Popkultur

Joni Mitchell ist jetzt US-Amerikanerin: Was das mit Donald Trump zu tun hat

„Wer zur Hölle ist Joni Mitchell“, fragte das Weiße Haus kürzlich. Mit 82 Jahren hat sich die Folk-Ikone aus Kanada nun in Kalifornien einbürgern lassen. Ein Politikum?

5 Min
Joni Mitchell bei den Grammys 2026 (Archivbild): Jetzt hat die 82-jährige Musikerin die US-Staatsbürgerschaft angenommen.

Joni Mitchell bei den Grammys 2026 (Archivbild): Jetzt hat die 82-jährige Musikerin die US-Staatsbürgerschaft angenommen.

© Jordan Strauss/Invision/AP

Auf dem Foto, das Joni Mitchell am 13. Oktober nach ihrer Einbürgerung ins Netz stellte, hält die 82-Jährige ein kleines Sternenbanner in die Kamera. Hinter ihr hängen die US-Flagge und die des Heimatschutzministeriums.

Dazu schrieb Mitchell auf Instagram: „Eine Reise, die vor 62 Jahren losging.“ Eine Begründung für ihre späte Einbürgerung in die USA, nach sechs Dekaden Leben dort, lieferte sie nicht. Weitere Details nannte sie auch nicht, wie mehrere Medien, darunter das Musikbranchenmagazin Billboard, übereinstimmend berichten.

Wie kam die gebürtige Kanadierin, die zu den ganz Großen der amerikanischen Popmusikgeschichte zählt, überhaupt in die USA? Der Weg führte über eine Ehe. Sie ging 1965 mit dem Folksänger Chuck Mitchell in die USA und ließ sich in Detroit nieder. Von dort ging es nach New York und schließlich nach Kalifornien, wo sie den berühmten Laurel-Canyon-Sound geprägt hat.

Der Pass, den sie nie hatte

Jahrelang galt Mitchell in der öffentlichen Wahrnehmung fälschlicherweise als Doppelstaatlerin – bis der kanadische öffentlich-rechtliche Sender CBC im März 2026 meldete, dass sie sich nie hatte einbürgern lassen, wie auch das US-Musikportal Stereogum festhält. Im April ließ die New York Times sie auf einer Liste der dreißig größten lebenden US-amerikanischen Songwriter weg und begründete das damit, dass Mitchell Kanadierin sei.

Eine Frau, die seit den 1960ern amerikanisches Lebensgefühl besingt, wird von der wichtigsten Zeitung des Landes formal „ausgebürgert“: bitter. Ob es eine Rolle für Joni Mitchells Entscheidung spielte?

„Wer zur Hölle ist Joni Mitchell?“

Im März 2026 nahm Mitchell bei den Juno Awards in Hamilton, Ontario, dem kanadischen Pendant zu den Grammys, den Lifetime-Preis entgegen, überreicht vom kanadischen Premierminister Mark Carney. Sie nannte ihn einen Segen und sagte, sie lebe in den Staaten, und man wisse ja, was dort passiere.

Das Weiße Haus konterte. Auf Nachfrage antwortete Sprecher Davis Ingle: „Who the hell is Joni Mitchell?“ Auf Deutsch: „Wer zur Hölle ist Joni Mitchell?“ So meldete es die britische Zeitung The Independent.

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Der Abend im Hollywood Bowl

Der Groll des Weißen Hauses kam wohl nicht von ungefähr: Im Oktober 2024 spielte Mitchell im Hollywood Bowl „Dog Eat Dog“ erstmals seit 1985, wie die britische Tageszeitung Guardian berichtete.

Sie rief das Publikum zum Wählen auf und sagte, sie wünschte, sie könnte selbst, sie sei aber Kanadierin, eine dieser „lousy immigrants“. Eine Zeile über Hochfinanz und Erweckungsprediger in ihrem Lied ergänzte sie um den Namen Trump.

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Politisch, aber kein Protestpop à la Dylan

Mitchell war nie Protestsängerin im Stil etwa eines Bob Dylans. Ihre frühe Gesellschaftskritik tarnte sich als Hit: „Big Yellow Taxi“ erzählt von den Übeln einer geldgetriebenen Gesellschaft.

Direkter wurde sie unter Reagan. „Tax Free“ auf „Dog Eat Dog“ (1985) knöpfte sich rechte Fernsehprediger vor, und dem Guardian sagte sie, gefährlich sei ein Präsident, der den Weltuntergang für unausweichlich halte, weil er den Knopf drücken könne.

Und auch zur Politik der Gegenwart hat Joni Mitchell nicht geschwiegen: Bei den Grammys 2026, wo sie ausgezeichnet wurde, trug sie einen „ICE OUT“-Pin, ihr deutlichstes Signal gegen die Anti-Einwanderungspolitik der Trump-Regierung; ist die ICE-Behörde derzeit doch maßgeblich für die Festnahme von Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus und für Abschiebungen zuständig.

Nicht die Erste: Neil Young kam ihr zuvor

Mitchell ist übrigens nicht die einzige Kanadierin, die erst spät Amerikanerin wurde. Neil Young ließ sich im Januar 2020 einbürgern, mehr als fünf Jahrzehnte nach seinem Umzug nach Los Angeles, um gegen Donald Trump wählen zu können, so der US-Nachrichtensender CNN. Bei Mitchell fehlt eine solche Ansage. Allerdings erfolgte ihre Einbürgerung in auffälliger Nähe zu den nahenden Midterm-Wahlen im November.

Taylor Swift & Co.: Die Erbinnen des Laurel Canyon

Mitchell steht mit ihren Liedern für den Laurel-Canyon-Sound, benannt nach dem Viertel in den Hügeln über Los Angeles. Gemeint sind minimalistisch arrangierte gitarrige Folk-Songs über den kalifornischen Mythos, das Unbehagen an Ruhm und Kapitalismus.

Dieser Ton lebt weiter. Lana Del Rey nahm auf ihrer Platte „Chemtrails Over the Country Club“ (2021) Mitchells „For Free“ neu auf, und auch Pop-Megastar Taylor Swift nennt Mitchells Einfluss auf ihren Sound. Auch Phoebe Bridgers und Lucy Dacus lassen sich zu den stilistischen Erbinnen von Joni Mitchell zählen.

Ist die Einbürgerung nun ein politisches Statement? Vielleicht war es auch verletzter Stolz, die New-York-Times-Liste im Nacken. Vielleicht Bequemlichkeit, nach Jahrzehnten voller nerviger Behördengänge. Doch wer über sein fehlendes Wahlrecht klagt und den Eid kurz vor den Midterms leistet, hat sich wohl entschieden.

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Joni Mitchell Amerika aus dem Canyon heraus kommentiert. Zukünftig stimmt sie ganz offiziell mit ab. Man muss wohl kein Hellseher sein, um zu ahnen, wo sie ihr Kreuz setzt.

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