Das gibt es auch nicht aller Tage: Eine der wichtigsten Zeitungen der Welt, die New York Times (NYT), widmet der Ost-Kunst einen riesigen Artikel: „Daring to Create Art Freely Behind the Iron Curtain“. Zu Deutsch: „Freies Kunstschaffen hinter dem Eisernen Vorhang wagen“. Anlass ist die Ausstellung „Multiple Realities: Experimental Art in the Eastern Bloc, 1960s–1980s“, die noch bis März im Walker Art Center besichtigt werden kann, in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota. Danach wird die Ausstellung nach Phoenix und nach Vancouver wandern. Laut NYT stellt sie den substanziellsten Überblick über Kunst aus kommunistischen Staaten dar, den je ein amerikanisches Museum ausgestellt habe.
Fast hundert Künstler sind vertreten. Was sie laut NYT vereine, sei der Mut: „die Überzeugung, dass Bewegungseinschränkungen, staatliche Zensur und geheimpolizeiliche Überwachung der künstlerischen Freiheit nicht gewachsen sind“. Eigens erwähnt die NYT auch den Friedrichshainer Maler Jürgen Wittdorf (1932–2018): „Jürgen Wittdorf, Mitglied der DDR-Regierungspartei, erhielt 1964 den Auftrag, eine Sporthalle in Leipzig zu dekorieren – und fertigte unverkennbar homoerotische Linolschnitte von Modellarbeitern, die sich in den Duschen verbrüdern.“
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Auch Gabriele Stötzer, Jahrgang 1953, die in Erfurt und Berlin wirkte, wird im Artikel herausgestellt: „Stötzer blieb in der DDR, selbst als sie die Möglichkeit hatte, überzulaufen, und 1984 produzierte sie eine Reihe von Fotografien eines Mannes in Frauenkleidern, der stolz in Strümpfen und High Heels in die Kamera blickte. Sie kannte ihr Modell nur als ‚Winfried‘ – doch nach dem Fall der Mauer fand sie heraus, dass dieser vermeintliche Außenseiter in Wirklichkeit ein Stasi-Agent war.“
Abschließend gelangt die NYT zur Erkenntnis, dass die Zeit einer solchen staatlichen Überwachung vorbei sei, „sogar im illiberalen Ungarn“ und im digitalen Cyberspace. In anderer Hinsicht drastisch aber gerät die Gegenwartsdiagnose der NYT, was Ost-Berlin betrifft: „Ost-Berlin ist das Shenzhen der Kunstwelt geworden, ein schlecht bezahltes Backoffice für eine globale Kulturindustrie.“ Soll wohl heißen: Die Künstler hier in Ost-Berlin schuften zu billig – andernorts wird ihre Kunst zu Gold gemacht.
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