Schiffsgeschichte

120 Jahre MS „Granitz“: Party an der Ostsee auf einem einst in Berlin versenkten Schiff

Am Samstagabend haben hunderte Barther im Hafen ganz groß gefeiert – die Geschichte eines ganz besonderen Schiffes, das zu Kriegsende versenkt wurde.

Ingo Eckardt
Ingo Eckardt
6 Min
An der „Granitz“ im Barther Hafen wurde am Samstag ordentlich gefeiert. 120 überaus wechselvolle Jahre hat das Schiff auf dem Buckel.

An der „Granitz“ im Barther Hafen wurde am Samstag ordentlich gefeiert. 120 überaus wechselvolle Jahre hat das Schiff auf dem Buckel.

© Ingo Eckardt

Das war ja mal eine Fete: Am Samstag ging es im Barther Hafen ziemlich laut zu. Es gab eine Geburtstagsparty der besonderen Art. Denn gefeiert wurde auf und an der MS „Granitz“, die hier im Barther Bodden dauerhaft vor Anker liegt und heute eine beliebte Bar ist. Das signifikant im Zentrum des Hafens platzierte Schiff hat 120 Jahre auf dem Buckel, und das allein wäre Grund zum Feiern für die Betreiber Sven und Melanie Sand.

Doch auch eine Kult-Band der Stadt, Honest konnte auf einen beinahe runden Geburtstag zurückschauen: Seit 15 Jahren machen Uwe Grawe, sein Enkel Timmy und Gitarrist Henrik Jahnke zusammen Musik, und zwar per Hand und rockig. Ein Ausflug in eine Zeit, als Opa Uwe so jung war, wie sein heute trommelnder Enkelsohn – samt Rolling Stones-, CCR- und Santana-Hits.

Wenn der Opa mit dem Enkel: Seit 15 Jahren spielt die Musik in Barth – in Person von Uwe Grawe, der mit seinem Enkel Timmy und Gitarrist Henrik Jahnke am Samstag zur Party aufspielte.

Wenn der Opa mit dem Enkel: Seit 15 Jahren spielt die Musik in Barth – in Person von Uwe Grawe, der mit seinem Enkel Timmy und Gitarrist Henrik Jahnke am Samstag zur Party aufspielte.

© Maik Helten

Soweit so mehr oder minder spektakulär. Doch beim genauen Hinsehen zeigt sich ein spannendes historisches Bild des einstigen Fahrgastschiffes, auf dem sich heute die Skipper der umliegenden Yachten mit den Touristen zum allabendlichen Umtrunk zusammenfinden. Da wird jede Menge Seemannsgarn ausgetauscht und wer Wirt Svent Sand fragt, dem erzählt der sonst eher wortkarge Mann von „seiner „Granitz““, die vor 120 Jahren MS „Lankwitz“ hieß und auf den Gewässern um Berlin herumschipperte.

Wie andere Schiffe: Versenkt zum Ende des Krieges

Als Motorschiff „Lankwitz“ war das Schiff bis Kriegsende auf den Berliner Seen als Fahrgastschiff unterwegs – wurde dann in den Kriegswirren versenkt.

Als Motorschiff „Lankwitz“ war das Schiff bis Kriegsende auf den Berliner Seen als Fahrgastschiff unterwegs – wurde dann in den Kriegswirren versenkt.

© privat / Sven Sand

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Die „Granitz“ ist quasi die älteste Dame in Barth und hat schon so manches Abenteuer erlebt, bevor sie für die vielen Stammgäste und Einheimischen zum „zweiten Wohnzimmer“ wurde. 1906 wurde die „Lankwitz“ als Doppelschraubendampfer bei den Stettiner Oderwerken im heutigen Polen gebaut. Bis zu 280 Passagiere (andere Quellen beschreiben bis zu 234 Personen) beförderte man auf dem knapp 28 Meter langen Schiff auf den Berliner Seen, wie es in den Annalen der Berliner Schifffahrtsverwaltung nachzulesen ist.

„Sie war ein beliebtes Verkehrsmittel für Ausflüge. Aber der Zweite Weltkrieg bedeutete einen tiefen Einschnitt. Bei Kämpfen im Berliner Grenzbezirk wurde das Schiff zusammen mit anderen Booten versenkt“, berichtet der heutige Besitzer. Insgesamt fünf Schiffe teilten dieses Schicksal am gleichen Ort.

Im Griebnitzsee (bei Klein-Glienicke) fand sie ihre vermeintlich letzte Ruhestätte. Doch wie Dokumente der Berliner Fahrgastschiffahrt belegen, barg man das historische Fahrgastschiff im vierzigsten Lebensjahr vom Grunde des Sees und befand es für schrottreif. So wurde es schließlich 1949 abgewrackt. Ein weiteres potenzielles Ende der Geschichte.

Berliner Künstler rettet das Schiff vorm Verschrotten

Doch in der Genthiner Werft in Sachsen-Anhalt nahm man sich dem Stahlkoloss an, baute ihn zu einem funktionsfähigen Motorschiff um – und nannte es fortan „Granitz“. Dieser Name stehe für ihren ersten neuen Abschnitt, lacht Sven Sand. Das Schiff fuhr nun auf Ostseegewässern und brachte fast vierzig Jahre lang Passagiere nach Hiddensee und Rügen. Zuletzt lag sie im Stralsunder Hafen und sollte 1989 endgültig in Barth verschrottet werden.

Nach der Wiederherstellung war die „Granitz“ jahrelang auf der Ostsee als Fahrgastschiff unterwegs.

Nach der Wiederherstellung war die „Granitz“ jahrelang auf der Ostsee als Fahrgastschiff unterwegs.

© privat / Sven Sand

Das nächste Kapitel der „Granitz“ war jedoch erneut nicht die Beerdigung des Schiffes. Wolf-Dietrich Griep, ein Berliner Musiker und Kabarettist, entdeckte die „Granitz“ im Barther Wirtschaftshafen in einem traurigen Zustand: voll mit Wasser, ohne Fenster, die Einrichtung schimmelig und stark beschädigt. Für gerade einmal 150 Mark kaufte er das Schiff den Verschrottern ab – ohne zu ahnen, welche Arbeit damit auf ihn zukommen würde, hat er Sven Sand erzählt.

Er investierte viel. Viel Zeit, viel Geld und unendlich viel Leidenschaft. „So ein altes Schiff herzurichten und instand zu halten, kann ein teures Hobby sein. Ursprünglich hatte Griep die „Granitz“ als Spaßdampfer nutzen und kulturelle Veranstaltungen an Bord anbieten wollen. Doch das Publikum für eine solche Idee am doch recht kleinen Hafen fehlte ihm. Stattdessen richtete er ein Tonstudio auf dem Schiff ein, komponierte Filmmusiken und tourte nebenbei mit seinen Ensembles durch Europa.

Bier und Gulasch: Die Granitz als zweites Wohnzimmer

Noch heute klingt die Erinnerung an diese kreative Zeit an Bord nach, wenn man die knirschenden Holzbohlen betritt und durch die Fenster schaut, die aus ausrangierten Berliner S-Bahnen stammen. Doch irgendwann spürte Griep, dass seine Geduld und seine wirtschaftlichen Kapazitäten langsam zur Neige gingen. „Mein ‚Opuskapitel' wurde mir einerseits zu langweilig und andererseits wirtschaftlich nicht tragbar“, bekannte er später. Er tauschte die „Granitz“ gegen die Alte Feuerwache in Kustrow ein.

Die „Granitz“ gehörte nun Ricardo Kunz. Der hatte die Idee, sie in ein Urlauberschiff umzuwandeln. So konnten bis zu zwölf Gäste an Bord ihren Urlaub verbringen und das maritime Flair des Hafens genießen. Doch die richtige Verwandlung kam erst zusammen mit Sven Sand, der die „Granitz“ gemeinsam mit Kunz ab 2012 zu einer Hafenbar umbauen ließ.

Sven und Melanie Sand sind seit fast zehn Jahren die Wirtsleute auf der „Granitz“, die für Einheimische und Skipper zum zweiten Wohnzimmer wurde.

Sven und Melanie Sand sind seit fast zehn Jahren die Wirtsleute auf der „Granitz“, die für Einheimische und Skipper zum zweiten Wohnzimmer wurde.

© Ingo Eckardt

Seit April 2012 ist die „Granitz“ nun schon eine beliebte Kneipe, in der Einheimische und Besucher zusammenkommen. Mittlerweile betreiben Sven Sand und seine Frau Melanie die Hafenbar allein. Sie stehen 365 Tage im Jahr hinterm Tresen. Die Stammkunden genießen hier nicht nur ihr Feierabendbier und den einen oder anderen Schnaps. Sie schwärmen von der selbstgemachten Gulaschsuppe und Soljanka.

Und so sitzen hier – abseits einer Feier wie am Samstag – die Stammgäste zwischen alten Fotos, Hafen-Devotionalien und - wenn es kalt ist - im Schein des Kaminofens. „Für viele Barther ist die „Granitz“ längst mehr als nur ein Schiff – sie ist ein Teil ihrer Stadt und ihrer Geschichte. Die alte Lady lebt weiter, ihr Herz schlägt in jedem Glas, in jeder Unterhaltung und in jedem Lachen an Bord“, fasst es Mario Galopp, Vorsitzender des Barther Heimatvereins, auf einer Erklärungstafel zusammen.

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