„Ich kenn die“, sage ich kurz, und beide Mädchen lachen. Es stimmt. Das Fräulein wohnt nämlich in vielen Berliner Familien. Wenn die Tochter des Hauses das Bad blockiert, heißt es: „Das Frollein Tong Tong braucht wieder ’ne halbe Stunde länger!“ Wenn sie etwas angestellt hat, heißt es: „Mein liebes Frollein Tong Tong!“ Dann brennt die Luft.
Woher der Name stammt, konnte ich nicht herausfinden. Vielleicht weiß es ja jemand. Es gibt auch noch andere Namen. „Eulalia Suppengrün, nimm die Füße vom Stuhl und sitz ordentlich!“, sagte eine Bekannte zu ihrer Tochter. In Berliner Familien wohnt auch „Prinzessin Tausendschön“, die mal wieder zu lange geschlafen hat, „Jette“, die sich endlich die Haare kämmen soll, und „Minna“, die den Kindern „allet nachräumen“ muss.
Auch draußen laufen interessante Typen herum. „Graf Koks von de Jasanstalt“ zum Beispiel, womit man einen angeberischen, aufgeblasenen Typ meint. Man sagt auch: „Der jibt an wie Lord Kacke“ oder „wie Graf Rotz von der Backe“. Da gibt es viele Varianten. Solche Namen hört man aber heute vor allem von Älteren. Die Lust am Namens-Spiel hat nachgelassen. Schade eigentlich.
Heikle Frage: Wird man wiedergeboren und wenn ja, was war man früher?
Der Asteroid Bennu bedroht die Erde – aber was hat das mit „dog poop“ zu tun?
Verschwundene Dinge: Die „Kloppstange“ ist weg – kein Platz zum Schweinebammeln
Früher, viel früher sangen die Kinder auf der Straße: „Eckensteher Nante, jeht bei seine Tante ...“ oder „Jroßvater Pietsche mit de lange Rietsche“. So mancher Mann machte „’n dicken Willem“, und lauter Typen liefen umher, die jeder kannte, sogenannte Originale. Zu denen gehörten die blinde „Harfenjule“, die mit ihrem Instrument von Hof zu Hof zog, „Eisrieke“, eine groteske Figur auf der Eisbahn, „Strohhut-Emil“, der mit Hut und Mandoline durch die Straßen radelte, „Wasserminna“, eine waghalsige Artistin aus dem Zirkus Busch, und „Latschenpaule“, ein Leierkastenspieler mit sehr großen Schuhen.
Mein Opa, Jahrgang 1904, hatte auch Spaß an originellen Namen. Manchmal wusste ich als Kind nicht, was echt war und was ausgedacht. Der Hausarzt hieß zum Beispiel „Doktor Kraftmeier“ – das klang kernig und gesund, absolut passend. Und der Name war tatsächlich echt. Manchmal sagte mein Opa auch: „Ick jeh mal rüber zu Stippekohl.“ So hieß ein Geschäft in der Nähe. War es vielleicht ein Gemüseladen? Ach, manchmal sind Namen eben nicht Schall und Rauch. Schon Dichter wie Thomas Mann haben sie zur Typisierung eingesetzt. Und manchmal passt es auch im Leben, ganz zufällig.
Zum Weiterlesen: Torsten Harmsen: Der Mond ist ein Berliner. Wunderliches aus dem Hauptstadt-Kaff, Bebra-Verlag, 2019, 14 Euro, 224 Seiten.
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