Die Wochenendausgabe
Am 11./12. September 2021 im Blatt:
Wo warst Du? 20 Jahre nach 9/11: Unsere Leserinnen und Leser erinnern sich
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Hinkelsteine und Pflanzenkübel: Der Bergmannkiez kämpft gegen Autolärm – und seine Anwohner?
Wo knutscht es sich diskret? Unsere Autoren kennen Berlins beste Orte fürs Date
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Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang der politische Raum, in dem diese Debatte stattfindet. Jüdinnen*Juden stehen in Deutschland unter Druck, sich politisch im Sinne verschiedener Strömungen zu positionieren. Alle zerren an ihnen. Denn Jüdinnen*Juden dienen im Land, von dem aus das größte Verbrechen der Menschheit ausging, als ultimativer Beweis, dass man recht hat. Im Sinne von: Ein Jude hat mir zugestimmt, also kann ich nicht falschliegen. Diese teils philosemitische Einstellung kann, wie ich es in meinem Umfeld beobachte, nervig bis belastend sein, sogar existenzielle Fragen aufwerfen. Hier nur drei Beispiele aus den vergangenen Jahren:
Antisemitismus in Deutschland: Warum Springer-Medien hysterische Kritik üben
Eine rechte Publizistin ging einst mit einem Juden – in ihren Augen konnte dieser natürlich nur als solcher durchgehen, wenn er einen entsprechenden Hut und Rauschebart trug – in Neukölln spazieren. Während des Spaziergangs passierte zwar nichts, im daraus entstandenen Text wurde aber dennoch suggeriert, dass Einwanderungsgesellschaft und jüdisches Leben nicht vereinbar seien. Antideutsche Kreise, die meist mit den eigenen Familiengeschichten im Nationalsozialismus hadern, bekunden ihre Israelsolidarität über einen hypokritischen Philosemitismus. Und Aktivist:innen, die ihre Solidarität mit den Palästinenser:innen kundtun wollen, schmücken diese gerne mit jüdischen Stimmen, die die israelische Regierung kritisieren. Beide Seiten interessieren sich wenig für jüdisches Leben und Denken in Deutschland.
Rechtskonservative politische Kräfte und Medien, die progressive Stimmen verunmöglichen wollen, üben (teils subtilen) Druck auf jüdische Akteure aus, um diesen progressiven Stimmen die Legitimität komplett abzusprechen.
Natürlich möchte ich Jüdinnen*Juden nicht das selbstständige Denken und Handeln absprechen, sie können für sich selbst reden, brauchen weder mich noch andere dafür. Sie vertreten im ganzen politischen Spektrum alle möglichen Positionen aus Überzeugung. Es kann auch sein, dass solche Debatten wirklich rein halachischen Charakter besitzen. Im Fall Czollek ist das allerdings höchst unwahrscheinlich.
Mir geht es um den politischen Kontext, in dem historische Traumata und Identitätskrisen von Hinz und Kunz über das jüdische Leben in Deutschland verhandelt werden. Wenn nicht-jüdische Akteure mit Kippot in Synagogen sitzen, wie besessen Selfies mit Holocaust-Überlebenden posten oder bei PR-Terminen Stolpersteine putzen, ist die Frage nach der politischen Intention angebracht.
Derzeit leiden vor allem progressive jüdische Stimmen unter diesem politischen Korsett. Wir sollten alle solidarisch mit den Max Czolleks Deutschlands sein, indem wir sie fragen, was sie brauchen, um ihre wichtige Arbeit weiterzuführen. Und indem wir alle unsere eigenen inneren Krisen mit uns selbst ausmachen – also manchmal auch einfach die Fresse halten und sie in Ruhe lassen.
Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.
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