Fast drei Tage nach Beginn eines Fischfangs entdeckt die Besatzung eines Flugzeugs der US-Küstenwache einen gelben Punkt in der Beringsee. Auf dem Rumpf eines gekenterten Boots kniet der 15-jährige Derek Parker Aghnaanga. Unter ihm ist das Wasser nur etwa zehn Grad kalt.
Der Jugendliche wurde am Montag gegen 10.30 Uhr rund sechs Kilometer östlich der zu Alaska gehörenden Sankt-Lorenz-Insel gefunden. Zwei Tage zuvor war das Boot nach Angaben seiner Familie gekentert. Aghnaanga hatte seitdem zwei Nächte auf dem umgedrehten Rumpf ausgeharrt.
Sein 35 Jahre alter Bruder Sidney Kulowiyi und ein Cousin überlebten das Unglglück nicht. „Das ist ein verdammt zäher Junge“, sagte Adam White, Kapitän der Northwest Explorer, dem Fernsehsender KTUU. Sein Schiff brachte den Jugendlichen schließlich in Sicherheit.
Küstenwache weist Rettern mit Leuchtraketen den Weg
Eine Besatzung der US-Küstenwache hatte den 15-Jährigen bei einem Suchflug auf dem gekenterten Boot entdeckt. Sie warf ein Rettungsfloß und weitere Ausrüstung ab. Aghnaanga war jedoch zu geschwächt, um zu dem Floß zu schwimmen.
Da das Flugzeug zum Auftanken abdrehen musste, verständigten die Einsatzkräfte die Northwest Explorer. Das etwa 63 Kilometer entfernte Schiff war im Auftrag der US-Meeres- und Atmosphärenbehörde NOAA unterwegs und untersuchte Fischbestände.
Die Küstenwache legte mit Leuchtraketen eine Spur über das Wasser, an der sich die Schiffsbesatzung orientieren konnte. Rund vier Stunden später erreichte die Northwest Explorer das gekenterte Boot.
Aufnahmen der Rettung zeigen, wie die Besatzung Aghnaanga ein Seil zuwirft und das Boot näher heranzieht. Anschließend wird der Jugendliche an Bord geholt. Die Retter wickelten ihn in warme Decken und versorgten ihn mit Wärmepackungen.
Die Leichen seines Bruders und seines Cousins wurden ebenfalls geborgen. Das Schiff brachte den Jugendlichen und die beiden Toten anschließend in die Küstenstadt Nome, teilte die US-Küstenwache mit.
Bruder war für den Jungen wie ein Vater
Die drei waren am Freitag mit einem rund 5,50 Meter langen Boot von Savoonga aus zum Heilbuttfischen aufgebrochen. In der Nacht zum Sonntag sollten sie zurückkehren. Als sie ausblieben, verständigten Angehörige die Behörden.
Dichter Nebel und Dunkelheit verhinderten zunächst einen Einsatz auf dem Wasser. Flugzeuge und Hubschrauber konnten die Suche erst am Montagmorgen aufnehmen. Nach Angaben einer Tante kenterte das Boot am Samstagabend weit draußen auf dem Meer. Eine offizielle Ursache für das Unglück wurde bislang nicht genannt.
Sein Cousin konnte sich zunächst ebenfalls auf das umgedrehte Boot retten. In der Nacht vor der Rettung sei er jedoch vom Rumpf verschwunden, erzählte der Junge später dem Kapitän. Die Wassertemperatur lag nach Angaben von AP bei etwa zehn Grad.
Kulowiyi war für seinen jüngeren Bruder nach dem Tod ihres Vaters zu einer Vaterfigur geworden. Der 35-Jährige arbeitete als Berufsfischer und versorgte nach Angaben seiner Tante nicht nur seine Familie, sondern auch andere Menschen im Dorf mit seinem Fang.
„Wir haben ein Kind gefunden, es lebt“
Savoonga hat etwa 800 Einwohner und liegt auf der Sankt-Lorenz-Insel zwischen Alaska und Russland. Fischfang ist dort eine wichtige Einnahmequelle und Teil der traditionellen Lebensweise. Familien teilen ihren Fang häufig mit Nachbarn und Verwandten.
Aghnaangas Mutter verfolgte die Rettungsaktion über Funk. „Wir haben alle geweint und sind vor Freude aufgesprungen, als der Kapitän sagte: ‚Wir haben ein Kind gefunden, es lebt, es lebt‘“, berichtete die Tante AP. Unmittelbar danach habe die Familie gefragt, wo die beiden anderen seien.
Nach Angaben seiner Mutter hatte der 15-Jährige während seines Überlebenskampfes weder gegessen noch getrunken. „Er lebte von Gebeten“, schrieb sie laut New York Times.
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