Die Philosophin Svenja Flaßpöhler weiß pointiert zu argumentieren. Nicht nur in ihren Schriften wie dem Buch „Die potente Frau“, einer Streitschrift, in der sie dialektisch die Schattenseiten der #MeToo-Bewegung kritisiert. Auch in ihren Fernsehauftritten, etwa bei „Hart aber fair“, argumentiert sie mit scharfem Ton und positioniert sich streitbar. Zuletzt hat sie die Maßnahmen der Pandemiebekämpfung kritisiert. Wir haben Svenja Flaßpöhler in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg getroffen.
Frau Flaßpöhler, kürzlich hat sich ein Tagesspiegel-Journalist über Annalena Baerbock mokiert. Er sagte nach ihrem Besuch in der Ost-Ukraine: „Man sieht eindeutig, dass sich diese junge Dame, die unsere Außenministerin ist, in der Situation nicht besonders wohl fühlt.“ Daraufhin bekam der Journalist den Twitterfuror unter dem Hashtag #diesejungedame zu spüren. Sind solche kritischen Erregungskurven progressiv, oder doch eher reaktionär?
Ich finde es richtig, Kritik an dieser Äußerung zu üben. Aber Furor ist etwas anderes als Kritik. Und ein Shitstorm ist etwas anderes als kollektiver Einspruch. Der Shitstorm hat eine Eigendynamik, die angetrieben wird durch rasante Gefühlsübertragung. David Hume hat diesen Mechanismus bereits im 18. Jahrhundert beschrieben: Wenn du traurig bist, bin ich auch traurig, dein Gefühl springt auf mich über, weil ich mich in dir erkenne. Und je ähnlicher Menschen sich sind, je mehr sie miteinander teilen, Herkunft, Überzeugungen, was auch immer, desto besser funktioniert dieser Reflex. Man „teilt sofort die Stimmung seiner Umgebung“, wie Hume schreibt. Max Scheler wird später von „Gefühlsansteckungen“ sprechen, die sich schnell zu Massenerregungen auswachsen. Die sozialen Medien sind ganz in diesem Sinne Ansteckungsmaschinen, die eine Kraft in Gang setzen, die niemand mehr unter Kontrolle hat. Umso problematischer ist, dass Journalisten auf Twitter sich ebenfalls anstecken lassen und dann gerne mal am nächsten Tag im Feuilleton alle dasselbe schreiben.
Sind Sie selbst Teil der sozialen Netzwerke?
Nicht mehr. Weil ich feststellen musste, dass Leute, die ich persönlich kenne, mich lieber öffentlich bei Facebook beschimpfen, als sich mit mir face to face auseinanderzusetzen. Man versteckt sich hinter seinem Gerät, um besser austeilen zu können und dafür viel Applaus zu bekommen. Und wenn man nicht sofort reagiert, wird behauptet: „Die entzieht sich dem Diskurs.“ Mir ist das zu blöd und auch zu zeitintensiv. Außerdem hätte ich Sorge, dass ich mich unbewusst immer mehr anpasse. Ich weiß nicht, ob ich noch so schreiben würde, wie ich schreibe, so denken würde, wie ich denke, wenn ich täglich mitbekäme, wie Leute runtergemacht werden.
Sie spielen auf das Buch „Die potente Frau“ an, für das Sie stark kritisiert wurden. Dort ziehen Sie die emanzipatorischen Qualitäten der #MeToo-Debatte in Zweifel und spiegeln auch die Schattenseiten. Ihr Hauptvorwurf: Frauen würden zu Opfern gemacht. Haben Sie damals einen kontroversen Tweet abgesetzt und Ärger provoziert?
Nein, ich habe eine Streitschrift geschrieben. Mich macht es grundsätzlich skeptisch, wenn alle einer Meinung sind. Und im Fall von #MeToo kam hinzu, dass ich mich selbst als Feministin verstehe und das starke Bedürfnis hatte, Kritik zu üben, wenn man sich einig ist, dass wir in einem Patriarchat leben, das Frauen systematisch unterdrückt. Damit werden hart erkämpfte feministische Errungenschaften negiert. Übrigens kann ich mich sehr gut an Gespräche mit Männern erinnern, die mir erklären wollten, dass ich als Frau sehr wohl ein Opfer sei und ich das endlich zugeben solle. Aber eigentlich wollten wir ja gar nicht über das Buch reden.
Zur Person
Ihr jüngstes Buch heißt „Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren“ und ist bei Klett-Cotta erschienen. Am 27. Februar um 11 Uhr hält Svenja Flaßpöhler eine „Dresdner Rede“ zum Thema „Erkenntnislust“ im Schauspielhaus Dresden.
Nein, es soll ja um Ihr neuestes Buch gehen: „Sensibel: Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren“. Ihr neuestes Buch ist keine Streitschrift, sondern eine nuancierte Auseinandersetzung, die versucht, die Sensibilität von heute historisch zu verstehen und als dialektischen Prozess nachzuzeichnen, der progressive wie auch reaktionäre Elemente hat. Sie spielen damit besonders auf die woke linke Internetkultur an, die sehr sensibel reagiert auf Rassismus und Sexismus – manchmal auf eine Weise, die ins Aggressive und Überspitzte zu kippen droht. Was hat Sie bewogen, dieses Buch zu schreiben?
Um das direkt klarzustellen: Es geht auch um die Sensibilität derer, die um ihre Privilegien fürchten, nicht nur um die woke linke Empfindlichkeit. Aber um auf Ihre Frage zu antworten, ich habe das Buch sicherlich auch geschrieben, weil ich die, die mein Buch „Die potente Frau“ kritisiert haben, besser verstehen und ihre Argumente stark machen wollte. Das ist der eher persönliche Grund. Vor allem aber wollte ich ganz allgemein die enorm anwachsende gesellschaftliche Sensibilität besser verstehen. Woher kommt sie? Wie hat sie sich entwickelt? Ist sie gut oder schlecht? Konkret geht es ja gegenwärtig um Fragen wie: Wie nah dürfen wir einander kommen, ab wann kippt die Berührung in eine Belästigung? Und welche Wörter dürfen wir noch gebrauchen, welche nicht? Ist das N-Wort auch auf der Theaterbühne problematisch? Darüber wird heute erbittert gestritten. Mir ging es aber keineswegs darum, die zunehmende Sensibilität unterkomplex zu kritisieren, im Sinne von: Wir sind alle Prinzessinnen auf der Erbse.
Sondern?
Ich wollte einen Schritt zurücktreten und fragen: Was ist das eigentlich – Sensibilität? Was können wir aus der Ideengeschichte lernen für unsere Konflikte heute? Grundsätzlich kann man sagen, dass die Sensibilität in sich hochambivalent ist: trennend und bindend, progressiv und regressiv. In der Philosophiegeschichte wurde zwischen einer aktiven und einer passiven Sensibilität unterschieden. Die aktive Sensibilität meint die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen, sich in sie einzufühlen. Diese Empfindsamkeit ist eine wichtige zivilisatorische Kraft, ohne sie wären Solidarisierungen mit unterdrückten Gruppen kaum denkbar. Die passive Sensibilität meint hingegen die Reizbarkeit. Die Materialisten des 18. Jahrhunderts sprachen von einer „sensibilité physique“.
Reizbarkeit? Das klingt negativ.
Ja, hier zeigt sich, dass die Sensibilität eine harte, aggressive, kalte Seite hat. Oder anders gesagt: Reizbarkeit und Desensibilisierung sind zwei Seiten einer Medaille. Schon Georg Simmel hat eindrücklich beschrieben, dass der dünnhäutige Großstadtmensch sich inmitten permanenter Reizüberflutung eine „Blasiertheit“ zulegen muss. Er kann nicht auf alles reagieren, deshalb trainiert er sich eine gewisse Gleichgültigkeit an. Seine blasierte Arroganz funktioniert wie ein Schutzfilm. Ein Mechanismus, den man auch heute noch gut an jenen beobachten kann, die von neu formulierten Ansprüchen überreizt und überfordert werden. Auf der anderen Seite hat auch die hyperkorrekte, woke Verwendung von Sprachcodes ein hohes Maß an Blasiertheit an sich. Insgesamt hat die Reizbarkeit abstoßende Energie. Sie verbindet uns nicht, sie trennt uns, lässt uns „allergisch“ reagieren. Hier sieht man deutlich, dass Sensibilität gesellschaftlich eben auch zur Zersplitterung führen kann.
Ihr Buch funktioniert dialektisch: Sie erkennen an, dass sich Sprache bewegt. Wenn Gerechtigkeitsbedürfnisse wachsen, wird die Sprache das widerspiegeln. Gleichzeitig sagen Sie, dass man aushalten müsse, dass Begriffe wie etwa das N-Wort historisch anders verwendet und verstanden, teils wertneutral gebraucht wurden. Dass man das nicht leugnen dürfe.
Sie spielen, was die andere Verwendung des N-Worts in den 80er-, 90er-Jahren angeht, auf ein Interview an, das ich mal gegeben habe. Um es klar zu sagen: Ich finde es richtig und gut, dass wir sensibler geworden sind und wir diesen Begriff nicht mehr gedankenlos etwa für die Bezeichnung von Schokoküssen verwenden. Zwar bin ich dann noch nicht unbedingt ein Rassist, wenn ich das tue, aber unbewusst handle ich rassistisch. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat diesen Unterschied sehr gut herausgearbeitet und zu Recht betont, dass auch unbewusster Rassismus problematisch ist. Aber ja, in meinem Buch plädiere ich für Kontextsensibilität. Es ist eben etwas anderes, ob ich das N-Wort auf der Straße einem Menschen gegenüber verwende oder ob ich dieses Wort einer Figur im Theater in den Mund lege, um sie als rassistisch zu charakterisieren.
Was wäre Ihr Gegenvorschlag? Wie kann man sich Kontextsensibilität aneignen?
Ich denke, wir müssen noch einmal grundsätzlicher klären, was Sprache ist, was sie kann. All jene, die politische Korrektheit in der Sprache fordern, betonen ja völlig zu Recht, dass Sprache nicht einfach nur die Welt bezeichnet, sondern uns als Subjekte hervorbringt und entsprechend auch Vernichtungspotenzial in sich trägt. Das hat die Sprachphilosophie von Austin über Derrida bis Butler klar gezeigt. Sprache ist performativ. Doch gerade Judith Butler kritisiert ganz explizit die kontextlose Tabuisierung von Wörtern. Nämlich einmal, weil dieses Mittel dann ja prinzipiell auch regressiven Kräften zur Verfügung stünde. Aber vor allem, weil die Bedeutung von Wörtern eben gerade nicht ein für alle Mal fest steht, sondern durch veränderten Gebrauch wandelbar ist. Ehemals diskriminierende Begriffe werden plötzlich stolze Selbstbezeichnungen. Kurzum: Anstatt Sprache rigide zu reglementieren, sollten wir ihre Lebendigkeit und Wandelbarkeit als Widerstandskraft nutzen.
So wie der Begriff „schwul“ von der Schwulenbewegung progressiv verwendet wurde?
Zum Beispiel. Und hieran sieht man auch, dass Sensibilität und Resilienz gerade keine unvereinbaren Gegensätze sind. Ein Wort, das ehemals verwundet hat, wird zum Ausdruck von Stärke. Ganz grundsätzlich versuche ich in meinem Buch zu zeigen, dass die Widerstandskraft aus der Verletzlichkeit hervorgeht. Mir geht es darum, diese Kraft vom Ruch der Kälte und dem Vorwurf neoliberaler Selbstoptimierung zu befreien. Denn wir brauchen sie, wenn wir offen miteinander streiten wollen. Gegenwärtig hingegen hört man in Diskussionen oft: „Das verletzt mich“ oder gar „Das traumatisiert mich“. Und dann ist das Gespräch zu Ende.
Dabei ist es schwierig, beide Positionen zu verbinden, die progressive und die konservative, weil sich beide Positionen auszuschließen scheinen. Haben Sie darüber nachgedacht, welche Strömung vorherrscht? Sagen wir mal heruntergebrochen: die Fraktion der Woken oder jene der alten weißen Männer? Welche Strömung ist aktuell mächtiger?
Es ist immer die Frage, wo man hinguckt. Wenn ich jetzt an mein Heimatdorf in Westfalen denke, dann ist die woke Linie sicher nicht die vorherrschende. Bei Twitter aber schon.
Gelingt es Ihnen noch, mit der woken Fraktion ins Gespräch zu kommen?
Mit einigen durchaus, für mich ist das immer gewinnbringend, ich suche diese Gespräche. Anderen aber fehlt jede Erkenntnislust. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein Autor der ehemals sehr lustigen Zeitschrift Titanic macht mich auf zwei Seiten runter und gibt ganz offen zu, nie etwas von mir gelesen zu haben. Es geht hier gar nicht um sachliche Auseinandersetzung. Es geht schlicht um die Vernichtung der Person. Ganz in diesem Sinne betreiben manche eine Hermeneutik des Radikalverdachts. Was ich sage, wird im schlimmstmöglichen Sinne verstanden, man unterstellt mir eine „Täter-Opfer-Umkehr“ oder eine „Nazi-Perspektive“. Wer mein Buch „Sensibel“ liest, sieht sofort, dass das Schwachsinn ist.
Haben Sie jetzt Angst vor der Auseinandersetzung, weil der Diskurs so verroht ist?
Nein. Aber man muss aufpassen, dass man dem Affen nicht Zucker gibt. Darauf wartet er ja nur. Souveränität zeigt sich in solchen Situationen darin, dass man die Erwartung durchbricht und – nichts macht. Andernfalls liefe man Gefahr, selbst zu verhärten und genau so zu werden, wie man nie werden wollte. Das passiert einigen. Man konzentriert sich zwanghaft auf den Punkt, an dem man angegriffen wurde und verengt plötzlich selbst im Denken. Zudem bin ich Philosophin, keine Aktivistin. Ich muss mich geistig beweglich halten. Was allerdings nicht heißt, zum Fähnlein im Winde zu werden. Ich habe eine Haltung, und die verteidige ich auch. Aber wenn die Haltung zu starr wird, sollte man ein paar Lockerungsübungen machen.
Sie wurden nach einer „Hart aber Fair“-Sendung zum Thema Corona im letzten Jahr hart angegangen. Waren Sie resilient genug, um die Angriffe auszuhalten?
Resilienz wäre ja völlig falsch verstanden, setzte man sie gleich mit buchstäblicher Standhaftigkeit. Nietzsche beschreibt eine ganz andere Resilienz-Strategie: Er spricht von „russischem Fatalismus“ und ruft das Bild eines Soldaten auf, der sich, völlig erschöpft, in den Schnee legt und gar nichts macht. So überlebt er. Wäre er weitergelaufen, wäre er gestorben. An dieses Bild musste ich Ende des letzten Jahres öfter denken.
Sie haben ja auch die einseitige Corona-Berichterstattung kritisiert. Sehen Sie Parallelen in der Sensibilität zwischen woken Linken und Impf-Enthusiasten?
Ja, durchaus. Denken Sie an die Verwendung von Begriffen wie „Vulnerabilität“ oder „Solidarität“, die anzeigen sollen, dass man in jedem Fall auf der richtigen Seite steht. Die noch entscheidendere Parallele aber ist, dass Widerspruch oft nur schwer oder gar nicht ertragen wird. Wer widerspricht, also etwa gendergerechte Sprache oder eine allgemeine Impfpflicht kritisiert, ist Antifeminist, reaktionär, Menschenfeind, Querdenker, Verschwörungstheoretiker. Mein Job als Philosophin ist es, kollektive Gewissheiten anzuzweifeln, die andere Seite zu beleuchten, notwendige Komplexität zu erzeugen. Nichts anderes hat Sokrates vor 2500 Jahren getan, als er mit Athener Bürgern auf dem Marktplatz debattierte. Dass das schon damals risikobehaftet war, sieht man daran, dass er zum Tod verurteilt wurde. Da sind wir heute zum Glück weiter. Und was die Vernichtungsversuche bei Twitter und Co. angeht; hier gibt es nur ein Gegenmittel: Offen bleiben. Und zwar auch jenen gegenüber, die mich gerne aus dem Weg haben wollen.
Vielen Dank für das Gespräch.
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