Meinung

Wenn Fleischverzicht die Seele retten soll: Das fand ich schon immer bescheuert

In der Generation Woke wird Ernährung zur Ersatzreligion. Stellt man sich wegen des Verzichts auf Fleisch über andere, verkommt er zur bloßen Pose.

Marie-Luise Grauel Team News
3 Min
Unsere Autorin isst und kocht für ihr Leben gern. Seit einigen Jahren vegetarisch – Verzicht bedeutet das für sie aber nicht.

Unsere Autorin isst und kocht für ihr Leben gern. Seit einigen Jahren vegetarisch – Verzicht bedeutet das für sie aber nicht.

© Marie-Luise Grauel

Ich bin seit meinem 16. Lebensjahr Vegetarierin. Das fing ganz harmlos an mit einer Säure-Basen-Fastenkur, bei der man leider auf so ziemlich alles verzichten muss, was gut schmeckt. Brot, Nudeln, Zucker, Käse, Eier – und eben auch Fleisch. Mein Vater (ich hatte ihn überredet, diese Fastenkur mit mir zu machen, um den Darm zu „sanieren“), ist nach vier Tagen heimlich mit meiner Mutter essen gegangen. Und hat sich ein saftiges Rumpsteak bestellt, medium-rare. Ich habe weitergemacht. 

Wer nicht genießt, ist ungenießbar

Zwar fing ich wieder an, Pasta und Brot, Eier und Käse, vor allem Schokolade zu essen, denn: „Wer nicht genießt, ist ungenießbar“. Fleisch aber habe ich seitdem komplett aus meiner Ernährung gestrichen. Der Anfang war schwer: Ich war oft schlapp, hatte beim Sport keine Energie, ständig war mir kalt. Irgendwann aber gewöhnte sich mein Körper daran, die Vorteile überwogen. Ich fühlte mich vitaler, konnte meine Energie zurückgewinnen, sie sogar steigern. 

Waren es anfangs narzisstische Gründe, die mich zum Fleischverzicht brachten, setzte ich mich irgendwann intensiver mit dem Thema auseinander. Mein Vegetarier-Dasein bekam eine Legitimationsgrundlage, ein Fundament, das weniger wacklig war als purer Narzissmus: Tier- und Umweltschutz. Ich las Studien, schaute Dokus über die schaurigen Zustände in Schweineställen und Großmastbetrieben. Das schockte. Und es bekräftigte mich noch mehr darin, auf Fleisch zu verzichten.

Trotzdem muss ich das nicht jedem auf die Nase binden. Und mich schon gar nicht gegenüber Fleischessern moralisch erhöhen.

Jedem Tierchen sein Pläsierchen 

Ernährung wird in unseren Tagen zur Ersatzreligion – gerade in der Generation Woke, der ich zumindest altersmäßig angehöre. Vegetarierinnen und Veganer glauben, ihr privates Seelenheil über das Essverhalten retten zu können. Das fand ich schon immer bescheuert. Jeder soll selbst bestimmen dürfen, wie er sich ernährt. Stellt man sich wegen des Verzichts, etwa auf Fleisch, über andere, verkommt er zur bloßen Pose. Auch deshalb ist der Vorstoß, den die Tierschutzorganisation PETA und der Forensiker Mark Benecke nun gemacht haben, mindestens unschicklich, um nicht zu sagen: völlig daneben. 

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„Allein in Deutschland werden Jahr für Jahr etwa 800 Millionen Lebewesen qualvoll ‚hergestellt‘ und getötet, nachdem sie ihr Leben unter fürchterlichen Bedingungen in Zucht- und Mastbetrieben verbracht haben und am Ende voller Panik in engen Transporten ihrem Tod entgegenfahren“, sagt Benecke. So weit, so wahr. Aber muss man, um den Leuten das bewusst zu machen, derart drastische Vergleiche ziehen und das Töten von Tieren mit dem Töten und Aufessen von Menschen gleichsetzen? Wohl kaum. 

Mittlerweise lebe ich seit acht Jahren vegetarisch. Aber auch wenn ich heute für meinen Vater koche oder meine Jungs bei mir zum Essen einlade, bekommen sie natürlich ein Stück Fleisch auf den Teller. Nur probieren kann ich halt nicht. 

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