Man sitzt, wo sonst in diesen Tagen, in der Volksbühne. Und man sieht auf der Riesenleinwand: die Volksbühne vor 19 Jahren, am 27. September 1998. Der vor knapp sieben Jahren gestorbene Christoph Schlingensief tanzt und hüpft mit Rennfahreranzug und Basecap über die Bühne, sondert ununterbrochen Slogans ab, treibt ein Wahnsinnsprojekt zum möglichst pompösen Wahldebakel-Finale: „Es hat Spaß gemacht, weil wir es ernst meinten.“
Dann schnurrt für einen Moment die Zeit zusammen. Jubel auf der Leinwand, Jubel im Saal. Teilweise sind es dieselben Leute am selben Ort. Kurz vor der Schließung des Castorf-Theaters feierte der Dokfilm „Chance 2000 − Abschied von Deutschland“ Premiere.
90 Stunden Material
Der Film wurde auf den letzten Drücker fertig, wie Frieder Schlaich und Kathrin Krottenthaler vor der Vorführung sagten. Man glaubt ihnen sofort, dass es eine Sisyphus-Arbeit war, aus den 90 Stunden Material unterschiedlichster Formate und Qualität, das den beiden aus dem Schlingensief-Nachlass zur Verfügung gestellt wurde, einen gut zweistündigen Film zu montieren.
Christoph Schlingensief beim Wahlkampfzirkus im Prater.
© dpa
Chance 2000
Am 13. März 1998 gründete Christoph Schlingensief in einem Zirkuszelt auf dem Hof des Volksbühnenpraters die Partei „Chance 2000“. Es gab 312 Gründungsmitglieder.
Nach einer Reihe von Parteitagen und Aktionen zur Erringung von Aufmerksamkeit kam die Partei auf elf Landesverbände.
Die Mitgliederzahl ist nicht sicher (16000 nach eigener Zählung), aber das Ergebnis der Bundestagswahl 1998 ist amtlich. Die Partei erreicht 0,007 Prozent der Erststimmen (3206) und 0,058 Prozent der Zweitstimmen (28566).
Gerhard Schröder gewann die Wahl, mit der die 16-jährige Amtszeit von Helmut Kohl endete. Chance 2000 gilt als „Schlingensiefs längster Theateraktion aller Zeiten“
Der Film „Chance 2000 − Abschied von Deutschland“ von Kathrin Krottenthaler und Frieder Schlaich, D 2017, 125 Minuten. Ab sofort im Verleih der Filmgalerie 451 www.filmgalerie451.de
Zumal Schlingensiefs Bundestagswahl-Projekt zwar durchaus chaotisch anmutete und sich über eine Dauer von einem halben Jahr auch verzettelte, aber doch ein Vorgang war, dessen künstlerischer Kern in seiner Gesetzmäßigkeit lag.
Nicht ohne Rechtsgelehrten
Es erwies sich in der bunten, laut den Unterlagen 74-köpfigen Truppe aus Schauspielern, Dramaturgen, Arbeitslosen, vielen behinderten Artisten vom Zirkus Sperlich als absolut unerlässlich, dass der langjährige Schlingensief-Weggefährte Dietrich Kuhlbrodt, bekannt aus wegweisenden Filmen wie „Menu total“, „Hundert Jahre Adolf Hilter“ oder „Das deutsche Kettensägenmassaker“, als Oberstaatsanwalt a.D. auf eine solide juristische Ausbildung zurückblicken konnte.
Was da alles an Bürokratie zu bewältigen war: Vereinsgründung mit Alfred Biolek und Harald Schmidt, Parteigründung, Parteispaltung und -wiedervereinigung im Zirkuszelt beim Prater, Konzerngründung, Optionsscheinausgabe, Insolvenzvortäuschung. Das wird alles einen Tick übersichtlicher nacherzählt als nötig, immer wieder sieht man die Schlingensief-Crew beim Unterschriften sammeln und beim Stimmen zählen. So sticht aus den vielen Lehren von „Chance 2000“ hervor, dass Demokratie vor allem respekteinflößend anstrengend ist.
Müde und beseelt
Aber die Gesichter sind nie einfach nur müde, sondern immer auch beseelt von einem Glück, das vielleicht erst durch die Erschöpfung, Ratlosigkeit und Überforderung spürbar wird. Die Nächte im „Hotel Prora“, einem beschallten Camp auf dem Praterhof, werden den Gästen unvergessen bleiben.
Auf in den Wahlkampf!
© Filmstill
Auch vom Höhepunkt des Wahlkampfs, dem Versuch, durch ein Massenbad von Arbeitslosen den Wolfgangsee zum Überlaufen zu bringen und die Ferienvilla von Helmut Kohl unter Wasser zu setzen, gibt es herrliche Bilder, die sich geradezu zum medienkritischen Slapstick aufstapeln: Schlingensief, wie er dabei gedreht wird, wie er sich selbst beim Autofahren dreht, während er am Funktelefon einen Interviewtermin ausmacht. Und neben ihm schnarcht in aller Seelenruhe Freakstar Werner Brecht.
Alle folgen Schlingensief
Kein Wunder, dass die Wolfgangsee-Autokolonne die Abfahrt nach St. Gilgen verpasst. „Das kommt davon, wenn alle Christoph hinterherfahren“, ruft der stets überforderte, aber nie verzweifelte Volksbühnendramaturg Carl Hegemann, nachdem er sich aus dem Auto gequält hat. Der Film, dies auch zur Verdeutlichung des historischen Abstands, spielt in Zeiten, als es noch keine Smartphones und Navigationsgeräte gab.
Das Genie von Schlingensief − das wird einem schmerzlich deutlich, weil es so selten ist −, besteht vor allem darin, Leute für sich und seine Kunst einzunehmen. Welche Grenzen da überwunden werden! Was da geleistet wird! Wie aufgehoben die Mitmacher in der Gruppe sind, selbst im Streit! Wie die sich lieben! Und ihren Christoph natürlich.
Doppelter Glücksfall
Nein, das ist keine Nostalgie! Das Material ist einfach zu direkt und zu rau, als dass es für eine Verklärung taugen würde, es ist ehrlich und zeigt auch Schlingensiefs Egozentrik. Es war ein Glücksfall, dass Schlingensief auf die Volksbühne traf, für beide. Auch wenn er in seinem Überschwang die Belegschaft zwischenzeitlich an den Rand des Wahnsinns brachte, was man ihr nicht verübeln kann. Es gibt kein anderes Haus, das solche Kraftakte am Rand der Selbstzerstörung mitgetragen hätte. Nun wurde es doch von fremder Hand zerstört.
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