Nach Verlängerung

2:1 im DFB-Pokal: Kevin Behrens schießt Union Berlin in Runde zwei

Die Eisernen tun sich beim Regionalligisten lange schwer und geraten sogar Rückstand. Joker Behrens erspart dem Team zumindest das Elfmeterschießen.

Paul Linke
Paul Linke
4 Min
Union Berlins Jordan Siebatcheu (l.) feiert mit Andreas Voglsammer seinen artistischen Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich beim Chemnitzer FC.

Union Berlins Jordan Siebatcheu (l.) feiert mit Andreas Voglsammer seinen artistischen Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich beim Chemnitzer FC.

© dpa/Hendrik Schmidt

Chemnitz ist keine Stadt, in der das Leben freiwillig auf den Straßen spazieren geht. Man muss die Leute schon sanft dazu zwingen, das Haus zu verlassen. Man muss ihnen etwas bieten: Biermeile, Weinfest, Mittelaltermarkt, irgendein Event mit Autos und Motorrädern oder einen Liederabend mit Roland Kaiser. So Sachen eben, die in der Gunst der ältesten Stadtbevölkerung Europas – 47 Jahre im Schnitt – ganz oben stehen. Fußball stand zuletzt eher unten, sogar hinter den Basketballern der Niners Chemnitz. Denn Fußball, wie ihn der Regionalligist Chemnitzer FC in der jüngeren Vergangenheit spielte, war eine triste Angelegenheit.

13.465 Zuschauer in Chemnitz bereuen ihr Kommen nicht

Seit Jahren sinken die Zuschauerzahlen im Stadion an der Gellertstraße, das für eine bessere Zeit gebaut wurde, für eine Zeit, die noch nicht gekommen ist, vielleicht nie kommen wird. Seit Jahren werden zudem die Probleme nicht kleiner, die von der Südkurve über die Stadtgrenzen hinaus in die Welt gelangen, dort als Skandale, als typisch Chemnitz, als Sachsen halt verbucht werden. Zumindest an diesem Montagabend zählte das alles nicht. Das Stadion war voll, 13.465 Zuschauer sahen die erste DFB-Pokalrunde zwischen dem Chemnitzer FC und dem 1. FC Union, vierte gegen erste Liga, und sie sollten ihr Kommen nicht mehr bereuen als einen durchschnittlichen Start in die Woche. Am Ende stand es 1:1 nach 90 und 1:2 für Union nach 120 Minuten. Auf das Weinfest in der Innenstadt konnte man auch hinterher noch.

Zunächst aber ging der nüchterne Blick in die Krankenakte von Urs Fischer: genesen. So oder so ähnlich muss es dagestanden haben, schließlich saß der Trainer der Unioner auf seinem Chefstuhl. Und selbst, als er sich aus selbigem erhob, waren ihm die Rückenschmerzen nicht anzumerken, jedenfalls äußerlich nicht. Vor dem Pokalabend war die Gesundheit des Trainers ja ein öffentlich diskutiertes Thema: Würde er rechtzeitig fit werden? Danach wird es schon mal zaghaft um die Frage gehen, ob Fischers Mannschaft in der neuen Saison das sein kann, was sie in der vergangenen war.

Das Spiel begann jedenfalls auf kleiner Pokalflamme. Das Einzige, was nachweislich lichterloh brannte, war ein Joint auf der Gästetribüne. Während es süßlich herüberwehte, setzte der Chemnitzer Felix Brügmann den ersten Schuss des Spiels nicht nur übers Tor, nicht nur über den Fangzaun, sondern gleich übers Stadiondach. Als hätte auch er einen Zug genommen. Auf der anderen Seite traf Christopher Trimmel immerhin das Außennetz und Robin Knoche in die Arme des Chemnitzer Torwarts. Nach einer halben Stunde voller gut gemeinter, aber schlecht gemachter Angriffe quittierte Fischer dann das Spiel seiner Mannschaft mit einer rückenschonenden Handkantengeste. Darin steckte mehr Unverständnis als Frust. Weniger Langeweile als Lust, in der Kabine ein paar Systemkorrekturen vorzunehmen. Zumal ihm Janik Haberers Querschläger von Querpass ins Nichts noch einmal eine gewisse Orientierungslosigkeit seiner Spieler verdeutlichte.

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Es kann nur besser werden, heißt es in solchen Momenten, doch es wurde zunächst noch schlimmer. In den ersten Minuten der zweiten Halbzeit waren es die Chemnitzer, die plötzlich Lücken zum Kontern fanden. Wäre Frederik Rönnow nicht einmal katzenhaft nach unten gehechtet, wären die Siegchancen des Außenseiters nach oben geklettert. Das taten sie dann tatsächlich, nachdem Tobias Müller das 1:0 (62.) köpfte und die Stimmgewalt des Stadionsprechers schier die Lautsprecher explodieren ließ. Doch der kollektive Taumel der Chemnitzer dauerte allerdings keine zwei Minuten, da traf Sommerzugang Theoson-Jordan Siebatcheu artistisch zum 1:1 (64.) – und die Unioner auf der Tribüne schmetterten allen Pokalwundergläubigen ihr „Hier regiert der FCU!“ entgegen. Danach schaltete Union zwar noch mal vom Leerlauf in den höchsten Gang, aber zu spät, um das Nachsitzen zu verhindern. Mindestens Fischers Rücken hätte sich gefreut.

Ecke Trimmel, Tor Behrens, nächste Runde im DFB-Pokal

In einer Verlängerung braucht man Nerven und Glück und die Kraft, alles, was man noch hat, in einer finalen Aktion zu bündeln. Oder man schleppt sich eben ins Elfmeterschießen, um dann dem Fußballgott die Entscheidung zu überlassen, wer an so einem unklaren Pokalabend die Niederlage weniger verdient. Zweiteres wollte Union nicht riskieren. Also flog noch einmal ein Eckball von Trimmel durch die Luft, also stieg noch einmal Kevin Behrens am höchsten und dann köpfte er das 1:2 (114.). Einen Fußballgott brauchten sie nicht. Beim nächsten Mal vielleicht.

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