Neulich in einem polnischen Lokal in Charlottenburg. Die Kellnerin stellt mir einen Teller hin und schaut mich an, als überreiche sie gerade das Bernsteinzimmer.
Auf dem Teller: acht Teigtaschen, gefüllt mit Kartoffel und Quark. Daneben ein Klecks Schmand. Das war's.
Ich will es nicht länger verschweigen: Die Küche Osteuropas ist die am maßlosesten überschätzte unseres Kontinents. Sie lebt von Nostalgie und Babuschka-Kitsch, nicht vom Geschmack.
Pierogi und Pelmeni: Teigtaschen mit irgendwas drin
Die Polen schwärmen von ihren Pierogi, die Russen von ihren Pelmeni, und beide reden darüber, als hätten sie das Feuer entdeckt. Entdeckt aber haben sie nur eine Teigtasche.
Die gibt es auf diesem Planeten so gut wie überall. Japan hat Gyoza, Tibet Momos, Georgien Chinkali, die Türkei Mantı, und die Schwaben verstecken in ihren Maultaschen angeblich seit Jahrhunderten das Fleisch vor dem Herrgott.
Teigtaschen sind das Malen nach Zahlen der Weltküche. Füllung rein, Rand zukneifen, ab ins Wasser. Das schmeckt immer irgendwie okay, und genau darin liegt der Haken: Es braucht kein Talent.
Wer dann noch Sauerkraut in den Teig wickelt, hat jede Hoffnung aufgegeben. Sauerkraut gehört neben die Bratwurst. In eine Teigtasche gehört es so wenig wie Senf in den Cappuccino.
Italien hat auch Ravioli – aber keiner fliegt deswegen hin
Der Standard-Einwand lautet: Italien hat doch auch gefüllte Pasta. Stimmt. Nur bucht kein Mensch einen Flug nach Bologna, um dort Ravioli zu essen.
Italien hat Tomaten, die nach Sommer schmecken, Olivenöl, Parmesan und Pasta in mehreren Hundert Formen. Die Ravioli laufen da unter ferner liefen.
Osteuropa hat die Teigtasche dagegen zur Staatsaffäre erhoben. Mit dieser Logik könnte Deutschland seine Küche auch über das Spiegelei definieren.
Smetana: Was nicht schmeckt, wird zugeschmiert
Das Universalwerkzeug dieser Küche ist der Schmand. Smetana, wie es auf der Karte heißt, landet auf den Pierogi, im Borschtsch, auf Blini, im Salat und im Zweifel auch auf dem Kompott.
Was der Schmand übrig lässt, erledigt die Mayonnaise. Der Salat Olivier, Pflichtprogramm jeder Silvesterfeier zwischen Warschau und Wladiwostok, ist im Grunde Mayonnaise mit Erbsen-Einlage.
Borschtsch: viel Farbe, wenig Geschmack
Und dann der Borschtsch. Zugegeben, er ist schön. Dieses Pink! Geschmacklich erinnert er an warmen Gartenboden, über den jemand Essig gekippt hat.
Noch weiter treibt es der „Hering im Pelzmantel“. Dafür begräbt man einen unschuldigen Fisch unter Schichten aus Mayonnaise und Roter Bete, als hätte er etwas verbrochen.
Ukrainer und Russen streiten übrigens seit Jahren darüber, wem der Borschtsch gehört. Die Unesco hat die ukrainische Borschtsch-Kultur 2022 als bedrohtes Kulturerbe anerkannt. Wenn eine Rübensuppe das Kronjuwel ist, sieht es im Rest der Schatzkammer mau aus.
Der Mythos von der armen, ehrlichen Küche
Die Verteidiger kommen jetzt mit der Not: lange Winter, kurze Sommer, man aß, was der Keller hergab.
Hübsches Märchen. Die Ukraine gilt als Kornkammer Europas, Polen ist der größte Apfelproduzent der EU. Am Boden liegt es also nicht.
Es liegt an dem, was man daraus macht. Aus dem Weizen wird Teig. Und aus dem Teig werden – genau.
Ein Wort zum Dill
Dill streut man in Osteuropa über Kartoffeln, Gurken, Suppen und notfalls über den Dill selbst.
Dill ist das Einzige auf dem Teller, das nach etwas schmeckt. Leider nach Dill.
Mein Urteil
Ich weiß, die Zuschriften kommen. Von der polnischen Nachbarin, deren Pierogi „natürlich ganz anders“ sind. Und vom Kollegen, der bei Soljanka feuchte Augen bekommt, weil es die schon im Ferienlager an der Ostsee gab.
Schreibt mir ruhig. Ich esse eure Teigtaschen trotzdem weiter. Sie schmecken ja irgendwie okay.
Genau das ist das Problem.
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