Irgendetwas stimmt mit dem Drucker nicht, meinte seine Besitzerin. „Vor dem Staubwischen ging er noch, jetzt hat er seinen Geist aufgegeben.“ Mit dem Gerät unterm Arm war sie nach Oberschöneweide ins Repair-Café gekommen, um deren Mitarbeiter nach Rat zu fragen. „Haben Sie alle Schalter wieder eingeschaltet“, erkundigte sich Frank Schelle. Sie habe doch gar nichts verändert, beteuerte die Hilfesuchende. Der gelernte Funkmechaniker schaute sich das Gerät genau an. Dann steckte er den Stecker in die Steckdose, aktivierte den Hauptschalter und freute sich über die gelungene Blitz-Reparatur: „Die Frau war beim Staubwischen an den Schalter gekommen.“
Dieser schnelle Erfolg ist nur wenigen kaputten Haushaltsgeräten beschieden – deshalb gehört diese Geschichte zu den beliebtesten im Repair-Café in der Reinbeckstraße 9, einem von insgesamt 21 in dieser Stadt. Jeden ersten und zweiten Mittwochabend im Monat treffen sich in den Räumen des Industriesalons fast ein Dutzend ehrenamtliche Mitarbeiter, um gemeinsam mit deren Besitzern kaputte Mixer, Milchschäumer, Staubsauger, Kaffeemaschinen, Drucker, Zahnbürsten, Fernseher, Aktenschredder, Toaster, Videorekorder, Playstations, Handys, ja sogar Schwibbögen wieder flott zu bekommen.
Neuer Stecker für die Lampe
Jeder Mitarbeiter hat seine Spezialgebiete, es gibt Leute, die sich besser mit Mechanik auskennen, andere mit Elektronik. Mit Angela Thomas, die einen Facharbeiterbrief für vakuumelektronische Erzeugnisse besitzt, gibt es im Café sogar eine Bildröhren-Expertin. Rund 150 Besucher kamen im vergangenen Jahr, viele brachten mehrere Geräte. Die Hilfe ist kostenlos, nur die Ersatzteile müssen die Besucher selbst besorgen. Repariert wird alles, was man ins Café bringen kann – wer also den Motor seiner Waschmaschine selbst ausbaut, kann auch diese hier wieder zum Laufen bringen. Die Erfolgsaussichten liegen bei 60 bis 70 Prozent.
Martha Schmidt hat eine wunderschöne Kinderzimmerlampe mitgebracht, eine überdimensionale rosafarbene Blüte, die über ein quietschgrünes Kabel mit Strom versorgt wird. Doch die Stifte am Kabelstecker haben sich gelöst.
Als erstes muss sie auf einem Formular ihre Kenntnis bestätigen, dass für die durchgeführte Reparatur keine Haftung übernommen und keine Garantie gegeben wird. Dann setzt sie sich gemeinsam mit ihrer Tochter an die lange Tafel im Industriesalon, deren Tische mit Möbeldecken vor Kratzern bewahrt werden. Ein neuer Stecker muss an die Lampe. Und weil hier jeder Hilfesuchende etwas lernen soll, darf Marthas Tochter den alten abschneiden und ein Stückchen vom Plastikmantel, der die beiden Leiter umhüllt entfernen.
Dann soll sie an den Leiterenden die Isolation entfernen. „Hast du so etwas schon einmal gemacht?“ Nein, antwortet der Teenager, stellt sich aber sehr geschickt an. Auf die vielen, nun freigelegten Kupferdrähte schiebt sie nun Aderendhülsen, die sie anschließend mit einer Zange zusammenpresst – so können die Enden später gut in den Ersatzstecker geschraubt werden. „Stop, niemals den Schraubendreher auf deinen Körper richten“, mahnt ein Café-Mitarbeiter den Halbprofi. Eine dreiviertel Stunde dauert es, bis die Lampe im Test wieder leuchtet.
Diese Reparatur ist typisch: Ein harmloser Defekt, der sich schnell reparieren lässt. Meist sind es schadhafte Sicherungen, rostige Kontakte oder gebrochene Kabel, die dazu führen, dass Dinge auf dem Müll landen würden, wenn niemand ihren Defekt beseitigt. Sogar der Austausch von Kondensatoren in einem Fernseher oder Blu-Ray-Player ist dem Laien zuzumuten.
„Was lange hält, das bringt kein Geld"
„Grundsätzlich lassen sich die älteren Sachen leichter reparieren als neue“, erklärt Angela Thomas. „Das liegt daran, dass man die Bauteile leichter austauschen kann.“ Bei neueren Geräten werde außerdem am Material gespart: „Was lange hält, das bringt kein Geld“, reimt Frank Schelle. Von der geplanten Obsoleszenz, also von einer absichtlichen Verringerung der Lebensdauer von Produkten durch den Hersteller, sind die meisten Mitarbeiter im Schöneweider Repair-Café überzeugt.
Durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit hat jeder seine Strategie entwickelt, mit dieser Situation umzugehen. Holger etwa, der Elektronik-Experte, rät von Tintenstrahl-Druckern ab: „In den Geräten gibt es Mikrochips, welche die Seiten zählen. Nach 1000 gedruckten Seiten besteht die Elektronik auf einem Patronenwechsel – egal, ob die leer ist oder nicht.“ Und Geräte, die Wärme abgeben, würde er niemals in einem Schrank verbauen. Angela Thomas schaut sich zuerst die Verarbeitung der Geräte an. Wichtig ist, dass sie sich aufschrauben lassen und zwar mit einem handelsüblichen Schraubendreher, nicht mit teurem Spezialgerät.
Paul Bender, der Fahrrad-Experte, rät eher zu teuren Marken, die man gebraucht kaufen sollte. Und wer langlebige elektrische Maschinen sucht, sollte sich Profi-Geräte anschaffen: Für Handwerker werden entsprechende Werkzeuge angeboten, Waschsalons sind auf langlebige Maschinen und Trockner angewiesen, die Gastronomie auf entsprechende Kaffeeautomaten und Geschirrspüler.
Kult-Produkte wie der VW-Bus „Bulli“ lassen sich gut reparieren, weil kleine Firmen bis heute dafür Ersatzteile produzieren. Aber die Zukunft der Langlebigkeit, so überlegt Paul Bender, liegt im 3-D-Drucker. Damit druckt man sich die gewünschten Ersatzteile einfach aus. Das ginge auch bei dem ein Jahr alten Schredder, der auf dem Tisch liegt. Seine Metallzähne sind wegen Überfütterung verstopft. Die Plastikzahnräder haben den Kampf mit den Metallteilen verloren und jeder Hersteller verwendet seine eigenen Zahnradgrößen. Man könnte die Zahnräder ausdrucken und der Schredder wäre wieder funktionstüchtig.
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