Die vermeintliche Solidarität der DDR mit ihren sozialistischen Bruderländern und das tatsächliche Schicksal der Vertragsarbeiter sollte gründlich von DDR-Nostalgie befreit werden. Als (ostdeutsche) Zeitzeugen und Autoren finden wir: Es braucht viel mehr Empathie und Verantwortung. Respekt und Anerkennung staatlich verursachten Unrechts ist nötig. Dazu gehört auch, präzise über das Schicksal der Vertragsarbeiter aufzuklären. Hierzu möchten wir mit folgenden Beispielen beitragen:
Rassismus im DDR-Alltag
In einem Text in der Berliner Zeitung stellte Maritta Adam-Tkalec kürzlich zu Recht fest, dass die DDR-Gesellschaft nicht „durch und durch rassistisch“ war. Wir wollen aber doch festhalten: In der DDR-Gesellschaft war, wie in anderen Gesellschaften auch, Rassismus in den verschiedensten Facetten vorhanden. Dies zeigte sich nicht nur in tätlichen Angriffen, für die es konkrete Beispiele gibt, sondern viel häufiger in Einstellungen und Umgangsweisen mit Menschen anderer Hautfarbe und Kultur. Die üblichen Benennungen von Vietnamesen als „Fidschis“ oder Mosambikanern als „Braunkohle“ waren nicht lustig, sondern sprachen den Menschen ihre Würde ab.
Der Schriftsteller Landolf Scherzer hat in Suhl viele Gespräche mit Vertragsarbeitern und Deutschen geführt. Die Protokolle durften in der DDR nicht veröffentlicht werden, im geeinten Deutschland sind einige dann 2002 im Buch „Die Fremden“ im Berliner Aufbau-Verlag erschienen.
Einige Zitate daraus: „Die landläufige Meinung war: Die Buschmenschen kommen. Vorher waren zwar schon Algerier hier (…) Aber der Algerier is’n anderer Mensch. Der Algerier schlägt ja nun mal mehr ins Europäische.“ – „Man müsste sie wirklich separat halten. Oder in anderen Ländern ausbilden, wo die Leute auch so sind, in Bulgarien vielleicht.“ – „Ich find, ’ne deutsche Frau gehört nicht zu den Schwarzen. (…) Der Umerziehungsprozess, der würde sich immer vom Weißen aus vollziehen, die Schwarzen würden sich anpassen.“
Vertragsarbeiter aus Vietnam treffen am Ostbahnhof in Ost-Berlin ein, 1973.
© dpa
Beispiele aus Suhl in den 1980er-Jahren, die man auch in vielen anderen Orten hätte aufschreiben können. Diese europäisch-überheblichen Einstellungen schlossen zwar nicht eine betriebliche Betreuung aus, verhinderten aber in vielen Fällen Verständnis, Begegnungen und Kommunikation auf Augenhöhe.
Die Situation der schwangeren Frauen aus Mosambik
Im gleichen Text in der Berliner Zeitung bezeichnet Maritta Adam-Tkalec die Behauptung, dass die DDR mosambikanische (und vietnamesischen) Frauen, die in DDR-Betrieben arbeiteten, im Falle einer Schwangerschaft zur Heimkehr oder Abtreibung gezwungen habe, als „Fake-News-Story“.
Aber: Im Jahresprotokoll 1981, Artikel 2 zum Regierungsabkommen wird von Mosambik und der DDR gemeinsam festgelegt, dass bei Schwangeren eine „unverzügliche Rückführung in die Volksrepublik Mozambique zu erfolgen hat“. Denn durch eine Schwangerschaft waren sie „an der Erfüllung der im Regierungsabkommen enthaltenen Prinzipien behindert und ihre Qualifizierung in den Einrichtungen der Erwachsenenbildung außerhalb der produktiven Tätigkeit konnte nicht gewährleistet werden“.
Zwang die DDR schwangere Mosambikanerinnen zur Heimkehr? Ein Faktencheck
Landolf Scherzer: „Sie sind ein gutbürgerlicher Mensch, was machen Sie hier?“
Dass dies auch noch Ende 1988 so gehandhabt wurde, kann Almuth Berger bezeugen, die damals eine junge Mosambikanerin, die im 7. Monat zurückgeschickt werden sollte, zu Hause aufgenommen und dann in einer Entbindungsklinik untergebracht hat. Mehrfache Versuche des Betriebes, sie dort herauszuholen und zurückzuschicken, sind dank des couragierten Auftretens des Oberarztes verhindert worden. Die Frau konnte in der DDR entbinden. Viele andere mussten heimkehren. Im Bundesarchiv liegen zahlreiche Atteste, auf denen Gynäkologen die Schwangerschaft von Mosambikanerinnen bestätigen und vermerken: Ich bitte, die Rückführung einzuleiten.
Es wird einzelne Frauen gegeben haben, die – trotz des Verbots der mosambikanischen Regierung und der Botschaft – eine Abtreibung vornehmen ließen, die in ihrer Heimat nicht erlaubt war. Offiziell durften DDR-Ärzte bei Mosambikanerinnen jedoch keine Abtreibung vornehmen. Sie konnten also nicht einfach den „Ausweg über das liberalste Abtreibungsrecht der Welt wählen“, wie Maritta Tkalec in ihrem Text meint.
Vertragsarbeiter aus Mosambik im VEB Frottana in Großschönau, 1983
© imago
Mythos: Ausbildung für Vertragsarbeiter
Richtig ist, dass die jungen Frauen und Männer angesichts der Situation in ihrer Heimat gern die Chance eines Aufenthaltes in der DDR wahrnahmen. Nicht richtig ist, dass sie zu einer angemessenen Ausbildung in die DDR geholt wurden. Ihre „Abkommen-gemäße“ Bestimmung war keine für Mosambik angepasste Berufsausbildung. Uns sind allein drei Vertragsarbeiter bekannt, die zu Heizungsmonteuren ausgebildet wurden. Tatsächlich ging es um Aneignung von Anlerntätigkeiten für die Großbetriebe und die akute Produktion. Die Ausbildungsabsichten der DDR für Vertragsarbeiter waren und sind ein Mythos. Nach einer Übersicht von Ulrich van der Heyden wurden von den ca. 17.100 Vertragsarbeitern in zehn Jahren lediglich 601 zu Facharbeitern und 70 zu Lehrmeistern ausgebildet, weniger als vier Prozent aller Vertragsarbeiter!
Auf den Spuren einstiger DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik
Verrechnen statt „transferieren“: Vertragsarbeiter wurden um ihren Lohn geprellt
Im Abkommen vom 24.02.1979, Artikel 6 wurde festgelegt, dass Vertragsarbeiter 25 Prozent, zeitweise 60 Prozent des 350 Mark übersteigenden Nettolohnes nach Hause „transferieren“ können. Dafür wurden persönliche Konten eingerichtet. Artikel 14 legte dann fest, „alle mit dem Einsatz der mozambiquanischen Werktätigen verbundenen Zahlungen und Überweisungen erfolgen (…) zur Verrechnung von gegenseitigen Warenlieferungen und Leistungen“. Damit wurde – verdeckt formuliert – die Einbehaltung von privaten Löhnen für staatliche Zwecke angeordnet.
Die den Mosambikanern monatlich abgezogen Nettolohnanteile überwies die DDR nicht – oder nicht vollständig – nach Mosambik, sondern „verrechnete“ sie. Damit war der Einstieg in einen jahrzehntelangen staatlichen Betrug gegeben. Die DDR behielt die Nettolohnanteile ein und beide Regierungen haben in einer Art Komplizengemeinschaft unter Missachtung der Rechte der Vertragsarbeiter die mosambikanischen Werktätigen und die Öffentlichkeit darüber nicht informiert.
Ein langjähriger Mitarbeiter im Staatssekretariat für Arbeit und Löhne (SAL) der DDR, Ralf Straßburg, sagte 2019 auf der Tagung „Respekt und Anerkennung“: „Die von den Vertragsarbeitern ‚transferierten‘ Beträge wurden von Anfang an im gegenseitigen Einvernehmen beider Regierungen nicht nach Mosambik überwiesen, sondern in die zwischenstaatliche Verrechnung mit einbezogen, um zum Schuldenabbau beizutragen.“ Der Hauptgrund für die Einbehaltung persönlicher Arbeitseinkommen zwecks staatlicher Kredittilgungen gegenüber Mosambik lag in der ersten Devisen-Überschuldungskrise der DDR 1976/77 (ein Symptom war die bekannte Bohnenkaffee-Krise 1977).
Zuschauer verfolgen eine Rede von Präsident Samora Moises Machel (Mosambik) anlässlich eines Staatsbesuchs in der DDR, 1980.
© IMAGO
Im engsten Kreis um Erich Honecker mit Günter Mittag, Werner Lamberz und Alexander Schalck-Golodkowski wird ein Sofortprogramm zur Erwirtschaftung von konvertierbaren Devisen (KD) 1977 beschlossen. Ein Bestandteil dieses Sofortprogramms war eine Offensive zu Entwicklungsländern in der „US-Dollar-Handelssphäre“. Im Dezember 1977 beschließt das Politbüro der SED eine „Kommission für Entwicklungsländer“ und beauftragt Alexander Schalck-Golodkowski und seinen Bereich Kommerzielle Koordinierung (Koko) mit dem speziellen „Mosambik-Geschäft“. Damit geraten die antiimperialen und mit Solidarität angebahnten Beziehungen zum befreiten Mosambik in die Verfügungsgewalt von Devisenbeschaffern und Waffen-, Gefangenen- und Kunsthändlern gegen Westgeld. Alle Verträge mit Mosambik ab 1977 und das Abkommen zu den Vertragsarbeitern 1979 liefen über den Schreibtisch von Schalck-Golodkowski.
1977 kippte somit die Solidarität – man könnte auch von einer antisolidarischen Wende in den Mosambik-Beziehungen der DDR sprechen: Die Interessen der DDR rückten an die erste Stelle und dominierten die Beziehungen. Diese Wende muss in Wissenschaft, Medien und Politik viel stärker thematisiert werden. Daran hapert es, teils auch in der Berliner Zeitung.
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Was ist nun zu tun?
Am 26.04.2023 beschäftigte sich der Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestages mit den DDR-Vertragsarbeitern. Die Vertreter aller Fraktionen erkannten das erfahrene Unrecht der Vertragsarbeiter an. In einer Kurzmeldung des Bundestages heißt es: „Die SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag, Evelyn Zupke, dringt auf eine Entschädigung der früheren mosambikanischen Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter in der DDR. Viele der etwa 17.000 Frauen und Männer (…) seien bereits verstorben. (…) Zupke appellierte an die Abgeordneten, sich gegenüber der Bundesregierung für baldige Lösungen einzusetzen. (…) Die Geschichte der Vertragsarbeiter sei ein Teil deutscher Geschichte.“ Die mosambikanische Debatte ist fortzusetzen und Unrecht zu bereinigen.
Almuth Berger ist evangelische Theologin, Mitbegründerin der Bürgerbewegung Demokratie jetzt, auf Beschluss des Zentralen Runden Tisches 1990 Berufung als Staatssekretärin und Ausländerbeauftragte des Ministerrats der DDR, 1991 bis 2006 Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg, Mitglied im Fortsetzungsausschuss „Respekt und Anerkennung“.
Dr. phil. Hans-Joachim Döring war 1982 Mitinitiator der Leipziger Friedensgebete; Geschäftsführer des Inkota-Netzwerkes; Mitarbeit in der Enquetekommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur des DBT; Geschäftsführer der Stiftung Nord-Süd-Brücken, Beauftragter für Entwicklung Ev. Kirche in Mitteldeutschland; Co-Vorsitzender des Fortsetzungsausschusses „Respekt und Anerkennung“.
Weiterführende Informationen zum Thema finden sich unter www.vertragsarbeit-mosambik-ddr.de sowie im Tagungsband: „Für Respekt und Anerkennung. Die mosambikanischen Vertragsarbeiter und das schwierige Erbe der DDR“, herausgegeben von Birgit Neumann-Becker und Hans-Joachim Döring, mitteldeutscher verlag 2022
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