Automobilindustrie

BMW fliegt deutsche Mitarbeiter nach Ungarn: „Bedeutung deutscher Standorte wird abnehmen“

Beim Hochlauf in Debrecen greift BMW auf deutsche Mitarbeiter zurück. Experten sehen Planungsfehler und Risiken für Deutschland. Was sagt der Konzern dazu?

6 Min
Ein BMW-Mitarbeiter bei der Produktion. Beim Hochlauf des Werks in Ungarn setzt der Konzern auch auf Fachkräfte aus Deutschland.

Ein BMW-Mitarbeiter bei der Produktion. Beim Hochlauf des Werks in Ungarn setzt der Konzern auch auf Fachkräfte aus Deutschland.

© Jan Woitas/dpa

BMW setzt beim Hochlauf seines neuen ungarischen Werks derzeit regelmäßig Fachkräfte aus Deutschland ein. Wie das Handelsblatt berichtet, reisen Beschäftigte aus München, weiteren bayerischen Standorten und Leipzig nach Debrecen, um die Produktion des Elektro-SUV iX3 zu unterstützen und die örtliche Belegschaft zu qualifizieren. Dem Bericht zufolge fehlen dort genügend ausgebildete Fachkräfte.

Autoexperten hinterfragen das Vorgehen von BMW. „Nach meiner Einschätzung spricht das eher für Planungsfehler im Produktions-Ressort“, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Gründer des Center for Automotive Research (CAR) in Bochum, auf Anfrage der Berliner Zeitung.

Zugleich wirft die Unterstützung aus Deutschland die Frage auf, wie sich die Gewichte zwischen den Produktionsstandorten langfristig verschieben. Frank Schwope, Lehrbeauftragter für Automotive Management an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Berlin, erwartet: „Die Bedeutung der deutschen Standorte wird abnehmen.“ Welche Rolle bleibt den deutschen Werken, wenn sie neue Standorte im Ausland mit aufbauen?

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Neues Werk, neues Auto: BMW geht ins doppelte Risiko

In Debrecen treffen mehrere Neuerungen zusammen. BMW fertigt dort mit dem iX3 erstmals ein Fahrzeug seiner neuen Elektroauto-Architektur „Neue Klasse“. Zugleich werden an dem Standort erstmals die Hochvoltbatterien der sechsten Generation montiert. Der Konzern bringt damit in einer neuen Fabrik auch neue Fahrzeug- und Batterietechnologien in die Produktion.

Dudenhöffer verweist auf die Anforderungen dieser Kombination. Schon der Produktionsbeginn in einem neuen Werk sei mit erhöhten Risiken verbunden. „Wenn man gleichzeitig in dem nagelneuen Werk auch noch ein nagelneues Modell auf das Band legt, dann potenzieren sich die Risiken.“ Kämen sprachliche Unterschiede hinzu, könne das die Abläufe zusätzlich verlangsamen.

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Auch die Personalgewinnung gehört für den Experten zu den entscheidenden Punkten. Bestehe weniger Planungssicherheit bei der Einstellung und hoffe ein Hersteller darauf, dass sich schon genügend Beschäftigte bewerben, müsse er mehrere Unsicherheiten gleichzeitig beherrschen. Über BMW sagt er: „Vielleicht hat man sich einfach zu viele Bälle beim Jonglieren zugemutet.“

Ein grundsätzliches Urteil gegen Ungarn verbindet Dudenhöffer damit ausdrücklich nicht. Das Land sei aus seiner Sicht ein hochwertiger Automobilstandort. Als Beispiele nennt er die langjährige Produktion von Audi, Mercedes und Suzuki. Die Erfahrung mit dem Autobau sei dort längst vorhanden. Bei BMW vermutet er dagegen: „Möglicherweise hat man eben bestimmte Risiken nicht richtig eingeschätzt.“

Schwope bewertet die Situation zurückhaltender. Schwierigkeiten bei der Personalbesetzung neuer Werke seien grundsätzlich wenig ungewöhnlich. In Debrecen komme hinzu, dass ein komplett neuer Elektrofahrzeugtyp inzwischen im Dreischichtbetrieb gebaut werde und BMW entsprechend viel Personal benötige. „Da sollte man die Anlaufschwierigkeiten nicht zu hoch hängen.“

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer kritisiert BMWs Werksanlauf in Ungarn: „Möglicherweise hat man bestimmte Risiken nicht richtig eingeschätzt“, sagt er.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer kritisiert BMWs Werksanlauf in Ungarn: „Möglicherweise hat man bestimmte Risiken nicht richtig eingeschätzt“, sagt er.

© Johannes Neudecker/dpa

BMW: Einsatz deutscher Fachkräfte war eingeplant

BMW selbst beschreibt die Unterstützung aus anderen Standorten als vorgesehenen Bestandteil des Produktionsstarts. Auf Anfrage der Berliner Zeitung erklärt ein Sprecher: „Der temporäre Einsatz internationaler Mitarbeitender ist planmäßiger Bestandteil des Hochlaufs eines neuen Werks sowie der Anläufe neuer Produkte.“

Erfahrene Beschäftigte aus dem weltweiten Produktionsnetzwerk sowie aus der Fahrzeugentwicklung hätten das örtliche Team beim Serienanlauf unterstützt. Darunter seien auch Mitarbeiter, die bereits den Aufbau und die Inbetriebnahme der BMW-Werke in Mexiko oder China begleitet hätten. Wie intensiv solche Einsätze ausfielen, hänge vom Entwicklungsstand des jeweiligen Standorts ab.

Für Debrecen führt der Konzern zudem das Tempo des Produktionsaufbaus an. Vom Beginn der Serienfertigung bis zur Einführung des Dreischichtbetriebs seien lediglich neun Monate vergangen. Nach Unternehmensangaben ist das der schnellste Hochlauf eines neuen Werks in der BMW-Geschichte. Zur Nachfrage erklärt der Sprecher, diese habe „unsere sehr ambitionierten Planungen nochmals übertroffen“.

Inzwischen seien am Standort mehr als 5000 Mitarbeiter tätig. Wegen der neuen Fahrzeugarchitektur, der Batterietechnologie und der Produktionsverfahren habe Debrecen eine Pionierrolle im weltweiten Netzwerk.

Wie viele Beschäftigte aus deutschen Werken regelmäßig dort eingesetzt werden, lässt BMW allerdings offen. Zu weitergehenden Mitarbeiterdaten und den Kosten des Wissenstransfers mache der Konzern keine Angaben. Auch ein Enddatum der Einsätze nennt der Sprecher nicht. Einen örtlichen Fachkräftemangel bestätigt der Autobauer in seiner Antwort ebenfalls nicht ausdrücklich.

Damit bleibt offen, ob die Unterstützung in ihrem heutigen Umfang von Anfang an vorgesehen war oder wegen personeller Engpässe ausgeweitet werden musste. Die Stellungnahme beantwortet auch nicht ausdrücklich, ob der geplante Produktionshochlauf derzeit ohne die Unterstützung aus Deutschland möglich wäre.

Das BMW-Werk in Debrecen: Der Konzern bezeichnet den Einsatz internationaler Fachkräfte als planmäßigen Bestandteil des Produktionshochlaufs.

Das BMW-Werk in Debrecen: Der Konzern bezeichnet den Einsatz internationaler Fachkräfte als planmäßigen Bestandteil des Produktionshochlaufs.

© Joey Abrait/imago

Deutsche Werke sollen vom Einsatz in Ungarn profitieren

Der Personaleinsatz ist nach Darstellung von BMW keine Einbahnstraße. Beschäftigte aus München, Dingolfing, Regensburg, Leipzig und dem mexikanischen San Luis Potosí seien auch deshalb zeitweise in Debrecen, um die neuen Produktionssysteme, Anlagen und die Batteriemontage kennenzulernen. Dieses Wissen nähmen sie anschließend an ihre Heimatstandorte mit.

Als Beispiele nennt BMW die bevorstehende iX3-Produktion in Mexiko und die Hochvoltbatteriemontage in Irlbach-Straßkirchen in Bayern. Die Erfahrungen aus Ungarn sollen dort unmittelbar in die anstehenden Produktionsanläufe einfließen.

Der Sprecher erklärt: „In Summe profitiert das Werk Debrecen also vom Wissen des weltweiten Produktionsnetzwerks und liefert gleichzeitig wichtige Erkenntnisse für die Einführung der Neuen Klasse an weiteren Produktionsstandorten.“

Aus den Entsendungen allein lässt sich deshalb nicht ableiten, BMW gebe seine deutschen Werke zugunsten Ungarns auf. Laut Unternehmen dienen die Einsätze sowohl der Qualifizierung der örtlichen Belegschaft als auch der Vorbereitung weiterer Standorte. Schwope betont ebenfalls, wie wichtig der Wissenstransfer gerade bei neuen Fabriken, Fahrzeugen und Antriebstechnologien für den Unternehmenserfolg sei.

Den wirtschaftlichen Vorteil Ungarns stellt die Unterstützung aus Deutschland seiner Einschätzung nach kaum infrage. „Die Kosten und Dauer der Einsätze sind limitiert und fallen bei den Kostenvorteilen kaum ins Gewicht.“ BMW veröffentlicht dazu keine Zahlen; eine konkrete Gegenrechnung ist deshalb nicht möglich.

Autoexperte: Standort Deutschland verliert an Gewicht

Über den aktuellen Hochlauf hinaus erwartet Schwope weitere Verschiebungen in den Produktionsnetzwerken. Die Verlagerung Richtung Osteuropa finde bereits seit Jahrzehnten statt. Das Kostenniveau dort werde sich über die Jahre beziehungsweise Jahrzehnte dem westeuropäischer Werke stärker annähern. Damit könnten andere Länder für neue Investitionen in den Blick geraten.

„Perspektivisch werden Rumänien und Bulgarien sowie möglicherweise die Türkei und Marokko stärker in den Fokus rücken“, sagt Schwope. Für deutsche Standorte erwartet er zugleich eine zunehmende Automatisierung. Seine Prognose betrifft damit die langfristige Verteilung der Produktion – nicht allein die Frage, wie lange BMW noch Beschäftigte nach Debrecen entsendet.

Dudenhöffer zieht aus dem Fall vor allem eine Konsequenz für weitere Produktionsstarts: „Man darf eben nicht zu viele Risiken gleichzeitig in Kauf nehmen.“ Die bewährte Regel in der Fertigung sei: Ein neues Werk und ein neues Modell oder Produkt sollten nicht gleichzeitig anlaufen.

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