Kommentar

Es gibt keine Tyrannei der Ungeimpften, sondern eine der Unfähigen

Dass die Politik sich auch von der vierten Corona-Welle wieder derart überraschen lässt, das kommt dann doch überraschend.

Ruth Schneeberger
Ruth Schneeberger
4 Min
Noch mehr Druck auf Ungeimpfte? Der Ruf nach einer bundesweiten 2G-Regel wird lauter – dabei liegen die Versäumnisse in der Politik. 

Noch mehr Druck auf Ungeimpfte? Der Ruf nach einer bundesweiten 2G-Regel wird lauter – dabei liegen die Versäumnisse in der Politik. 

© dpa

Was man aber immer weniger verstehen kann in dieser Pandemie, ist das Gebaren führender Politiker. Wie kann es denn bitte sein, dass sie jetzt schon wieder die vierte Welle verschlafen haben?

Die Wissenschaft wurde nie müde zu betonen, dass diese Pandemie in Wellen verläuft. Nach der ersten kam die zweite, hernach die dritte und nun haben wir – lange angekündigt – die vierte Welle. Seit 2020 wissen wir, dass ausschließlich eine Kombination aus Tests, Hygienemaßnahmen und Impfen uns davor schützen kann, ein ums andere Mal in den Lockdown zu verfallen und zudem immer wieder aufs Neue zu viele Menschen aus den Risikogruppen an die Krankheit zu verlieren. Es ist aber eben diese Kombination, nur eines davon wird nicht ausreichen, das wusste man früh.  

Wie also ist es zu verstehen, dass zuletzt ausschließlich auf die Impfung gesetzt wurde? Ist es Unfähigkeit, dass genau im Herbst 2021 die Finanzierung der Gratis-Tests für alle gestrichen wurde und dass von der Regierung genau zu diesem Zeitpunkt ein Ende der pandemischen Lage verkündet wurde, als es auf den Winter zuging? Gegen jede Vernunft und gegen jede Vorhersage sind wir dadurch mit Vollgas auf die vierte Welle zugerast. Die Quittung dafür sieht man nun wieder in den Pflegeheimen.

Im Haus am Werbellinsee etwa, das vergangene Woche bundesweit mit elf Corona-Toten für Aufsehen gesorgt hatte, hat sich die Zahl inzwischen auf 16 verstorbene Bewohner erhöht. Und auf den Intensivstationen steigen nicht nur die Aufnahmen, sondern auch die Todeszahlen, die Inzidenzen von teils 700 (!) sind sogar höher als in der bisher schlimmsten Welle, als es noch keine Impfung gab. Zudem haben die Kliniken und auch Heime mit vermehrtem Mitarbeiterschwund zu kämpfen, da vielen Pflegekräften das Klatschen auf den Balkonen komischerweise dann doch nicht ausgereicht hat, um sich durch eine nach der anderen Welle verheizen zu lassen. Übrig bleiben weniger Kolleginnen, die noch mehr arbeiten müssen. Die Lage in diesem Winter könnte also angespannt werden wie noch nie. 

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Das alles trifft auf ein Gesundheits- und Pflegesystem, das schon vor Corona am Ende war. Im Gegensatz zu ständigen Beteuerungen aus Wirtschaft und Politik, Deutschland habe eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, hat Corona gezeigt, an welchen Stellen dieses System krankt. Doch anstatt diese Fehler unter dem Eindruck der weltweiten Pandemie und ihrer brutalen Auswirkungen wiedergutzumachen, hat sich die deutsche Politik im Wahljahr 2021 nicht die Finger schmutzig gemacht an den Schraubstellen Pflege, Personal oder Fallpauschalen. Im Gegenteil: Im Wahlkampf wurden all diese ungemütlichen Themen schön ausgeklammert. Und das, obwohl doch überdeutlich geworden war, wie maßgeblich sie unser aller Alltag bestimmen. Und all das fällt uns nun schon wieder auf die Füße. 

Man kommt nicht umhin, zu bescheinigen: Das Ausmaß dieser vierten Welle ist politisch hausgemacht. Wieder einmal. Man kann ja auch verstehen, dass die Politik, die sich zwischendurch viel Mühe mit dieser Pandemie gegeben hatte, ihre aktuellen Fehler nicht zugeben möchte und die Schuld am liebsten woanders sucht. Bei den Ungeimpften etwa. Doch auf dieses Narrativ sollte man nicht hereinfallen. Zu beliebt ist schon seit vielen Jahren, Versäumnisse der Politik zu privatisieren, Fehler im Großen auf das Individuum abzuwälzen. 

Zwei Drittel der Deutschen sind zweifach geimpft. Um die restlichen zu bezwingen, wurden wissenschaftliche Erkenntnisse und Pandemie-Erfahrungen einfach in den Wind geschossen. Das war leichtfertig und ein grober Fehler, erneut. Zudem wurden die Impfungen überschätzt, die eben nicht das alleinige Wundermittel gegen diese Pandemie sein können. Das wusste man auch immer. 

Noch fahrlässiger wäre nun nur noch, die Fehler nicht schnellstmöglich zu beseitigen, um sie nicht zugeben zu müssen, und die Deutschen in einen 2G-Lockdown zu versetzen. Es braucht wieder Tests, mehr und öfter denn je. Und natürlich befinden wir uns nach wie vor in einer pandemischen Notlage. Alles andere ist Wahlkampf, und der ist nun bitteschön auch mal vorbei. 

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