Die Minute mit 61 Sekunden ist Geschichte. Am Donnerstag, dem 15. Oktober 2026, hat die Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) in Versailles die Schaltsekunde abgeschafft. Ab dem 20. Mai 2027 bekommt die Weltzeit UTC keine Extrasekunden mehr.
Der Grund für die Eile: Die Erde dreht sich zu schnell.
Was ist eine Schaltsekunde?
Streng genommen hat die Welt zwei Uhrzeiten. Die Weltzeit UTC kommt aus Atomuhren und tickt stur gleichmäßig. Die astronomische Zeit UT1 folgt der Drehung der Erde, und die schwankt.
Lagen beide mehr als 0,9 Sekunden auseinander, ordnete der Internationale Erdrotationsdienst IERS seit 1972 eine Schaltsekunde an. Die Uhr zeigte dann kurz 23:59:60.
27 Mal ist das passiert, zuletzt in der Silvesternacht 2016, in Deutschland um 0:59:60 Uhr. Wer damals anstieß, hatte eine amtliche Sekunde mehr für den ersten Schluck.
Schaltsekunde 2012: Als Qantas von Hand eincheckte
Menschen bemerken eine Schaltsekunde nicht. Computer geraten dagegen ins Stolpern, weil kaum eine Software mit einer 61. Sekunde rechnet.
Am 1. Juli 2012 legte ein Linux-Fehler, ausgelöst durch die Extrasekunde, das Buchungssystem Amadeus lahm. Die Airline Qantas musste Passagiere von Hand einchecken, Flüge verspäteten sich um bis zu zwei Stunden. Auch Reddit und LinkedIn kämpften mit Ausfällen.
Warum die Erde plötzlich schneller dreht
Eigentlich sollte die Schaltsekunde erst 2035 fallen, so hatte es die CGPM 2022 beschlossen. Dass es acht Jahre früher kommt, liegt am Planeten selbst.
Langfristig bremsen Mond und Sonne die Erde. Zuletzt hat sie aber leicht aufs Tempo gedrückt. Damit drohte eine Premiere: die negative Schaltsekunde, bei der die Uhren von 23:59:58 direkt auf Mitternacht springen.
Ausprobiert hat das noch niemand. Zeitexperten schätzten das Risiko bis 2035 auf rund 30 Prozent. Der Industrie waren schon zehn Prozent zu viel, wie Patrizia Tavella vom Internationalen Büro für Maß und Gewicht berichtete.
Ausgerechnet der Klimawandel bremst die Erde
Hinausgezögert hat die Minus-Sekunde bisher ausgerechnet das schmelzende Eis. Das zeigte der US-Geophysiker Duncan Agnew 2024 im Fachblatt Nature.
Das Schmelzwasser aus Grönland und der Antarktis wandert Richtung Äquator, die Erde wird dort breiter und dreht träger. So wie eine Eiskunstläuferin, die in der Pirouette die Arme ausstreckt. Ohne diesen Effekt wäre die Minus-Sekunde laut Agnew schon 2026 fällig gewesen.
Was ändert sich für Ihre Uhr?
Praktisch nichts. Atomzeit und Erdzeit dürfen künftig bis zu eine Stunde auseinanderlaufen. Die Fachleute rechnen damit, dass das für mehrere Jahrhunderte reicht.
Auch Funkuhren, die ihr Signal vom Sender DCF77 der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig bekommen, laufen einfach weiter. Nur die Vorankündigung einer Schaltsekunde fällt weg.
In Berlin steht die Sonne ohnehin „falsch“
Die Mitteleuropäische Zeit ist auf den 15. Längengrad bei Görlitz geeicht, Berlin liegt weiter westlich. Im Jahresmittel steht die Sonne hier deshalb erst gegen 12.06 Uhr am höchsten. Gegen diesen Dauerversatz ist die künftige Drift ein Rundungsfehler.
Und mit der nächsten Zeitumstellung springt die Uhr am 25. Oktober ohnehin um eine ganze Stunde.
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