Genialer Trick

180 Euro pro Tankfüllung – jetzt reitet er zur Arbeit

Spritpreise Italien: An der einzigen Tankstelle von Rocchetta Sant'Antonio kostet Diesel 2,399 Euro. Massimiliano Accetturo reitet deshalb zur Arbeit.

5 Min
Ein Pferd kostet kein Benzin: Reiter auf einer Dorfstraße (Symbolbild)

Ein Pferd kostet kein Benzin: Reiter auf einer Dorfstraße (Symbolbild)

© Imago

Erst kommt das Pferd, dann der Postautomat. Massimiliano Accetturo reitet auf seiner Stute Maja bis vor das Postamt von Rocchetta Sant'Antonio, bindet sie an und erledigt drinnen seine Überweisung. Manchmal wartet Maja auch vor der Bar, während er den Espresso trinkt.

Der Grund steht an der Ortseinfahrt. 2,399 Euro kostet dort der Liter Diesel, 2,299 der Liter Benzin.

Rocchetta Sant'Antonio liegt in den Monti Dauni in der Provinz Foggia, hat rund 1000 Einwohner und genau eine Zapfsäule. Konkurrenz, die den Preis drücken könnte, gibt es nicht.

„Ich nutze sie vor allem abends, wenn es kühler ist, damit ich das Tier nicht stresse“, sagte der 56-jährige Gärtner dem Fatto Quotidiano. Ein Beitrag im Lokalfernsehen und ein Clip des Youtubers Pinuccio machten aus seiner Alltagslösung binnen Tagen einen landesweiten Fall.

Ein Euro Futter statt 108 Euro Diesel

Accetturo hält acht Pferde rund um sein Haus, die Leidenschaft läuft in der Familie seit dem Urgroßvater, der zu Zeiten des Königreichs beider Sizilien mit Pferden handelte. Auf den alten Königstriften, den tratturi regi, ist der Gärtner schon 270 Kilometer am Stück geritten, bis nach Pescasseroli in den Abruzzen brauchte er neun Tage.

Neu ist nur der Anlass. Ein Heuballen kostet ihn rund 30 Euro, für die täglichen Wege rechnet er mit etwa einem Euro Futter.

Dagegen steht der Tank. 45 Liter Diesel kosten an der Ortstankstelle rund 108 Euro, für eines seiner größeren Autos nennt Accetturo 180 Euro pro Füllung. Beruflich pendelt er zwischen Apulien, Kampanien und der Basilikata. Zwanzig Jahre hatte er in Rimini gearbeitet, unter anderem für den Bandleader Raoul Casadei, 2020 kehrte er ins Dorf zurück.

Accise auf Heu: die Pointe und der Faktencheck

Viral ging vor allem ein Satz von ihm: Er hoffe, dass der Staat nicht auch noch accise auf den Hafer erhebe – sonst müsse er sich ein Fahrrad kaufen.

Accise sind die italienischen Verbrauchsteuern, rund 73 Cent je Liter Benzin und gut 62 Cent je Liter Diesel. Erhoben wurden sie historisch für Kriege und Katastrophen: Abessinienkrieg 1935, Suez-Krise 1956, Vajont-Katastrophe 1963, Arno-Hochwasser 1966, Erdbeben in Friaul und Irpinia, Libanon-Missionen, Bosnien 1996.

Dass Italiener bis heute für Mussolinis Feldzug zahlen, gehört allerdings ins Reich der Legende. Seit 1995 gibt es eine einzige zusammengefasste Abgabe, und der Aufschlag von 1935 wurde bereits 1936 wieder kassiert, wie Il Sole 24 Ore nachgezeichnet hat.

Der Spott trifft trotzdem einen Nerv, denn auch die Entlastung ist ein Provisorium: 17 Cent weniger je Liter, ausschließlich auf Diesel, befristet bis zum 25. August, gegenfinanziert mit rund 245 Millionen Euro aus Ministeriumsbudgets.

Maja soll nach Rom: aus dem Gag wird eine Kampagne

Seit dem 14. August hat die Sache eine politische Ebene. Das Coordinamento Nazionale Piccoli Comuni Italiani, ein Zusammenschluss für Gemeinden unter 5000 Einwohnern, hat Accetturo und seine Stute zu Gesichtern einer Kampagne gemacht und will damit bis zum Palazzo Chigi.

Das Argument der Initiative, nachzulesen beim Foggiaer Blatt L'Attacco: In den Bergdörfern braucht man das Auto für Arzt, Schule und Supermarkt. Wo es kaum Tankstellen und keinen Wettbewerb gibt, zahlt ausgerechnet der mehr, der am wenigsten ausweichen kann.

Spritpreise: Deutschland tankt teurer als Italien

Wer jetzt schadenfroh nach Süden schaut, sollte kurz die eigene Quittung ansehen. Ein Liter Super E10 kostete zuletzt im ADAC-Bundesschnitt 2,125 Euro, Diesel 2,200 Euro. Italienweit lagen die Selbstbedienungspreise Mitte August bei etwa 1,99 Euro für Benzin und 2,09 Euro für Diesel.

Der Ausreißer ist also nicht das Land, sondern die konkurrenzlose Dorftankstelle.

Der Preistreiber ist in beiden Ländern derselbe: der Iran-Krieg seit Ende Februar und die gesperrte Straße von Hormus. In Deutschland kam im April das Österreich-Modell dazu, seither dürfen Tankstellen ihre Preise nur einmal täglich um zwölf Uhr anheben. Am 7. April kostete Diesel im Tagesmittel 2,447 Euro, so viel wie nie zuvor. Dazu kommt das Niedrigwasser im Rhein, weil Tankschiffe weniger laden können.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Pferd statt Auto: Was Paragraf 28 StVO erlaubt

Rechtlich spricht in Deutschland wenig gegen den Arbeitsweg im Sattel. Die Straßenverkehrsordnung stellt Reiter in Paragraf 28 den übrigen Verkehrsteilnehmern gleich: Fahrbahn statt Gehweg, rechte Seite, Schritt im Ortsverkehr, nachts mindestens eine weiße Leuchte. Autobahnen, Kraftfahrstraßen und Radwege sind tabu.

Was das Pferd unterwegs verliert, fällt unter Paragraf 32, Verunreinigung der Straße. Der Automobilclub nennt Verwarnungsgelder ab zehn Euro. Teurer wird es, wenn jemand auf den Hinterlassenschaften ausrutscht.

Und der Absacker im Sattel? Eine Promillegrenze für Reiter kennt das Gesetz nicht, weil ein Pferd kein Kraftfahrzeug ist. Für Kutschfahrer entschied das Oberlandesgericht Oldenburg 2014 dagegen, dass ab 1,1 Promille absolute Fahruntüchtigkeit gilt. Wer betrunken reitet, riskiert außerdem, dass die Führerscheinstelle an seiner Eignung zweifelt.

Was ein Pferd im Monat wirklich kostet

Bleibt die Rechnung. Der Euro am Tag deckt das Heu für den Weg, mehr nicht. Nach der Cavallo-Leserbefragung von 2025 geben deutsche Halter im Schnitt 9897 Euro im Jahr für Stall, Futter, Tierarzt, Schmied und Versicherung aus, gut 825 Euro im Monat, ohne Kaufpreis.

Dafür bekommt man bei 2,20 Euro je Liter rund 4500 Liter Diesel. In einem Auto, das sechs Liter auf 100 Kilometer braucht, sind das gut 70.000 Kilometer im Jahr.

Accetturo hat sein Pferd allerdings schon. Und den Plan B für den Fall, dass die Steuer doch noch aufs Heu kommt, auch: ein Fahrrad.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner