Gasag-Chef Georg Friedrichs will Sicherheit vermitteln. „Es gibt genug Gas, um die Heizungen der Berliner warm zu halten“, sagt er und verspricht: „Wir werden liefern.“ Aber das wird teuer. Nachdem das Unternehmen die Preise für ihre gut 400.000 Berliner Gaskunden erst vor zwei Monaten um 16 Prozent angehoben hatte, verlangt die Gasag nun abermals mehr. Ab dem 1. Mai kostet die Kilowattstunde Gas 10,92 statt 8,46 Cent. Das ist eine Steigerung um 26 Prozent. Im Dezember hatte der Gasag-Kunde noch 7,15 Cent gezahlt.
Für Berlins größten Gasversorger war bereits die Preisanhebung im Januar die stärkste Verteuerung seit Jahren. Noch nie seit der Liberalisierung des Gasmarkts im Jahr 2007 hatte die Kilowattstunde Gas acht Cent gekostet, nun wird sogar die Zehn-Cent-Marke überschritten. Bei einem Jahresverbrauch von 12.000 Kilowattstunden, was laut Gasag dem Bedarf in einer Berliner Durchschnittswohnung entspricht, ergeben sich daraus Mehrkosten von 295 Euro im Jahr. In einem Einfamilienhaus mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden steigen die Jahreskosten sogar um fast 500 Euro. Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine sind in Berlin angekommen.
Verteuerung um mehr als 500 Prozent binnen eines Jahres
Denn es sind gestiegene Großhandelspreise, mit denen die Gasag die Preisanhebung begründet. Während Unternehmenslenker Friedrichs im November noch angenommen hatte, dass die seinerzeit bereits stark gestiegenen Preise wieder fallen würden, wenn auch nur „bestenfalls auf 30 bis 40 Euro, aber sicher nicht weiter“, verweist sein Unternehmen nun auf Steigerungen um „mehr als 500 Prozent“ binnen eines Jahres.
Tatsächlich hatten sich die Kosten für 1000 Kilowattstunden Gas allein im Verlauf des vorigen Jahres von etwa 20 auf zeitweise mehr als 150 Euro mindestens versiebenfacht. Danach war der Preis Anfang dieses Jahres zwar auf etwa 80 Euro zurückgegangen, doch dann kam der Krieg. Kostete die Megawattstunde Gas drei Tage vor Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine noch 77 Euro, mussten Ende vergangener Woche mehr als 200 Euro gezahlt werden.
Ein Berliner Unternehmen
Chef des Unternehmens ist seit April 2021 Georg Friedrichs. Der 53-jährige Jurist kam seinerzeit von Vattenfall. Die Gasag beschäftigt etwa 1500 Mitarbeiter.
Höhere Preise gab es folglich nicht nur bei der Gasag. „In den vergangenen fünf Monaten haben alle rund 700 Gas-Grundversorger in Deutschland die Preise mindestens einmal angepasst“, sagt Lundquist Neubauer vom Energiepreis-Vergleichsportal Verivox. Im Januar seien die Preise im Schnitt um 28 Prozent gestiegen, im März um 57 Prozent, um 40 Prozent im April. Die nächste Teuerungswelle zum 1. Mai erwartet Neubauer in wenigen Tagen, da die Anbieter verpflichtet sind, Preiserhöhungen sechs Wochen im Voraus bekannt zu geben. Dann werden auch die aktuellen Kriegsfolgen auf die Gaspreise durchschlagen.
Die Gasag wird voraussichtlich unterhalb der durchschnittlichen Preisanhebungen bleiben. Da große Gasmengen frühzeitig zu niedrigeren Preisen eingekauft worden seien, müssten die aktuell hohen Großhandelspreise nicht komplett an die Kunden weitergegeben werden, erklärt das Unternehmen, das zu etwa gleichen Teilen Vattenfall, Eon und dem französischen Energieversorger Engie gehört. Der Bedarf bis zum 31. Dezember dieses Jahres sei komplett gedeckt. Auch „ein großer Teil des Bedarfs für das Jahr 2023“ sei preislich gesichert. Preisgarantien will Gasag-Chef Friedrichs dennoch nicht geben: „Wenn sich die Preise weiter so entwickeln, werden wir im nächsten Winter erneut Preise diskutieren.“
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Aber bereits die jetzt angekündigte Preiserhöhung wird viele Kunden hart treffen. Die Gasag will einkommensschwache Haushalte gezielt begleiten. „Wir wollen nicht, dass Gas-Sperrungen in der Stadt zunehmen“, sagt der Gasag-Chef. Vorübergehende Stundungen sollen angeboten werden, ebenso Absprachen mit Jobcentern und Bezirksämtern, um staatliche Unterstützungsmöglichkeiten schnell zu sichern. Dazu sei es aber wichtig, dass sich betroffene Kunden beim Kundenservice melden. „Reden sie mit uns. Wir werden einen Weg finden“, so Friedrichs. Im vergangenen Jahr waren in Berlin 1703 Gasanschlüsse wegen säumiger Zahlungen abgeschaltet worden.
Parallel will das Unternehmen den im Dezember 2021 eingeführten Neukundentarif in der Ersatzversorgung wieder abschaffen. Nach diesem hatte die Gasag von Kunden, die von ihrem bisherigen Lieferanten kein Gas mehr bekamen und von der Gasag als Pflichtversorger beliefert werden mussten, 18 Cent pro Kilowattstunde verlangt. Der Gasag hatte dies erhebliche Kritik und sicher auch einigen Imageverlust eingebracht. Tatsächlich hatten Kunden in der Folge Monatsrechnungen von bis zu 1000 Euro zu begleichen. Wir hatten berichtet.
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Ob die Gasag, wie ihr Chef nun verspricht, weiterhin liefern kann, ist allerdings auch eine Frage der Verfügbarkeit. In Berlin werden pro Tag im Schnitt zehn Millionen Kubikmeter Gas benötigt. Davon liefert die Gasag knapp sieben Millionen Kubikmeter, die etwa zur Hälfte aus Russland kommen und wofür quasi täglich auch ein mittlerer einstelliger Millionenbetrag dorthin überwiesen wird. Laut Gasag ströme das Gas bislang unvermindert über die Ukraine-Pipeline und Nord Stream 1. Aber was, wenn Russland den Export oder Deutschland den Import stoppt?
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Bei einer deutlichen Verknappung würde bundesweit der Notfallplan Gas aktiviert werden, und die Bundesnetzagentur die Gasverteilung in Deutschland steuern. Die Behörde könnte dann Großverbraucher in der Industrie vom Netz nehmen lassen. Privathaushalte, Krankenhäuser und öffentliche Einrichtungen müssten jedoch in jedem Fall versorgt werden.
Mit den gestiegenen Einkaufspreisen stellt sich allerdings auch die Frage, ob oder wann Vattenfall die Preise anheben wird. Das Unternehmen versorgt in der Stadt etwa 1,3 Millionen Haushalte mit Fernwärme und Warmwasser, betreibt sechs seiner insgesamt neun Berliner Kraftwerke mit Erdgas und benötigte dafür im vergangenen Jahr insgesamt 1,3 Milliarden Kubikmeter Gas. Auf eine entsprechende Nachfrage wollte sich Vattenfall allerdings nicht äußern.
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