Man will sich gerne abwenden und doch bleibt der Blick hängen. So wie der mancher Passanten. Andere gehen einfach vorbei. Lucie gehört zur Gruppe CatcallsofBerlin und schreibt sexuelle Belästigungen aller Art an genau den Orten auf die Straße, an denen sie passiert sind. Nur Vergewaltigungen und versuchte Vergewaltigungen gehörten nicht dazu, sagt Lucie. Sie knipst noch schnell ein Foto von dem, was sie geschrieben hat. Das lädt sie später auf dem Instagram-Account @catcallsofberlin hoch, zusammen mit Screenshots von Beschreibungen der Betroffenen.
„Meistens werden wir beim Ankreiden angesprochen“, sagt Lucie, die eigentlich anders heißt und nicht erkannt werden möchte. Oft seien das männliche Personen, die verblüfft fragten, ob so etwas wirklich passiere. Die Studentin ist deshalb überzeugt davon, dass die Sichtbarmachung als erster Schritt, das Problem anzugehen, auch eine Veränderung bewirkt.
Ein großer Teil ihrer Arbeit sei auch die Unterstützung von Betroffenen. „Sie fühlen sich gehört“, sagt Lucie. Viele von ihnen sagten, endlich eine Plattform gefunden zu haben, auf der sie deutlich machen können, dass Catcalling ein großes alltägliches Problem für sehr viele Menschen ist.
„Chalk Back“ ist eine Bewegung, die in den USA mit dem Instagram-Account „Catcalls of NYC“ entstand. „Chalk Back“ bedeutet so viel wie zurückkreiden und ist eine Anspielung auf die Formulierung „talk back“, also widersprechen. In Deutschland gibt es „Chalk Back“ inzwischen in 119 Orten. Die Gruppe in Berlin umfasst 30 Personen, nicht alle von ihnen kreiden an. Die meisten davon sind Flinta*-Personen, also Frauen, Lesben, Inter-, Non-binary-, Trans- und Agender-Personen. Es sind aber alle eingeladen mitzumachen. Täglich erreichen die Gruppe drei bis 15 Zuschriften, selten auch von männlich gelesenen Personen.
Catcalling in Berlin: Warum ich deine Hand nicht an meinem Hintern will
Unter manchen der Posts entstehen Diskussionen darüber, ob man(n) so was denn noch sagen dürfe. Die Meinungen gehen weit auseinander. Darf beispielsweise ein 50-jähriger Mann zu einem zwölfjährigen Mädchen sagen: „Ich lächle dich an, weil du so hübsch bist“? Für Lucie gibt es eine klare Grenze: Wenn die betroffene Person sich in dem Kontext unwohl fühlt, sei es kein Kompliment. Wer unsicher ist, sollte es beispielsweise vermeiden, Frauen anzusprechen, wenn sie nachts allein unterwegs sind. Und gerade beim Hinterherrufen aus einer Gruppe heraus gehe es vielmehr um eine Machtdemonstration als eine tatsächliche soziale Interaktion, erklärt die 21-Jährige.
Teilweise sind die Catcalls aber auch so heftig, dass eine Belästigung außer Frage steht. Auf Instagram sind manche Posts zunächst nicht lesbar und mit Triggerwarnungen versehen, was auf der Straße schlecht umsetzbar ist. Inzwischen steht der Hashtag #stopptBelästigung immer über dem Catcall, damit man ahnen kann, was folgt. Trotzdem besteht die Gefahr einer Retraumatisierung, räumt Lucie ein. Beleidigungen würden vor allem wegen Kindern nicht ausgeschrieben. Die seien besonders interessiert an den bunten Kreidesprüchen. „Ich hatte schon sehr berührende Begegnungen, die Eltern haben dann erklärt, was daran falsch ist“, erzählt Lucie. Sie findet es positiv, wenn Kinder schon früh auf das Problem aufmerksam gemacht werden. „Viele der Leute, mit denen wir sprechen, werden schon im Alter von zwölf Jahren gecatcallt“, sagt sie. Deshalb sei es gut schon vorher Bescheid zu wissen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]