Unter den vielen Auszeichnungen für Autoren, Übersetzer und Texte hierzulande ist diese seit 2009 vergebene eine ganz besondere, weil sie das Kunstwerk Buch als Gemeinschaftsprodukt würdigt, wie es der deutschen Leserin, dem deutschen Leser begegnet. Literarisches Übersetzen bedeutet ja viel mehr, als nur den Inhalt zu übertragen. Der Rhythmus des Originals muss sich einer anderen Sprache anverwandeln. 20.000 Euro gehen an den Autor, 15.000 Euro an den Übersetzer.
Eine Feier für die Bücher
Seit das Haus der Kulturen der Welt mit einigem Aufwand die Shortlist der Preisträger präsentiert, mit öffentlicher Vorstellung und einem Sonderdruck von Leseproben, erhöht sich nun auch die Neugier darauf, wer ausgewählt wird. Der lang ersehnte Regen machte es am Mittwochabend unmöglich, auf der Dachterrasse des Hauses an der Spree zu feiern. Für die Streaming-Variante im Gebäude war nur eine kleine Zuschauerzahl zugelassen, und doch ging ein optimistisches Leuchten von der Veranstaltung aus. Das lag auch an der schönen Präsentation der Vorauswahl: Schauspielerinnen und Schauspieler trugen aus jedem Buch einen Abschnitt vor, einzeln, gut ausgeleuchtet, von Percussion-Musik umrahmt.
Das war eine kleine Reise nach Wuhan, New York, Cancún und Kopenhagen, in die Pariser Banlieues, nach Teheran, in die Wüste Nevadas, nach Sibirien – mit Fang Fangs „Weichem Begräbnis“ (Deutsch: Michael Kahn-Ackermann), „Wetter“ von Jenny Offill (Melanie Walz), Jonas Eikas „Nach der Sonne“ (Ursel Allenstein), „Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen“ von Ava Farmehri (Sonja Finck) und Nastassja Martins „An das Wilde glauben“ (Claudia Kalscheuer) und eben der „Jüngsten Tochter“, Anfang Mai im Claassen-Verlag in Berlin erschienen.
Bestseller „Die jüngste Tochter“ von Fatima Daas: Muslimisch, lesbisch, gläubig
Der Debütroman der 1995 in geborenen Autorin bekam bereits in Frankreich als „La Petite Dernière“ gute Kritiken und stand wochenlang auf der Bestsellerliste. Die Ich-Erzählerin, die ihren Namen Fatima Daas Dutzende Male wiederholt, ihn einsetzt wie ein Generalschlüssel für die verschiedensten Bereiche, transportiert in ihren Sätzen den biografischen, sprachlichen, kulturellen, sozialen Hintergrund mit. Der Name ist einerseits ein Pseudonym, um die Persönlichkeit der Autorin zu schützen, er ist zugleich ein Symbol für die vielgestaltige Identität der Figur. Um sie als „Die jüngste Tochter“ auf Deutsch erzählen zu lassen, bedarf es einer besonderen Kenntnis der Sprache und ihres Umfelds. Und deshalb gebührt die Auszeichnung auch der Übersetzerin.
Fatima Daas (links) und die Übersetzerin ihres Buches, Sina de Malafosse, bei der Preisverleihung am Mittwoch.
© Silke Briel
Die Erzählerin ist als einziges Kind einer aus Algerien gekommenen Familie erst in Frankreich geboren und schleppt die Anforderungen der Eltern und Geschwister mit sich. Der Roman beginnt: „Ich heiße Fatima. Ich trage den Namen einer symbolischen Figur des Islam. Ich trage einen Namen, den man ehren muss. Einen Namen, den man nicht ,beschmutzen‘ darf, wie man bei uns sagt. Beschmutzen bedeutet bei uns entehren. Wassekh, im algerischen Arabisch. Im Dialekt sagt man darja, darija.“
Der Islam und lesbische Liebe
Im Verlauf fächert sich immer weiter auf, wie Erwartungen und Realität dem jungen Mädchen Plätze und Rollen zuweisen, wie ihre Liebe zu einem anderen Mädchen Glück und Schmerz bedeutet, wie sie ein Verhältnis zu ihrer Religion zu finden versucht („Der Islam, das bedeutet an Gott zu glauben, Ihn zu lieben, Ihn zu fürchten, Ihm zu gehorchen. Die ersten Etappen hatte ich geschafft.“)
Die Literaturwissenschaftlerin und Chefin des Missy-Magazins, Dominique Haensell, und die Schriftstellerin Annika Reich loben in ihrer Laudatio den Ton, das literarische Verfahren und die Sprache des Romans „Die jüngste Tochter“, die „einen außergewöhnlich offenen und unabhängigen Blick auf aktuelle Debatten erlauben“. Sina de Malafosse habe dabei die Aufgabe bewältigt, das Buch „aus einem vom Arabischen durchwebten Französischen in ein Deutsch zu übersetzen, das so klingt, als gäbe es nichts Leichtfüßigeres“. Mit sprühender Begeisterung sprechen sie abwechselnd über das Buch. Sie hören die Suren-Struktur des Koran und den Rhythmus des Rap aus der Sprache und finden das im Deutschen wieder. Als Fatima Daas schließlich zum Gespräch neben ihnen an einem langen Tisch steht, muss sie erst einmal diese beiden loben: „So differenziert hat sich noch nie jemand zu meinem Buch geäußert.“
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