Lange vor dem russischen Überfall auf die Ukraine herrschte in China bereits große Sorge: Tang Renjian, der Minister für die Landwirtschaft, sagte am Rande des Treffens des Volkskongresses: „Vor nicht allzu langer Zeit haben wir eine Umfrage an der Basis durchgeführt. Viele Landwirtschaftsexperten und Techniker haben uns gesagt, dass die Bedingungen für die Ernte in diesem Jahr die schlimmsten in der Geschichte sein könnten. Die diesjährige Getreideproduktion steht vor großen Schwierigkeiten.“ Die Winterweizen-Ernte könnte die „schlechteste in der Geschichte“ werden. Tang Renjian sagte laut Reuters, dass selten starke Regenfälle und Überflutungen im vergangenen Jahr die Aussaat auf etwa einem Drittel der normalen Weizenanbaufläche verzögert hätten.
Für China ist die angemessene Versorgung des eigenen Volkes eines der obersten politischen Ziele. Selbst Gegner des kommunistischen Regimes bescheinigen der Führung des Landes, dass es ihr gelungen sei, Armut und Hunger wirksam bekämpft zu haben.
Doch mit dem Krieg in der Ukraine wurden die Lieferungen aus der Ukraine unterbrochen. Aus der Ukraine wegen der Kämpfe und der russischen Blockade des Schwarzen Meers, aus Russland und Belarus wegen der Sanktionen. Russland und die Ukraine liefern zusammen etwa 29 Prozent der weltweiten Weizenexporte. Weizen, Mais und Gerste können wegen der Kriegshandlungen nicht aus der Ukraine heraus. Ein großer Teil der weltweit benötigten Düngemittel kann Russland und Belarus nicht verlassen. Die Folge ist, dass die Preise für Lebensmittel und Düngemittel in die Höhe schnellen. Seit der Invasion im letzten Monat sind die Preise für Weizen um 21 Prozent, für Gerste um 33 Prozent und für einige Düngemittel um 40 Prozent gestiegen. Die Preise für Lebensmittel, Düngemittel, Öl, Gas und sogar Metalle wie Aluminium, Nickel und Palladium steigen ebenfalls schnell und verteuern Produktion, Transport und Endprodukte.
Ukrainische Landwirtschaftsbetriebe werden wegen des Kriegs kritische Pflanz- und Erntezeiten verpassen: Etwa 30 Prozent der ukrainischen Landfläche sind Kriegsgebiet, an landwirtschaftliche Arbeit ist wegen der Kämpfe nicht zu denken. Europäische Düngemittelfabriken drosseln die Produktion wegen hoher Energiepreise erheblich. Landwirte in aller Welt reduzieren die Düngung und riskieren damit die Qualität der nächsten Ernten.
Der Krieg kommt zu einem Zeitpunkt, da die Ernährungslage der Welt ohnehin schon kritisch ist. Lieferkettenprobleme wegen der Pandemie, Handelsbeschränkungen, hohe Energiekosten und die jüngsten Dürren, Überschwemmungen und Brände stellen die globale Landwirtschaft vor massive Probleme. Ökonomen, Hilfsorganisationen und Regierungsvertreter warnen: Eine weltweite Hungersnot droht. Der russische Angriff ist ein Katalysator, der eine ohnehin schon angespannte Situation verschärfen wird
„Seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es keinen auch nur annähernd vergleichbaren Präzedenzfall“, sagte David M. Beasley kürzlich der New York Times. Er ist Exekutivdirektor des Welternährungsprogramms, der Organisation der Vereinten Nationen, die täglich 125 Millionen Menschen ernährt.
Um das reduzierte Lebensmittelangebot ist ein Wettlauf entbrannt: China plant, seine Einkäufe signifikant zu steigern. Der indische Ernährungsminister Sudhanshu Pandey sagte kürzlich, die Nachfrage nach Nahrungsmitteln habe sich verdreifacht. Indien exportiert normalerweise nur eine kleine Menge an Weizen.
Zu Beginn der Parlamentssitzung sagte Ministerpräsident Li Keqiang, China werde in diesem Jahr die Versorgung mit wichtigen Agrarprodukten, einschließlich Getreide, sicherstellen. Alle müssten zusammenarbeiten, damit der „Reissack“ und der „Gemüsekorb“ des Landes gut gefüllt seien und das Land eine sichere Lebensmittelversorgung für die Menschen gewährleisten könne, sagte Li laut Reuters. China werde alle Versuche stoppen, Ackerland für andere Zwecke als die Landwirtschaft und insbesondere die Getreideproduktion zu nutzen. Li sagte, China werde dafür sorgen, dass die Schweineproduktion besser reguliert werde. Außerdem will Peking die Produktion und Versorgung mit Vieh, Geflügel, Wasserprodukten und Gemüse sicherstellen.
Die weltweiten Kaufambitionen der chinesischen Regierung und anderer Regierungen werden angesichts des knappen Angebots weltweit zu noch höheren Lebensmittelpreisen führen. Im Februar waren die Lebensmittelpreise in den USA bereits um 8,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, laut Regierungsdaten der größte Anstieg seit 40 Jahren. Ökonomen erwarten, dass der Krieg diese Preise weiter in die Höhe treiben wird.
Besonders treffen werden die steigenden Preise zunächst die ärmeren Länder. Armenien, die Mongolei, Kasachstan und Eritrea importieren praktisch ihren gesamten Weizen aus Russland und der Ukraine und müssen nun neue Anbieter finden. Dabei konkurrieren sie mit viel größeren Abnehmern, darunter die Türkei, Ägypten, Bangladesch und der Iran, die mehr als 60 Prozent ihres Weizens von den beiden kriegführenden Ländern bezogen haben.
Nooruddin Zaker Ahmadi, der Direktor von Bashir Navid Complex, einem afghanischen Importunternehmen, sagte der New York Times, dass die Preise auf breiter Front steigen würden. Er sieht das Problem in den Sanktionen. Er sagte der Times: „Die Vereinigten Staaten glauben, dass sie nur Russland und seine Banken sanktioniert haben“, sagte er. „Aber die Vereinigten Staaten haben die ganze Welt sanktioniert.“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]