Die Pflege von Angehörigen – ein Riesenthema, das viel zu randständig abgehandelt wird in unserer Gesellschaft, die sich dem Schönheits- und Optimierungswahn verschrieben und nicht viel übrig hat fürs Alter. 6,4 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, 5,5 Millonen davon werden zu Hause von Angehörigen samt Pflegekräften versorgt. Warum weiß man dann so wenig über die häuslichen Pfleger? Sollen sie unsichtbar bleiben und so wenig Störgeräusche wie möglich machen? Das wird kaum gelingen, denn aus Demografie- und Kostengründen werden wir bald vor einem Desaster stehen, daran wird auch eine vielleicht mal kommende Pflegereform nicht viel ändern.
So schlimm wie im richtigen Leben wird es nicht
Ein wichtiges Thema also, dem sich der NDR da in seiner Reportage „Und wer fragt nach mir? Pflegende Angehörige am Rande der Erschöpfung“ annimmt. Aber, kleiner Spoiler: So schlimm wie im richtigen Leben, wo 40 Prozent der Pflegenden 2018 in einer Erhebung zugaben (wie viele es wohl nicht zugaben?), dass sie auch schon gewaltvoll gegen Mutter, Vater oder ein anderes Subjekt ihrer Pflege wurden, wird es in der ARD natürlich nicht. Dabei wäre das besonders interessant gewesen, immerhin wissen wir inzwischen auch, wie gewaltvoll die staatliche Pflege in Heimen und Krankenhäusern mitunter ist.
Wieder einmal wird den Menschen weniger zugtraut, als sie selbst bereits leisten. Dass die Pflege mitnichten ein Wohlfühlthema ist, wissen sie selbst. Auch diejenigen, die mit ihrem Partner oder den Eltern liebevoll verbunden waren, kommen in der Pflege an ihre Grenzen. Wie soll es erst Leuten ergehen, die auf keine gute Geschichte mit diesen Angehörigen zurückschauen können? Auch das dürfte eine riesige Anzahl sein. Es haben schon studierte Leute vor Gericht gesessen, weil sie ihrer garstigen Mutter ein Kissen aufs Gesicht gedrückt haben.
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Und noch etwas nimmt der Reportage, in der sonst drei verschiedene Fälle vorgestellt und diese von Frau Miosga höchstpersönlich aufgesucht werden, ihre mögliche Eindrücklichkeit. Denn wollen die Fernsehzuschauer unisono so ein Thema von jemandem erzählt bekommen, der zwar seine eigenen Eltern mit ins Spiel bringt und wie sehr ihm das Thema am Herzen liegt, der aber die eigenen Pflegezustände zuhause nicht offenbart? Weil er vielleicht Mittel hat, die dem Durchschnittsdeutschen nicht zur Verfügung stehen? Sollte kein Neid geschürt werden?
Aber wenn man, wie Carmen Miosga, in der Anmoderation sagt, dass man „ja sonst nur über Politik im Ersten berichtet“, hier aber ein dringliches persönliches Anliegen sah, dann sollte man auch liefern und die eigene Dringlichkeit sichtbar machen. Das aber fällt aus, wir sehen die Eltern und die Miosga-Schwestern nur auf einem Foto, und erfahren, dass die pflegebedürftige Mutter aus dem selbstgebauten Familienhaus nicht ausziehen will, der Vater sich aber durchaus verkleinern würde. Diese Nahbarkeitslücke versucht Miosga dann so zu schließen, in dem sie die Mutter einer Protagonistin etliche Male fragt, ob sie sie in ihrem Rollstuhl schieben dürfe. Na gut.
Es stellt sich zudem die Frage, ob Miosga generell noch zu denen gehört in der ARD, die vollstes Zuschauervertrauen genießen. Wer sie inzwischen als Vertreterin eines etablierten Fernsehbetriebs wahrnimmt, der den Mächtigen oft näher scheint als den Übersehenen, wird auf ihre Teilnahme dort empfindlich reagieren. Das mag ungerecht sein, dürfte sich mit dem generellen Vertrauensverlust in die öffentlich-rechtlichen Anstalten aber decken, der auch Miosga den Vorwurf macht, mit ihrer eigenen Talkshow zu wenig kritische Distanz zur politischen Macht zu halten. Mit demonstrativer Nähe zu den Regierenden sieht es da ein bisschen anders aus, siehe ihre legendäre Robert Habeck-Anschmachtung.
Kurz daran gedacht, vom Balkon
Dennoch hält die Reportage, durch die sie nun einmal führt, durchaus Begegnungen parat, die berühren. Da ist zum Beispiel Jürgen Mehl, 65, der seine demenzkranke Frau Annette seit zwölf Jahren pflegt. Sie kann nicht mehr sprechen, braucht Hilfe bei praktisch allem, hat Pflegegrad fünf. Unter der Woche gibt es Unterstützung durch einen Pflegedienst und die Tagespflege; an den Wochenenden ist er selbst zuständig.
Er zeigt Hochzeitsfotos, erzählt von einer Liebe, die sich verändert hat: aus körperlicher Partnerschaft ist ein anderes Zusammengehören geworden, das sich in der Fürsorge bewähren muss. Aber Mehl spricht auch seine Ängste an: Wenn die Kosten ihn eines Tages das Haus kosten, könnte er anfangen, die Krankheit seiner Frau zu hassen. Ein Eingeständnis, dass ihn nicht lieblos erscheinen lässt, sondern einfach nur ehrlich.
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Wie viel drastischer die Lage sein kann, soll der Fall von Angelina, 36, illustrieren. Sie versorgt ihre Mutter rund um die Uhr und nebenbei auch den Vater unterstützen muss. Als dieser für vier Wochen zur Reha fährt, gerät sie so an den Rand ihrer Kräfte, dass sie kurz daran denkt, vom Balkon zu springen. Nicht aus einer abstrakten Verzweiflung, sondern weil sie das Schreien, die Vorwürfe und die Beschwerden der Nachbarn nicht mehr erträgt, obwohl sie sagt, sie würde ihre Eltern lieben. Sie möchte arbeiten, aber ihre Arbeit ist längst ein Vollzeitjob – ohne Feierabend, ohne verlässliche Vertretung, ohne Lohn.
Es ist durchaus möglich, dass Miosga diesen Film aus aufrichtigem Interesse gemacht hat. Das Problem ist nicht ihre persönliche Betroffenheit, sondern die Frage, warum sie diese sichtbar vor sich hertragen muss. Die Menschen, denen sie begegnet, brauchen keine prominente Frau, die sich für einen Augenblick als Helferin ins Bild stellt. Sie brauchen eine Öffentlichkeit, die ihre Arbeit nicht länger als familiäre Selbstverständlichkeit behandelt.
Ab 23. Oktober in der ARD-Mediathek, am 26. Oktober um 20:15 Uhr im Ersten.
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