Studie

Multiple Sklerose: RNA-Impfung bessert Autoimmunerkrankung bei Mäusen deutlich

RNA-Impfstoffe werden gegen Covid-19 schon eingesetzt. Nun zeigen Forscher, dass eine solche Impfung auch gegen andere Erkrankungen helfen kann.

dpa/Walter Willems
4 Min
Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems.

Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems.

© imago images/Science Photo Library

Ein unabhängiger Experte spricht von sehr spannenden Daten, mahnt aber zu Vorsicht. „Man weiß nie, ob das auch im Menschen so gut funktioniert“, sagte Ralf Gold, Vorsitzender des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). Şahin sagte der Deutschen Presse-Agentur, man prüfe derzeit die Verträglichkeit dieses Ansatzes und treffe Vorbereitungen dafür, ihn am Menschen untersuchen zu können. Klinische Studien könnten in etwa zwei bis drei Jahren beginnen, „wenn alles nach Plan läuft“. Zudem wolle man RNA-Impfungen auch für andere Anwendungen erforschen, neben Krebs etwa chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Arthritis.

Als erster RNA-Impfstoff überhaupt war das von Biontech entwickelte Präparat BNT162b2 im Dezember gegen Covid-19 zugelassen worden. Diese Impfung enthält genetische Informationen des Erregers, aus denen der Körper dann ein Viruseiweiß herstellt. Ziel ist es, das Immunsystem zur Bildung von Antikörpern anzuregen, um das Virus Sars-CoV-2 im Falle einer Infektion abzufangen.

Ein anderes Ziel verfolgt die Impfung bei Multiple Sklerose, bei der das Immunsystem die Substanz Myelin schädigt, die Nervenfasern umhüllt. Hier soll ein Impfstoff dafür sorgen, dass die Körperabwehr Myelin toleriert und keine angreifenden Immunzellen oder Antikörper bildet. Schädigungen der Myelinhülle führen zu motorischen Problemen wie etwa Lähmungen, in Deutschland betrifft das mehr als 250.000 Menschen.

„Wir suchten nach einem therapeutischen Ansatz, der die natürlichen Mechanismen der Immuntoleranz nachahmt“, schreiben die Forscher, die überwiegend an der Universitätsklinik Mainz arbeiten. Gleichzeitig soll die RNA-Impfung das Immunsystem aber nicht beeinträchtigen – etwa bei der Abwehr von Krankheitserregern.

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Der RNA-Impfstoff enthält den Bauplan (RNA) für den Stoff MOG (Myelin Oligodendrozyten Glykoprotein) – einen Bestandteil der Myelinhülle, gegen den sich bei MS heftige Autoimmunreaktionen richten. Die Impfung soll dafür sorgen, dass das Immunsystem das Protein toleriert. „Wir veranlassen mit dem RNA-Therapiansatz die Bildung von Immunzellen, die schützend wirken, damit das Gewebe nicht angegriffen wird“, erläuterte Şahin.

Den therapeutischen Effekt prüfte das Mainzer Team an Mäusen mit experimenteller autoimmuner Enzephalomyelitis (EAE). Diese Erkrankung beruht ähnlich wie Multiple Sklerose auf entzündlichen Prozessen gegen Myelin-Bestandteile. Bei den Mäusen besserte die Impfung Entzündungsreaktionen und stoppte das Fortschreiten der Erkrankung. Gleichzeitig reagierte das Immunsystem weiter auf Krankheitserreger wie etwa Bestandteile von Grippeviren. „Die Fähigkeit der Mäuse, eine schützende Immunreaktion aufzubauen und neutralisierende Antikörper zu entwickeln, blieb unbeeinträchtigt“, schreibt das Team.

In einem weiteren Schritt zeigten die Forscher, dass die Impfung auch keine weiteren Immunzellen gegen Myelin aktivierte. Das ist wichtig, denn dieser sogenannte Bystander-Effekt, bei dem in einer Kaskade letztlich auch andere Immunzellen die Myelinhüllen angreifen, spielt bei Multiple Sklerose eine wichtige Rolle. Insgesamt legen die Resultate den Forschern zufolge die Grundlage, um die klinische Umsetzung des Ansatzes gegen Autoimmunerkrankungen zu verfolgen.

Das menschliche Immunsystem ist sehr komplex

In dieser Übertragung auf den Menschen sieht der DMSG-Experte Gold den wesentlichen Knackpunkt. „Die Studie belegt, dass die Impfung bei Mäusen exzellent funktioniert“, sagte der Direktor der Neurologischen Klinik an der Ruhr-Universität Bochum. „Aber das ist nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragbar.“ Wiederholt seien Wirkstoffe, die sich bei Tieren als vielversprechend erwiesen hätten, bei Menschen gescheitert. Das liege einerseits daran, dass das menschliche Immunsystem sehr komplex sei. Zum anderen seien Menschen wesentlich vielfältiger als die in Studien verwendeten, genau definierten Mausstämme, so Gold.

Şahin sind diese Probleme durchaus bewusst. Man werde den Ansatz nun im Labor an diversen menschlichen Immunzellen prüfen. Jeder Mensch könne eine andere Form von Multiple Sklerose mit einem jeweils individuellen Autoimmunitätsmuster haben. In der aktuellen Studie sei es bei den Mäusen gelungen, mit einem einzigen Antigen eine Toleranz des Immunsystems gegen das gesamte Myelingewebe hervorzurufen. „Wenn wir diesen Mechanismus auch im Menschen effektiv einsetzen könnten, wäre eine universelle Toleranzinduktion für unterschiedliche MS-Formen möglich“, sagte er der dpa.

Der Einsatz von RNA-Impfungen werde derzeit auch bei anderen Erkrankungen erforscht, die vom Immunsystem beeinflusst werden, erklärte der Mediziner. Neben Infektionskrankheiten und Krebs seien dies etwa Allergien und chronisch-entzündliche Erkrankungen wie zum Beispiel Arthritis und Gefäßerkrankungen. (dpa/fwt)

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