13-jährige Schüler essen mit Rentnern in Neukölln Spaghetti auf der Straße - ein Erfolg des Projekts Lange Tafel

"Kurt ist cool. Er ist wie wir, nur älter"

Karin Schmidl
3 Min

Yeliz ist stolz: "Kurt, ich hab mich in Mathe verbessert, das Zeugnis wird gut diesmal", sagt sie und umarmt den weißhaarigen alten Herrn. Dieser heißt Kurt Zimmer und strahlt: "Ick hab's jewusst, ihr seid klasse!" Auch Mariam und Anwar begrüßen den 68-Jährigen mit einer Umarmung. Es sieht aus, als würden sich Enkel und Großvater treffen. Doch die 13-jährigen Mädchen und der 68-jährige Rentner sind nicht verwandt. Sie haben sich erst vor ein paar Monaten kennengelernt, beim Projekt Lange Tafel. Am Sonnabend saßen sie mit weiteren Schülern und Senioren aus Neukölln am Maybachufer an weiß gedeckten langen Holztischen und aßen gemeinsam Spaghetti.Die Lange Tafel ist eine Erfindung der Berliner Schauspielerin und Regisseurin Isabella Mamatis. Seit drei Jahren bringt sie auf diese Weise Junge und Alte zusammen. Den Anfang machte die Kreuzberger Bergmannstraße, in diesem Jahr kamen der Kreuzberger Graefekiez und der Reuterkiez in Neukölln hinzu. Geld und logistische Hilfe spenden Firmen und Private. Insgesamt 600 Meter lang waren alle drei Tafeln, fast 300 Schüler und 1 400 Gäste saßen beieinander. Mit ihrer Aktion will Mamatis einst Alltägliches wiederbeleben: "Im griechischen Dorf meines Vaters sitzen die Generationen beim Essen und hören einander beim Erzählen zu", sagt sie. Ein Vorhaben, das in einer Großstadt schwierig und in einem Neuköllner Kiez, in dem Menschen aus mehr als 160 Nationen leben, nahezu unmöglich scheint.Doch es hat geklappt, Isabella Mamatis hatte daran keinen Zweifel: "Auch hier gibt es neugierige Kinder und ältere Menschen, die etwas zu erzählen haben." Auch wenn die Vorbehalte anfangs groß waren. Denn die Alten sind ausnahmslos Deutsche und die Jungen zu 98 Prozent Migrantenkinder. Dennoch traf man sich - im Pflegeheim, in der Schule, auf der Straße - und stellte fest, dass es sogar Spaß machen kann, miteinander zu reden. Die Senioren wollten unter anderem wissen, wieso der Ramadan Fastenmonat heißt, wenn abends doch gegessen wird. Und muslimische Schüler fragten, was an Weihnachten christlich ist, wenn sich alles nur ums Einkaufen dreht. Manche Senioren interessierten sich erstmals für Handys, die Jungen erklärten sie ihnen. Geredet wurde auch über Kopftücher, den Schulalltag früher und heute und über die Nachkriegszeit. Was die Schüler beeindruckte, schrieben sie auf. Rund 1 500 kleine Geschichten entstanden auf diese Weise. Am Sonnabend baumelten viele beschriebene Zettel an einer Leine entlang der Tafeln, jeder konnte sie lesen.Auch die Geschichte, die Kurt Zimmer erzählt hat: Vom strengen Nachkriegswinter 1947, als es kaum etwas zu essen gab und die Menschen Hunger litten. Und dass er es immer noch nicht begreifen kann, wenn Essen einfach weggeschmissen wird. Mariam hat die Geschichte von Bernd Wirths aufgeschrieben. Es ist eine Liebesgeschichte: "Er konnte 1961 seine Freundin nicht heiraten, weil die Mauer gebaut wurde und beide getrennt wurden. Das fand ich traurig."Noch etwas hat die Schüler überrascht. "Ich habe mir nie Gedanken über alte Menschen gemacht. Jetzt weiß ich, dass sie auch freundlich sein können", sagt das Mädchen, dessen Familie aus dem Libanon stammt und das Zahnärztin werden will. Was Mariam mit ihrem korrekt gebundenen lila-weißen Kopftuch und dem gepiercten Nasenflügel am meisten beeindruckt hat? "Als wir beim Treffen unsere HipHop-Musik anstellten, haben Kurt und die anderen getanzt, das hätte ich nie gedacht." Sie sagt: "Kurt ist cool. Er ist wie wir, nur älter."------------------------------Foto: Rentner Kurt Zimmer zwischen seinen neuen jungen Freunden Salah, Mert, Mariam, Anwar und Sherifa (v. r.).

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