Leben

Juden in Berlin: Als wäre es irgendwo auf der Welt

Mit nur einem Koffer kam vor 25 Jahren ein Rabbi aus New York und baute eine der ungewöhnlichsten jüdischen Gemeinden in Berlin auf.

Michael Maier
6 Min
Die starken Frauen von Chabad: Jana, Veronika, Ethel, Leah, Ronit und Melanie (v.l.).

Die starken Frauen von Chabad: Jana, Veronika, Ethel, Leah, Ronit und Melanie (v.l.).

© Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Einsam sitzt eine ältere Dame an einem sonnigen Herbstvormittag in der Synagoge der Chabad-Gemeinde in der Münsterschen Straße in Wilmersdorf. Sie hält den Kopf nach vorne gebeugt. Ihre langen weißen Haare fallen über die Schulter. Sie betet. Von draußen mischen sich Kinderlachen und Baulärm. Jüdisches Leben in Berlin, so selbstverständlich, als wäre es irgendwo auf der Welt. Möglich ist diese Entwicklung durch die Chabad-Gemeinde, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiert. Vor 26 Jahren nämlich kam der Rabbiner Yehuda Teichtal aus New York nach Berlin. Er war nie zuvor hier gewesen. Er kam als einer der vielen Lubawitscher Botschafter (schluchim), die von der, vom Rabbiner Menachem Mendel Schneerson angeführten, chassidischen Bewegung in alle Welt geschickt wurden – um den Juden in aller Welt eine spirituelle Heimat zu bieten, mit einem sehr starken sozialen Schwerpunkt. Scheerson, der „Rebbe“, war 1941 über Paris nach New York geflohen.

Er wurde 1902 im ukrainischen Nikolajew geboren. Er zog nach Berlin, wo er neben seiner spirituellen Tätigkeit Mathematik und Naturwissenschaften studierte. 1933 mussten er und seine Frau die Stadt verlassen, nachdem die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten. In New York folgte er 1950 seinem Schwiegervater als spiritueller Leiter und Lehrer der Lubawitscher Bewegung.

Die Bewegung, die in der Schoah fast vollständig ausgelöscht wurde, begann erneut zu wachsen. Heute sind es weltweit weit über eine Million Menschen aktiv, 20.000 davon in Berlin. Die Gemeinde steht allen Menschen offen, die kommen wollen. Der soziale Charakter der Bewegung ist auch in der Berliner Gemeinde zu spüren, wie auch eine gewisse Heiterkeit und ein starker Sinn für Toleranz und Dialog. Yehuda Teichtal über die Rolle des Rebben für das Selbstverständnis von Chabad: „Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Juden Europas größtenteils entmutigt und verzweifelt. Der Rebbe hat sie mit seiner Botschaft der selbstlosen Liebe inspiriert und tut das bis zum heutigen Tag. Sein Erbe und Einfluss leben weiter, obwohl er seit mittlerweile 27 Jahren nicht mehr am Leben ist.“

„Wir wollten nach Deutschland gehen“

Für Yehuda Teichtal und seine Frau Leah war es ein Abenteuer, ausgerechnet nach Deutschland zu gehen. Lange hatten die Lubawitscher gezögert, ob sie überhaupt in das Land der Mörder ihrer Familien zurückgehen sollten. In New York haben sich Juden noch bis in die 1990er-Jahre geweigert, Waschmaschinen von deutschen Herstellern zu kaufen, erzählen die Kinder aus Familien, die heute in Berlin längst wieder eine Heimat gefunden haben.

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Für den jungen Yehuda Teichtal war es eine Reise in ein unbekanntes Land. Er reiste mit einem One-Way-Ticket 1996 in die deutsche Hauptstadt – drei Jahre, bevor der Bundestag seine Koffer in Bonn packte und den Umzug wagte. Angst oder Zweifel hatte er nicht: „Es war ja keine Pflicht nach Deutschland zu gehen. Im Gegenteil: Wir wollten. Meine Frau und ich wussten, dass mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion viele Juden dabei waren, nach Deutschland einzuwandern. Sie wussten wenig bis gar nichts über ihr jüdisches Erbe, weil Religion unter den Sozialisten verboten war. Das war unsere Chance, etwas Gutes zu tun und sie aufzufangen. Und noch ein anderer Grund spielte mit rein: Wir wollten an den Ort wieder Licht und jüdisches Leben bringen, der so lange ein Ort der Dunkelheit war.“

Teichtal begann in Berlin wirklich bei null: Die erste Wohnung war in der Pariser Straße in Willmersdorf. Der Rabbiner heute: „Es war schwer. Wir kannten niemanden. Nicht die Sprache, nicht die Menschen hier. Aber wir haben dann einen nach dem anderen Menschen kennengelernt. Sind zu Veranstaltungen gegangen, wurden anderen Menschen vorgestellt, haben zum Schabbat eingeladen oder wurden eingeladen. Eins ergab das nächste. Wir haben unsere Gemeinde von unten nach oben aufgebaut – ganz persönlich.“

Teichtal bietet Einwanderern eine Heimat

Teichtal gilt als legendärer Kommunikator, der ohne die geringste Scheu auf die Leute zugeht. Er überlegte sich, welche Gruppe für eine neue Gemeinde infrage kam, welche Juden noch keinen Ort in der Stadt hatten. Und er fand die aus Osteuropa einwanderten Juden: Sie waren in den 90er-Jahren aus Russland, der Ukraine, Litauen, Lettland, Georgen, Belarus und Aserbaidschan gekommen. Teichtal spricht mittlerweile auch Russisch, unterhält sich mit vielen Älteren jedoch auf Jiddisch – eine aussterbende Sprache, die aber mittlerweile schon wieder Kult-Status hat. Heute sind Menschen aus vielen anderen Ländern regelmäßig in der Gemeinde aktiv. 

Der Ansatz von Teichtal besteht darin, den Einwanderern eine Heimat zu bieten, einen Ort, an dem sie unmittelbar die soziale Dimension einer Gemeinschaft erleben können. Das Religiöse steht nicht im Vordergrund. Es herrscht ein Klima der Toleranz. Es gibt Initiativen, um einen religionsübergreifenden Dialog zu führen. Auch gleichgeschlechtliche Paare sind willkommen. Im Kindergarten und in den Schulen gibt es Schülerinnen und Schüler aus allen Ländern und mit unterschiedlichem Hintergrund. Das Team ist ungewöhnlich divers und weiblich.

Die Dynamik der Gemeinde ist bemerkenswert. Im Jahr 2001 wurde ein Grundstück für die Synagoge und das Jüdische Bildungszentrum zunächst gepachtet und nun gekauft. Das Haus wurde 2007 eingeweiht. Yehuda Teichtal: „Es war das erste jüdische Zentrum in Deutschland, dass hauptsächlich durch Spenden finanziert wurde. Wieder also von unten nach oben. Die Menschen hier wollten uns, haben uns vertraut und haben uns unterstützt. Und es war ein Signal für die Zukunft in Deutschland: Wer baut, der bleibt!“

„25 Jahre Chabad Berlin sind kein Jubiläum, sie sind ein Anfang“

Was ist die beste, was die schlimmste Erinnerung aus 25 Jahren Chabad Berlin? Teichtal sagt, am schönsten sei es zu sehen, wie das Leben der Menschen bereichert würde. Ein Höhepunkt in der Geschichte von Chabad ist die mittlerweile schon traditionelle Chanukka-Feier am Brandenburger Tor. Teichtal: „Diese Veranstaltung dort zu machen, wo 1936 Nazi-Fahnen und NS-Symbole waren, das sind immer ganz große Emotionen.“ In diesem Zusammenhang würdigt Teichtal den früheren Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, sagt, dieser sei „immer eine Quelle der Ermutigung“ gewesen. Schlimm seien die antisemitischen Vorfälle, auch Teichtal selbst war betroffen. Entmutigen können ihn die Barbaren allerdings nicht: „Wir wollen trotz allem immer positiv bleiben. So wie der Rebbe uns das gelehrt hat.“

Daher ist Teichtal auch für die Zukunft zuversichtlich: „25 Jahre Chabad Berlin sind kein Jubiläum, sie sind ein Anfang.“ Der Rabbiner, dessen Sohn Dovid in die Jugendarbeit der Gemeinde eingestiegen ist, weiß, dass der Erfolg von Chabad nur mit Teamwork zu erreichen war: „Wir haben zu zweit in einem Wohnzimmer angefangen. Heute haben wir fünf Synagogen, zwei Kitas, eine Grundschule und ein Gymnasium. Wir haben ein Zentrum für israelische Berlin-Besucher und eins für Studenten und junge Erwachsene. Im kommenden Jahr eröffnen wir den ersten Jüdischen Campus in Deutschland, wo wir dann Bildung-, Kultur- und Sportangebote für jedes Alter anbieten. Das alles wäre ohne die Menschen unserer Gemeinde gar nicht möglich gewesen.“

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