Kapital ist, womit man etwas erreichen kann – es verleiht Macht. Mit Geld können wir etwas kaufen, mit Anlagen etwas produzieren. Es gibt aber auch soziale Kapitale, mit denen wir im Alltag unter Menschen Ziele erreichen und Politik beeinflussen können: Mediale Reichweite, ein bekannter Name, gutes Aussehen soll auch mächtig sein; an mir kann ich das aber nicht überprüfen.
Die Geburt eines neuen sozialen Machtmittels können wir gerade direkt beobachten – wenn wir die Tendenz zum stetigen „Gendern“ vor allem bei Personen mit Reichweite verfolgen. Was sehen wir da?
Manchem Moderator setzt jetzt der Atem kurz aus, bevor er aus „Student“ die phonetische Komödie „Student-innen“ macht. Stern*innen, Unterstrich_innen und Schrägstrichalbträume binden auch in der Schriftsprache Geisteskapazität in der betrüblichen Arbeit, den Verdacht zu vermeiden, man wisse nicht oder halte es für nicht andauernd betonenswert, dass es ja doch Männer und Frauen gibt.
Unlogischer Rücksichtseifer
Wer stetig „gendert“, der betont Differenzen, um Rücksicht zu signalisieren. Indem durch „Gendern“ jedoch laufend diverse Gruppen mit eigener Identität rhetorisch vor Augen gestellt werden, wird damit ein unseliges Diskussions-Kapital erschaffen.
Wo ohne „Gendern“ einfach alle qua generischem Maskulinum angesprochen sind, erscheint das Publikum nun unterteilt. So wird es rhetorisch möglich, vermutliche Befindlichkeiten diverser Gruppen (die manchmal moralisch relevant sein können) politisch-argumentativ zu verwenden. Das Muster: „Da sich ein Mitglied der Gruppe X so-oder-so befinden könnte, müssen wir so-und-so sprechen und handeln.“ Diese unausgesprochene, also herrschende Logik liegt dem generellen „Gendern“ zugrunde. Wird sie akzeptiert, wird „Gendern“ zum sozialen Machtmittel, zum Kapital.
Doch die Logik der Betroffenheitsvermutung ist falsch, sie verwechselt Moral und Politik. Denn die Sensibilität für anderer Leute Gefühle, Nervosität und so weiter kann bei der Vielfalt menschlicher Schicksale nicht befohlen werden (und Gesetze sind Befehle); sie gehört ins Feld der Moral. Generelles „Gendern“ stellt uns die Falle, politische Diskussionen durch implizit mitlaufende moralische Bezichtigungen zu belasten, die von der Sache – der Frage nach dem Gemeinwohl – ablenken.
Ergebnis ist ein Defizit sachpolitischen Streits sowie Konjunktur für in sich selbst kreisende Vor- und Rücksichtsrituale. Wo solch fruchtlose Selbstbeschäftigung als progressiv gilt, haben die Profiteure immer skandalöserer Ungleichheit ruhige Tage.
Die Beuteldemonstrantin
Direkt demokratieschädlich ist das Verstummen vieler, die keine Sprachprofis sind und lieber nichts „falsch machen“ wollen. So ermahnte mich neulich eine Passantin per Aufdruck ihres Jutebeutels, doch besser ganz zu schweigen, sollte ich das Selbstkorrektorat zur Verdächtigungsprävention nicht beherrschen: „Warum rassistisch, sexistisch, homophob oder transphob sein, wenn du einfach den Mund halten kannst?“ Man versuche einmal, alle Dimensionen der Perfidität dieser Frage aufzuspüren.
Ich spreche unbefangen weiter. Schweige ich verunsichert still, werden die Beuteldemonstrantin und ich uns nie unterhalten. Und ich möchte ihr doch gern sagen, wie praktisch es für die Regierung ist, wenn die Gerechtigkeitsfrage nicht mehr ihr gestellt wird – sondern, enggeführt auf einen steten Diskriminierungsverdacht, einem Bürger vom anderen.
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