Ginge es nach Ihnen, sehr geehrter Herr Haseloff, dann käme es im Fall des künftigen Kanzlers allein darauf an, dass er im Wahlkampf die Oberhand behält. Deshalb seien angesichts einer „harten Machtfrage“ Charaktereigenschaften unwichtig. Damit reden sie den Blendern und Schönschwätzern das Wort. Sehen Sie sich bitte in Geschichte und Gegenwart um: Wie wurde Jair Bolsonaro 2019 Präsident Brasiliens? Weil er mit starken Sprüchen, Ich-Ich-Orgien und Entschlossenheit „die harte Machtfrage“ für sich entschied. Die miserablen Charaktereigenschaften eines Adolf Hitler waren in den frühen 1930er-Jahren bestens bekannt, und dennoch ließen „Wähler und Wählerinnen ihn das Amt des Kanzlers erreichen“. Was ist mit solchen Charakteren und Wahlgewinnern wie Silvio Berlusconi, Viktor Orbán oder Donald Trump?
Sie werden mit Recht einwenden: Ich habe von Dr. Söder gesprochen, nicht von Berlusconi oder gar Hitler. Okay, dann schauen wir uns Ihren Kandidaten der populistischen Herzen näher an. Seit seiner Niederlage gegen Armin Laschet verging bislang kein Tag, an dem er nicht gegen seinen Konkurrenten und die CDU stänkerte. Als er in der Münchner CSU-Zentrale eingestehen musste, dass er sich in seiner Last-Minute-Kandidatur für die Kanzlerschaft verzockt hatte, mimte er Kooperationsbereitschaft mit Laschet und der „großen Schwester“ CDU. Seine Verlogenheit offenbarte er dabei schon im ersten Satz: „Die Würfel sind gefallen.“ Angeblich überschritt Julius Caesar mit dieser sprichwörtlich gewordenen Sentenz 49 v. Chr. den italienischen Fluss Rubikon, um die legitime römische Regierung, den Senat, mit Waffengewalt zu stürzen und sich selbst zum Diktator zu erheben. Womöglich kennt Söder nur das geflügelte Wort, nicht den Zusammenhang. Aber auf Zusammenhänge und argumentative Konsistenz kommt es ihm ohnehin nicht an. Wie einst Caesar den Senat des Römischen Reiches verhöhnte Söder den gewählten Vorstand der CDU als „10, 20, 30 Leute“ in „einem Hinterzimmer“ und bezeichnete sein usurpatorisches, wortbrüchiges und erpresserisches Vorgehen als „modernere Form der Demokratie“. Markus Söder ist und bleibt ein Mann des Doppeldeutigen, der moralischen und republikanischen Prinzipienschwäche, der sich einbildet, er verfügte über charismatische Fähigkeiten und könnte mithilfe einer Söder-Bewegung Berlin erobern.
Sie, sehr geehrter Herr Haseloff, empfehlen diesen Mann als Kanzlerkandidaten, weil Sie ihn mit seinem breitbeinigen Auftreten für einen Siegertypen halten. Im selben Atemzug bestätigen Sie indirekt mit Recht die Zweifel am Charakter Söders. Insgesamt aber führt Ihre Argumentation zu der Frage: Wie steht es denn um Ihre eigene republikanische Prinzipientreue?
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