Ukraine-Krieg

Ukrainische Künstlerin flüchtet nach Leipzig: Jetzt beginnt etwas ganz Neues

Die Kiewer Künstlerin Lada Nakonechna hat es über Warschau nach Leipzig geschafft. Freunde holten ihre Werke für eine Ausstellung über die Grenze.

6 Min
Die Ukrainerin Lada Nakonechna in der Leipziger Ausstellungshalle: „Studium des Menschen“, 2022

Die Ukrainerin Lada Nakonechna in der Leipziger Ausstellungshalle: „Studium des Menschen“, 2022

© Galerie EIGEN + ART Leipzig7Berlin/Uwe Walter

Lada Nakonechna steht inmitten ihrer Plastiken: menschliche Kniegelenke und Unterschenkel an Stahlrohren. Stehend, hängend, liegend, geknickt; wie martialische Krücken, wie Versuchsanordnungen in einer Prothesen-Werkstatt für zerschossene Beine. Es sind Gewaltsymbole, die aktueller nicht sein könnten.

Nein, das ist nicht der Anatomiesaal der Kiewer Kunstakademie. Wir sind in Halle 5 der alten Leipziger Baumwollspinnerei und sehen den stummen, zur Plastik gewordenen Aufschrei einer jungen Künstlerin aus dem von Putins Armeen gequälten Land. Nakonechna nennt ihre Installation „Studium des Menschen“. Der Mensch sei nicht mehr Subjekt, sondern Objekt, ein seelenloses abstraktes Wesen. „Der Krieg hat kein menschliches Gesicht.“ Sie hat die Conditio humana auf- und quergestellt. Ungerührt kommt daran keiner vorbei. Diese fragmentierten Extremitäten, die sich weder Männern noch Frauen zuordnen lassen, hat sie seit dem Herbst 2021 in ihrem Atelier in Kiew geformt – für die schon lange verabredete Ausstellung in Leipzig bei der Galerie Eigen+Art. Zu deren Künstlerkreis gehört sie seit 2015, seit ihrer ersten Schau von Zeichnungen und Collagen zum Euro-Maidan.

Mit Baby, Reisetasche und Grafikrolle

Wie Marmor oder polierter Gips sehen die Körperteile aus, geformt aus Pappmaschee, doch mit einer materiellen und ästhetischen Wirkung wie von Bildhauern der Antike oder der Renaissance gemeißelt. Die Künstlerin, geboren 1981, hat diese Fragmente am 23. Februar ins Auto gepackt. Am nächsten Morgen wollten sie und ihr Mann Sergeij mit ihrem Baby losfahren, nach Leipzig, um die Ausstellung vorzubereiten. Zwei Wochen Zeit hätte sie dann noch gehabt, in einem Atelier im Kunst-Areal der Spinnerei zu arbeiten. Ihr Mann, ein Kunstwissenschaftler, hätte den kleinen Sohn Darii betreut. Nakonechna wollte in Ruhe alles für die Schau fertigstellen. Ein kleines Archiv-Recherche-Stipendium der Stadt Leipzig, seit 60 Jahren Partnerkommune Kiews, war mit der Ausstellung verbunden.

Es sollte eine schöne Zeit werden. Doch es kam ganz anders. Als am Vormittag des 24. Februar der Alarm vom Überfall der russischen Truppen durch die Straßen von Kiew hallte, fuhren sie Hals über Kopf los, nur das Nötigste im Auto. Am Abend in Lemberg/Lwiw ging es nicht weiter. „Ein Ozean von panischen Menschen an der Grenze“, so beschreibt Lada Nakonechna den Anblick der verstörten Kinder, der hilflosen Alten. Als die Männer im kampffähigen Alter nicht mehr über die Grenze durften, blieb nur noch der Zug. Und der Abschied von ihrem Mann. Mit Baby, Reisetasche und Grafikrolle quetschte sie sich in einen der überfüllten Waggons. Ihr Mann verwahrte die Kunstwerke im Auto und meldete sich in Lwiw zum Einsatz für sein Land. Tage später gelang es ihm, mithilfe polnischer Freunde die Plastiken über die Grenze nach Polen und von dort auf den Weg nach Leipzig zu bringen.

Flucht ist demütigend

Am 26. März kam die Künstlerin mit ihrem Kind im polnischen Przemysl an. Nachts, nach 22 Stunden Fahrt. Für die Strecke braucht die Bahn normalerweise drei Stunden, aber es fuhr nur ein heillos überfüllter Regio. Den Kleinen konnte sie stillen; sie selbst hielt ohne Essen durch. Sie hatte per Handy eine ehemalige Studienkollegin aus der Kiewer Akademiezeit in Warschau erreicht. Bei ihr fand sie Unterschlupf. Und ein paar Tage Verschnaufpause. Dann fuhr Luisa Wiesenbach von der Galerie Eigen+Art mit dem Auto nach Warschau, holte Lada und ihr Kind ab, brachte sie nach Leipzig, in eine kleine Gästewohnung der Stadt.

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Politische Landschaften. Blick in Nakonechnas zweiten Ausstellungsraum mit Zeichnungen und Objekten

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© Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin/Uwe Walter

„Erst da kam ich zur Besinnung und war in der Lage, überhaupt zu funktionieren“, so die Künstlerin. Sie war ja schon öfter in Berlin, auch in Leipzig. Da war sie Gast, eine selbstbestimmte Künstlerin unter Künstlern und Kunstfreunden. Die Flucht indes ist ein Weglaufen, ohne das Gefühl, wirklich anzukommen. Flucht ist demütigend. Sich abzufinden, braucht Zeit, und die Zeit heilt – anders, als das alte Sprichwort es weismachen will – eben nicht alle Wunden. Zeit vergeht nur. Lada hat Angst um ihren zurückgebliebenen Mann. Sie telefonieren, so oft es geht, er dient in Lwiw mit dem eigenen Auto als Kurierfahrer. Lada nennt es „ein so großes Glück, dass ich in Sicherheit bin und wir alle leben“. Aber sie gesteht auch ihre Zerrissenheit, wenn sie vom sicheren Ort aus an ihre Landsleute denkt, an die zerstörten Häuser, die Verletzten, an die vielen Toten, die obdachlos Hungernden und Frierenden in Mariupol, Charkiw, Mykolajiw.

Kunst ist keine Waffe

Ihr ist klar, dass sie mit ihrer Kunst nur Herz und Geist berühren kann. Kunst ist keine Waffe, die Putins Soldaten besiegt. Und doch ist es für sie ermutigend, wie das Leipziger Publikum, die Künstlerkollegen reagieren, wie sie Anerkennung zollen für die Plastiken, für die harten, ausgerissenen Zeichnungen von ukrainischen Wäldern, denen alle Romantik abhandengekommen ist. Fast ein Wunder, dass Tage später auch die Mutter der Künstlerin aus der umkämpften Donezk-Region erschöpft, aber wohlbehalten in Leipzig ankam. Alles wurde vertrauter und einfacher zu zweit, ohne Deutschkenntnis in der sächsischen Stadt, die Goethe sein „Klein-Paris“ nannte.

Ganz nebenbei erzählt Lada, dass wir nicht denken sollten, sie sei besonders stark, wie es sich für eine Frau aus einem Land gehöre, in dem seit acht Jahren ein „unsichtbarer“ und nun ein weltweit sichtbarer Krieg herrsche. Eine wirklich unglaublich starke Ukrainerin sei ihre Mutter, Professorin an der Universität in Dnipro, der Millionenstadt, in der vor einigen Tagen ein russischer Raketeneinschlag das Öldepot in Brand setzte. Jeden Morgen klappe ihre Mutter den Laptop auf und gebe unerschütterlich per Videoschalte Unterricht in Kunstgeschichte. Mit Angstpausen, weil die Studenten wegen Raketenalarm in den Keller müssten. Die jungen Leute wollen lernen. Trotz allem. Es ist ihr Ariadnefaden aus der Unterwelt des verbrecherischen Krieges. Und so ähnlich, meint Lada Nakonechna, sei das für sie ja auch mit ihrer Kunst.

Leipzig, Kunst-Areal Baumwollspinnerei, Spinnereistr. 7, Halle 5 Galerie Eigen+Art. Bis 23. April, Di–Sa 11–18 Uhr.

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