2 500 Einsprüche zum Weiterbau der Autobahn A 100 werden diskutiert. Die Anhörung soll neun Tage dauern

Millionenverschwendung oder Entlastung?

Karin Schmidl
4 Min

Er hat extra sechs Tage Urlaub genommen. Harald Moritz, Automechaniker und bei den Grünen in Treptow aktiv, will dabei sein, wenn eines der umstrittensten Bauprojekte Berlins debattiert wird: die Verlängerung der Autobahn A 100 vom Dreieck Neukölln zum Treptower Park. Gegen das nur 3,2 Kilometer lange und mit 442,8 Millionen Euro bundesweit teuerste Autobahnstück wurden 2 500 Einwendungen erhoben. Gestern begann im Congress Center am Alexanderplatz die Anhörung von Betroffenen. Das sind Behörden, Betriebe und Privatleute. Die Debatte, in deren Ergebnis die Genehmigung oder Ablehnung des Projekts erfolgt, soll neun Tage dauern.Harald Moritz bezeichnet das Projekt als Millionenverschwendung: "Es macht keinen Sinn, neue Autobahnen zu bauen und damit noch mehr Lärm, Dreck und Verkehr zu produzieren", sagt er. Es sei absurd, eine Umweltzone für die City einzurichten und per Autobahn zusätzlichen Feinstaub hineinzuholen. Anders als von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung behauptet werde die Autobahn die Innenstadt nicht entlasten, sagt auch Martin Schlegel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschlands (BUND). Der BUND hat eine Klage gegen das Projekt angekündigt, sollte es genehmigt werden. Selbst Senatszahlen zeigten, dass es mit der Autobahn zum Beispiel auf der Elsenbrücke viel mehr Autos geben wird, sagt Schlegel. Wurden dort vor drei Jahren rund 41 000 Fahrzeuge pro Tag gezählt, werden es im Jahr 2015 etwa 85 000 sein. Spürbare Entlastungen gebe es auch, aber hauptsächlich dort, wo kaum jemand wohne, wie an der Puschkinallee. Zudem seien Verkehrsbelastungen von Stadtstraßen wie der Wildenbruchstraße in Treptow oder der Schlesischen Straße in Kreuzberg nicht ausreichend untersucht worden. Fehlerhaft ist laut BUND auch das Baumgutachten der Senatsverwaltung. Danach sind 298 Bäume für die Trasse zu fällen. Bei einer eigenen Zählung kam der Bund aber auf gut 600 Bäume.Umstritten ist das Projekt auch in der rot-roten Koalition. Zwar ist der 16. Bauabschnitt im Koalitionsvertrag verankert, doch die SPD votierte im Juni dagegen und damit gegen die eigene Senatorin. Nur in Treptow-Köpenick, wo man auf Verkehrsentlastung für das Adlergestells hofft, ist man dafür. Gut 400 Unterschriften wurden dort pro A 100 gesammelt. Die Linken halten das Projekt für verzichtbar, sagt ihre verkehrspolitische Sprecherin Jutta Matuschek.------------------------------Erörterung: Am 13., 16.-18. und 24.-27. November, jeweils 11-20 Uhr; Berliner Congress Centrum am Alex. Welches Thema aktuell besprochen wird, ist unter www.stadtentwicklung.berlin.de und Tel. 0177-301 48 23 zu erfahren.------------------------------Teure AutobahnDer 16. Abschnitt der Stadtautobahn A 100 führt vom Dreieck Neukölln zur Straße Am Treptower Park. Er ist 3,2 Kilometer lang, ein Großteil verläuft in einem Tunnel und als Trogstrecke. 300 Kleingärten, Hunderte Bäume und vier Mehrfamilienhäuser mit 200 Wohnungen sollen weichen. Die Eröffnung der Trasse ist für 2016/17 geplant.Die Strecke kostet insgesamt 442,8 Millionen Euro. Vom Bund kommen 363,9 Millionen Euro für den Bau und 55,5 Millionen Euro für den Grundstücksankauf. Das Land Berlin hat für Planung und Bauvorbereitung 23,4 Millionen Euro eingeplant, wovon der Bund dem Land einen Teil erstattet.Mit 140 Millionen Euro pro Kilometer wäre die Trasse die teuerste Autobahn Deutschlands. Nicht mal der Transrapid in München, der 90 Millionen pro Kilometer kosten sollte und abgesagt wurde, war so teuer. Die hohen Kosten resultieren nach Aussage der Stadten- twicklungsverwaltung unter anderem daher, dass ein 400 Meter langer Tunnel gebaut werden muss, lange Geländeeinschnitte vorgenommen werden sowie "Flüster-Asphalt" und andere Lärmschutzeinrichtungen verwendet werden.Der 17. Abschnitt der A 100 soll dann ab 2017 bis zur Frankfurter Allee gebaut werden. Er soll in einem Tunnel unter dem Bahnhof Ostkreuz und der Neuen Bahnhofstraße entlangführen.------------------------------Karte: Der 16. Bauabschnitt der Autobahn A100. So soll der 16. Abschnitt der A 100 vom Dreieck Neukölln zur Straße Am Treptower Park verlaufen. Geplanter Baubeginn ist das Wahljahr 2011.Foto: Autobahngegner machten gestern vor dem Berliner Congress Centrum ihre Sicht auf das zur Debatte stehende Bauprojekt deutlich.

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