Frankreich

Frankreich in Flammen: Zusammenstöße bei Protesten in Paris, Lyon und Marseille

In mehreren französischen Städten demonstrieren Tausende gegen Teuerung und soziale Einschnitte. Am Rande kommt es zu Krawallen und Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
4 Min
Bei einer Demonstration gegen die hohen Lebenshaltungskosten brennen nahe der Place de la République mehrere Fahrzeuge. Dichter schwarzer Rauch steigt über der Straße auf.

Bei einer Demonstration gegen die hohen Lebenshaltungskosten brennen nahe der Place de la République mehrere Fahrzeuge. Dichter schwarzer Rauch steigt über der Straße auf.

© Luc Auffret/imago

Bei einem landesweiten Protesttag gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungswesen ist es am Samstag in mehreren französischen Städten zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Bis 15 Uhr seien landesweit 272 Menschen festgenommen worden, berichtete die Zeitung Le Parisien unter Berufung auf Behördenangaben. Außerhalb von Paris wurden demnach 140 Protestaktionen mit rund 32.800 Teilnehmern gezählt.

In Paris versammelten sich Tausende Menschen auf der Place de la République, wie Le Parisien berichtete. Von dort setzte sich ein überwiegend friedlicher Demonstrationszug in Bewegung, während die Polizei in angrenzenden Straßen Tränengas und Wasserwerfer gegen Gruppen einsetzte, aus denen Gegenstände und Feuerwerkskörper geworfen wurden. Auf der Place de la République brannten ein Auto und zwei Zeitungskioske. Bis 14.15 Uhr wurden nach Angaben der Polizeipräfektur in Paris 133 Menschen festgenommen.

Rund 100 Demonstranten griffen nach Polizeiangaben den Sitz des Senders CNews an, der zum Medienkonzern des französischen Milliardärs Vincent Bolloré gehört. Der Konzern steht weit rechts und wird wegen mutmaßlicher Eingriffe in die redaktionelle Unabhängigkeit seiner Medien kritisiert; Bolloré bestreitet, die Berichterstattung politisch zu steuern. Am CNews-Sitz wurden 21 Menschen festgenommen.

Auch in Bordeaux kam es nach Berichten der Zeitung Le Monde zu Tränengaseinsätzen noch vor Beginn des geplanten Demonstrationszugs. Der Demonstrant Benjamin sagte Le Monde, er sei am Vormittag in Paris von Polizisten angegriffen und eingekesselt worden. Er warf den Einsatzkräften vor, durch ihr Vorgehen die Gewalt zu provozieren, und betonte, er wolle friedlich demonstrieren. In Besançon forderte Justine, Vertreterin der Schülergewerkschaft USL, ein gemeinsames Vorgehen von Schülern, Gelbwesten und Beschäftigten.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Eindringlinge im Rathaus in Marseille

In der Mittelmeerstadt Marseille drangen mehrere Dutzend Demonstranten in die Eingangshalle des Rathauses ein, nachdem sie die Tür aufgebrochen hatten. „Es ist Revolution! Wir stürmen die Bastille“, riefen sie, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachtete. Die Polizei vertrieb die Eindringlinge wenig später.

Bürgermeister Benoît Payan sprach im Sender BFM-TV von begrenzten Schäden – ein umgeworfener Tisch, ein paar zerbrochene Scheiben – forderte zugleich aber Aufklärung darüber, warum Randalierer in der Stadt ungehindert hätten zerstören können. Auf der Einkaufsmeile Canebière wurden Geschäfte beschädigt und ein Wachhäuschen der Stadtpolizei verwüstet. Präsident Emmanuel Macron sicherte Payan nach dessen Angaben zusätzliche Einheiten der Bereitschaftspolizei zu.

In Lyon brannte das städtische Tourismusbüro. Nach Angaben der Präfektur hinderten Demonstranten die Feuerwehr am Löschen, die Polizei setzte einen Wasserwerfer ein. Auf dem Place Bellecour lieferten sich laut dem Sender TF1 rund 400 schwarz gekleidete Teilnehmer Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften.

Weitere Zwischenfälle meldete das Innenministerium aus Rennes, Toulouse und Angers. In Rouen beschädigte ein Feuer ein Universitätsgebäude. Im südfranzösischen Perpignan beteiligten sich nach Angaben des katalanischen Mediums VilaWeb rund 2000 Menschen an einem Protestzug durch die Innenstadt. Nachdem die Polizei Tränengas eingesetzt hatte, blockierten Demonstranten die Brücke Pont d'Arago.

Breites Protestspektrum

Zu dem Aktionstag hatten unter anderem Gewerkschaften, Schüler- und Studentengruppen sowie Gelbwesten aufgerufen. Auslöser waren Proteste an Schulen in den nördlichen Pariser Vororten gegen Lehrermangel und marode Gebäude, die sich zu einer breiteren Bewegung gegen soziale Ungleichheit und den Sparkurs der Regierung ausweiteten. Die Gewerkschaft CGT fordert höhere Löhne und Renten sowie den Schutz öffentlicher Dienste.

Macron hatte am Vortag zu Besonnenheit aufgerufen und am Rande des EU-Gipfels in Brüssel das Recht auf Demonstrationen betont, zugleich aber Respekt vor Personen und Eigentum angemahnt.

Das Innenministerium machte vor allem die „ultralinke“ Szene für die Gewalt verantwortlich. Innenminister Nuñez hatte zuvor den Einsatz von Blendgranaten nicht ausgeschlossen, obwohl deren Verwendung nach schweren Verletzungen bei Schülerprotesten – ein 15-Jähriger hatte eine Hand verloren – zunächst ausgesetzt worden war. Für den 5. November hat ein Gewerkschaftsbündnis zu Streiks und Kundgebungen aufgerufen.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner