 Teilnehmern den Verteidigungsfall
Während Grynkewich in Warschau seine Strategie erläuterte, läuft bereits eine großangelegte Nato-Kommandostabsübung. An „Steadfast Duel 2026“ beteiligen sich nach offiziellen Angaben des Nato Joint Warfare Centre rund 8000 militärische und zivile Teilnehmer an verschiedenen Standorten in Europa und den Vereinigten Staaten.
Die am 6. Oktober begonnene Übung simuliert einen Bündnisverteidigungsfall. Dabei sollen die militärischen Führungsstrukturen der Nato sowie die Zusammenarbeit zwischen den 32 Mitgliedstaaten trainiert werden. Im Mittelpunkt stehen Operationen an Land, auf See, in der Luft, im Weltraum und im Cyberraum. Der regionale Schwerpunkt liegt in diesem Jahr im Nordwesten des Bündnisgebiets.
Grynkewich machte in Warschau deutlich, dass militärische Vorbereitung nicht allein der Kriegführung dienen soll. Die Nato müsse ihre Verteidigungsfähigkeit demonstrieren, um einen möglichen Angriff von vornherein zu verhindern.
„Zu zeigen, dass wir bereit sind, nach unserer Theorie des Sieges zu handeln, ist der Schlüssel dazu, durch Abschreckung zu gewinnen“, erklärte der US-General laut LaPresse.
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