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Warum wir Lehrer mutiger werden müssen

Vorschriften können Ängste schüren und lähmen, warnt unser Autor. Er ist ehemaliger Schulleiter eines Berliner Gymnasiums und fordert Lehrkräfte zu mehr Mut auf.

Wolfgang Harnischfeger
9 Min
Lehrerinnen und Lehrer befinden sich in einer permanenten Defensivhaltung, sie dürfen nichts falsch machen.

Lehrerinnen und Lehrer befinden sich in einer permanenten Defensivhaltung, sie dürfen nichts falsch machen.

© Uta Grabowsky/imago

Angst in der Schule kennt man nur aus der Schülerperspektive, Angst vor einer Mathearbeit dürfte weit verbreitet sein, auch Angst vor Prüfungen und einzelnen Lehrern gehört zum Erfahrungsschatz vieler Menschen. Wer käme da schon auf die Idee, dass auch Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Beruf von Ängsten verschiedener Art betroffen sind. Darum soll es hier gehen, aber auch um das Gegenteil, um Mut im Umgang mit Schülern, um Mut gegenüber Eltern und Vorgesetzten.

Lehrkräften wird von Anfang an eingebläut, dass sie sich angreifbar machen, wenn sie die Vorschriften nicht einhalten, zumal nahezu alle Lehrerentscheidungen gerichtlich überprüft werden können, von der Zeugnisnote bis zu schulinternen Ordnungsmaßnahmen. Sie befinden sich in einer permanenten Defensivhaltung, sie dürfen nichts falsch machen, was dazu führt, dass sie im Regelfall den vorhandenen Handlungs- und Entscheidungsraum nicht nutzen.

Da aber niemand um die zehntausend Einzelregelungen im Kopf haben kann, was hier wörtlich gemeint ist und nicht als Metapher für eine große Menge, werden die Vorschriften nicht oder nicht nur als Schutz und Handlungsanweisung erlebt, sondern als latente Bedrohung. Lehrerinnen und Lehrer müssen einmal im Kollegium miterlebt haben, unter welchen Rechtfertigungszwang man im Falle einer Anfechtung oder eines Widerspruchs gelangt, um spätestens ab dann ihr eigenes Verhalten strikt defensiv auszurichten.

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Permanente Defensivhaltung

Wenn sie auf der sicheren Seite sein wollen, bestimmt das ihr pädagogisches Handeln insofern, als sie in der Notengebung, in den Anforderungen, in den Freiräumen, die sie den Schülern lassen, keinerlei Risiko eingehen und sich hinter einer Berufsfassade verstecken, was genau das Gegenteil dessen ist, was die Jugendlichen suchen.

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Eine solche Lehrkraft kann an einem Sommertag mit einer Schulklasse am Ufer eines Sees stehen und das Schwimmen verbieten, weil kein staatlich geprüfter Rettungsschwimmer greifbar ist, auch wenn der See in der Mitte nur 1,5 Meter tief ist. Wenn sie das Schwimmen verbietet, hat sie sich an die Vorschrift gehalten, wenn sie es erlaubt, könnte etwas Unvorhergesehenes passieren, und dann würde man ihr die Schuld geben. Dass für die Jugendlichen daran Erfolg oder Misserfolg des Wandertags hängen, gerät in diesem Fall gar nicht ins Bewusstsein der Lehrkraft.

Erfahrungsgemäß wird die konkrete Entscheidung mit der allgemeinen Lebenseinstellung der Lehrerin oder des Lehrers korrespondieren, der ängstliche und vorsichtige Typ wird das Schwimmen verbieten, der risikofreudigere wird es erlauben, eventuell mit Auflagen. Großen Einfluss auf die Entscheidungen der Lehrkräfte haben Schulleiterinnen und Schulleiter, die allerdings von der Struktur her eher konservativ sind, anders wären sie nicht in ihr Amt gekommen. Doch wenn im Chefzimmer ein Angsthase sitzt, es kann auch eine Angsthäsin sein, wird das die Innovations- und Risikofreudigkeit des Kollegiums nicht fördern.

Für mich selbst ist man mutig, wenn man auch die Risiken kennt und abschätzt, eventuelle Nachteile in Kauf nimmt und dennoch das tut oder sagt, was man für richtig hält. Ich will an dieser Stelle die Kollegin S. einführen, sie ist mein Beispiel für Mut in der Schule. Sie wird von ihren Klassen und Kursen hymnisch gepriesen und geradezu verehrt, über Jahre hinweg.

In der Abiturzeitung stand, sie diene ihren Schülerinnen und Schülern als Vorbild – eine Lehrerin als Vorbild für junge Menschen, die sich sonst nur an sich selbst orientieren. Na gut, denkt man, so ist sie also besonders hübsch, jung, sportlich – oder eine Kaffeetrinktante, bei der man für das Verbreiten von warmer Luft 12 Punkte bekommt.

Risikofreudigkeit und Vorsicht

Mitnichten ist sie das, sie könnte vom Alter her die Großmutter der Jugendlichen sein, sie ist von ihrer ganzen Art her keineswegs angepasst, sondern eher spontan, sprunghaft bisweilen, jedenfalls nicht weise und abgeklärt. Und sie verzichtet auch nicht auf Leistungsanforderungen, die Klausuren ihrer Schüler zeugen von Kenntnissen und Urteilsfähigkeit.  Also eine begnadete Pädagogin, eine Ausnahmeerscheinung? Ja, aber!

Das Aber besteht darin, dass die Kollegin S. gelegentlich so weit aus ihrer Rolle herausgeht, dass sie Regeln verletzt, Bestimmungen umgeht, schummelt, wenn es sein muss, im Notfall, der eintritt, wenn einer ihrer Schützlinge durch die Abschlussprüfung zu fallen droht, Noten wider besseres Wissen und wider den eigenen (hohen) Anspruch nach oben zieht, mündliche Prüfungen, die unter Aufsicht durchgeführt werden, mit dem Kandidaten detailliert vorbereitet – kurz, Dinge tut, die sie, kämen sie an die Öffentlichkeit, Kopf und Kragen kosten.

Aber tut die Kollegin S. nicht das einzig Richtige? Was zählt mehr – die Bestimmungen korrekt einzuhalten oder Menschen positiv für das Leben zu prägen, Ansprechpartnerin für Schülerinnen und Schüler zu sein, wenn zu Hause gar nichts mehr geht, wenn ein Suizid droht, oder den Ermessensspielraum bis zur Überdehnung auszuschöpfen. Darf man diese Fragen überhaupt so zugespitzt formulieren?

Was wären die Konsequenzen, wenn das Schule machen würde, wenn die Noten im guten und mittleren Bereich korrekt, aber zur Fünf hin ins Positive manipuliert wären? Wir hätten in Kürze nur noch firmeneigene Einstellungstests und Eingangsprüfungen an den Universitäten. Es würden sich neue Kriterien für gute und schlechte Leistungen herausbilden, die aber, weil keiner öffentlichen Kontrolle unterworfen, weit dubioser wären als die heutigen Schulzeugnisse.

Aber braucht die Schule nicht genau solche Menschen, die zwar ihren gesunden Menschenverstand einsetzen, aber keine Vorschriften lesen? Brave Mädchen kommen in den Himmel, die anderen überall hin. Sollten nicht auch Lehrkräfte manchmal etwas weniger brav sein und sich den Himmel für das Jenseits aufheben?

Rechtliche Vorschriften sichern unser bürgerliches Leben, aber insbesondere bei jungen Menschen verhindert ihre strikte Anwendung manchmal den Ausweg aus einer verkorksten Situation. Und ist es nicht ein Glück, einem charismatischen Menschen zu begegnen, der keine Angst vor nichts und niemandem hat, der die Wiese sieht und nicht den Zaun, der junge Menschen von der digitalen Welt zurück in die reale holt, wo alles vielfältig ist und nicht nach dem binären Prinzip funktioniert? Gehört zur Freiheit nicht auch das Agieren im Grenzbereich, und warum fürchten Diktaturen die individuelle Entfaltung? Natürlich kann man im Chemieunterricht eine harmlose sechsprozentige Salzsäurelösung mit Handschuhen, Schutzbrille und hinter einer Glaswand untersuchen, aber man hört förmlich das Gähnen der Schüler dabei.

Keinerlei Risiko eingehen und sich hinter einer Berufsfassade verstecken ...

Keinerlei Risiko eingehen und sich hinter einer Berufsfassade verstecken ...

© Uta Grabowsky/imago

Ein Herz für die Unangepassten

Es geht hier keineswegs darum, versteckt zum Bankraub aufzurufen, damit die eigene Schule saniert werden kann, und auch seine Pension muss niemand aufs Spiel setzen. Aber es gibt Schülerinnen und Schüler mit Schicksalen und Biografien jenseits der ausgetretenen Pfade, die mit 14 verloren sind, wenn sie nicht auf Lehrkräfte und Schulleitungen treffen, die ein Herz für die Unangepassten haben.

Für diese Grundhaltung habe ich eine Bestätigung von völlig unerwarteter Seite gefunden: Laut einem Artikel der Zeit fordert der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, die Soldaten bei jedem Truppenbesuch auf, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen und die Vorschriften da zu umgehen, wo auch der gesunde Menschenverstand sie umgehen würde, die Bundeswehr sei schließlich nicht das Einwohnermeldeamt. Wenn mehr Flexibilität statt starrer Orientierung an den Vorschriften schon für eine Truppe gilt, die auf Befehl und Gehorsam aufgebaut ist, wie wichtig ist sie dann erst im Umgang mit jungen Menschen, die all diese Normen erst lernen und ihren Platz in der Welt finden müssen?

Letztlich ist das eigene Wertesystem ausschlaggebend bei der Beurteilung eines solchen, sagen wir, souveränen Umgangs mit verbindlichen Vorschriften und Regeln. Wenn die Person, um die es geht, sozusagen stellvertretend für uns selbst handelt und wir das Ergebnis billigen, stimmen wir zu und reagieren auf Regelverstöße nicht oder sehr nachsichtig, wenn nicht, empören wir uns und rufen nach Sanktionen. Einen AfD-nahen Lehrer, der Naziansichten in Aufsätzen belohnt, würde ich nicht tolerieren. Es bleibt ein Stück subjektiv, das ist das Problem dabei.

Man muss sich als Lehrkraft nicht entscheiden zwischen Superpädagogin und Unterrichtsbeamtin, es gibt genügend Zwischentöne. Wenn man den Fokus vom Fach wegnimmt und zuerst Menschen unterrichtet und dann Mathematik und Englisch, erweitern sich die Handlungsmöglichkeiten grundsätzlich. Dann fragt man „Was braucht der junge Mensch vor mir?“ und nicht „Was darf ich?“, man wechselt von der amtlichen auf die persönliche Ebene, die aber nicht mit der privaten oder familiären verwechselt werden darf.

Lehrkräfte können die Anwälte ihrer Schülerinnen und Schüler sein, nicht ihre Freunde. Doch wenn sie manchmal mutiger wären und weniger Angst hätten, etwas falsch zu machen, hätten ihre Schülerinnen und Schüler vermutlich weniger Angst in der Schule. Pädagogik ist da am wirksamsten, wo kluge Auslegung eines Gesetzes seinem Sinn mehr entspricht als das Beharren auf seinem Wortlaut. Dem werden alle zustimmen, auch wenn sie nicht dasselbe darunter verstehen, es wäre der übliche Sowohl-als- auch-Schluss.

Man muss sich als Lehrkraft nicht entscheiden zwischen Superpädagogin und Unterrichtsbeamtin, es gibt genügend Zwischentöne.

Man muss sich als Lehrkraft nicht entscheiden zwischen Superpädagogin und Unterrichtsbeamtin, es gibt genügend Zwischentöne.

© Uta Grabowsky/imago

Doch mein Text hat eine Pointe, wie sie nur das reale Leben schreibt: Der größte Erfolg der Kollegin S. war ein Schüler mit dem Spitznamen „Stinki“, ein intelligenter, aber völlig desorientierter 16-Jähriger, über Monate dauerbekifft und mit mehr Fehl- als Anwesenheitstagen. Als seine Relegation drohte, organisierte sie für ihn Nachhilfe durch Mitschüler und eine vorübergehende Aufnahme in der Familie seines besten Freundes, sodass er die 11. Klasse doch noch schaffte. Heute ist er Oberarzt an der Charité, er preist Frau S. als seine Retterin und erzählt das alles selbst, sonst dürfte ich es gar nicht hier aufschreiben.

Wolfgang Harnischfeger, geboren 1943 in Hessen, ist Pensionär und ehemaliger Schulleiter des Beethoven-Gymnasiums in Lankwitz. Zudem war er mehrere Jahre Vorsitzender der GEW-Schulleitervereinigung VBS.

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