Semperoper

Verbotenes DDR-Buch an der Semperoper: Für diese 100 Seiten musste Reiner Kunze das Land verlassen

Semperoper Dresden: Reiner Kunzes in der DDR verbotenes Buch „Die wunderbaren Jahre“ wird zur Oper. Premiere, Termine, Karten und alle Hintergründe.

5 Min
Reiner Kunze musste die DDR 1977 verlassen, weil sein Buch „Die wunderbaren Jahre“ im Westen erschienen war. Jetzt kommt es als Oper an die Semperoper.

Reiner Kunze musste die DDR 1977 verlassen, weil sein Buch „Die wunderbaren Jahre“ im Westen erschienen war. Jetzt kommt es als Oper an die Semperoper.

© Imago

In vielen DDR-Kinderzimmern lag ein Buch, das es offiziell nicht gab. Mal als Schreibmaschinenabschrift mit blassem Durchschlag, mal als zerlesenes Westexemplar unter der Matratze.

Reiner Kunzes „Die wunderbaren Jahre“ kostete seinen Autor die Heimat. Am Freitag, 16. Oktober, feiert der schmale Band als Kammeroper Premiere an der Semperoper Dresden.

Gespielt wird auf der Studiobühne Semper Zwei. Für Oktober gibt es keine Karten mehr: Alle sechs Vorstellungen sind laut Semperoper ausverkauft.

Reiner Kunze: Was im verbotenen DDR-Buch steht

Was stand auf gut 100 Seiten, dass sich ein Staat davor fürchtete? Jeans. Gitarrenspiel auf dem Brunnenrand. Jugendliche, die Jazzbands quer durchs Land hinterherreisen oder per Anhalter fahren.

Kunze erzählt davon in kurzen, kühlen Skizzen. Bedrohlich sind darin die Erwachsenen: Lehrer, Direktoren und Funktionäre, die aus einer Jeans eine Gesinnungsfrage machen.

Die bekannteste Skizze heißt „Fünfzehn“. Ein Vater beschreibt seine Tochter mit sehr kurzem Rock, endlos langem Schal und einem Zimmer, das man besser nicht betritt. Der Text steht bis heute in Schulbüchern.

Der Titel ist bittere Ironie. Kunze borgte ihn aus Truman Capotes Roman „Die Grasharfe“.

Wie Kunzes Manuskript in den Westen kam

Kunze wurde 1933 in Oelsnitz im Erzgebirge geboren und trat mit 16 in die SED ein. Nach dem Einmarsch in Prag 1968 trat er wieder aus. Von da an hatte ihn die Stasi im Visier.

Das Manuskript schmuggelte 1976 ein Redakteur des Hessischen Rundfunks bei Eisenach über die Grenze, wie die Konrad-Adenauer-Stiftung schreibt. Bei S. Fischer erschienen, wurde das Buch im Westen ein Bestseller. Heinrich Böll befand, darin sei keine Zeile zufällig.

Die DDR antwortete im Herbst 1976 mit dem Rauswurf aus dem Schriftstellerverband. Für einen Autor kam das einem Berufsverbot gleich.

Nach Angaben der Akademie der Künste wurden dazu rund 15.000 fertig gedruckte Exemplare von Kunzes Kinderbuch „Der Löwe Leopold“ vernichtet. Ein Kinderbuch-Löwe als Staatsfeind: Darauf muss man erst einmal kommen.

Stasi-Akte „Lyrik“: Kunzes Ausreise aus der DDR

Zwölf Aktenbände füllte die Stasi über den Dichter, Deckname des Vorgangs: „Lyrik“. Kunze drohten ein politischer Prozess und lange Haft. Im April 1977 beantragte er die Ausreise.

Am 13. April 1977 fuhr die Familie über den Grenzübergang Rudolphstein in den Westen. Das Foto davon ist das letzte Bild in seiner Stasi-Akte.

Im Osten blieb das Buch trotzdem. Es wanderte weiter, abgetippt, von Hand zu Hand. Der Dresdner CDU-Politiker Arnold Vaatz sagte einmal, es bilde „die Seele einer ganzen DDR-Generation“ ab.

1980 verfilmte Kunze den Stoff selbst, als Regisseur und Drehbuchautor.

Torsten Rasch: Vom Kreuzchor an die Semperoper

Zu dieser Generation gehört Torsten Rasch, Jahrgang 1965, aufgewachsen in Dresden. Als Sänger im Dresdner Kreuzchor kam er auf Tournee in den Westen.

Im Interview mit dem MDR erzählt er, das Buch sei einer seiner ersten Käufe in der Bundesrepublik gewesen. Zu Hause ging es dann reihum. „Für uns war es, als wenn man sich selbst in einem Buch wiederfindet“, sagt Rasch.

Wer bei einem ehemaligen Kruzianer an brave Kirchenmusik denkt, kennt Rasch schlecht. Er hat Rammstein-Texte für Stimme und Orchester gesetzt und in London mit der English National Opera die blutige „Duchess of Malfi“ herausgebracht.

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„Unsere Heimat“: DDR-Pionierlied rahmt die Oper

Kunzes Buch hat keine Handlung, nur lose Episoden. Rasch hat daraus einen Bogen gebaut und zwischen die Szenen bearbeitete deutsche Volkslieder gesetzt, die das Geschehen von außen kommentieren.

Am Anfang und am Ende erklingt „Unsere Heimat“, eines der bekanntesten Pionierlieder der DDR. Wer selbst das blaue Halstuch trug, wird es nach wenigen Takten erkennen.

Auf der Bühne stehen drei Sängerinnen und Sänger, eine Sprecherin und ein Kind, dazu ein kleines Ensemble. Regie führt Nora Bussenius, musikalischer Leiter ist Christian Blex.

Uraufführung in Regensburg mit Kunze im Publikum

Ganz neu ist das Werk nicht. Uraufgeführt wurde es im Februar 2025 am Theater Regensburg, 21 Szenen in rund 90 Minuten. Die FAZ lobte die verfremdeten Volkslieder als Inseln in einem Alltag aus Drill und Einschüchterung.

Reiner Kunze, heute 93, saß damals im Publikum. Laut Rasch war ihm die Freude über die Musik deutlich anzusehen.

1976 musste ein Rundfunkredakteur das Manuskript heimlich über die Grenze bringen. Fünfzig Jahre später steht der Titel im Spielplan der sächsischen Staatsoper, und die Karten sind weg.

Semperoper: Termine und Karten für „Die wunderbaren Jahre“

  • Oktober 2026: Premiere am 16. Oktober, weitere Vorstellungen am 18., 20., 21., 24. und 27. Oktober, alle ausverkauft
  • November 2026: weitere Termine sollen laut Oper noch bekanntgegeben werden
  • Sommer 2027: 27. Juni sowie 1., 3. und 6. Juli, Karten für 16 Euro
  • Rahmenprogramm: Am 17. Oktober spricht Rasch mit der Autorin Ines Geipel über „Der stille Widerstand“ (19 Uhr, Semper Zwei, 6,50 Euro)
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