Serbien

Beliebt, weil er Putin treu bleibt

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić hat sich am Sonntag eine zweite Amtszeit gesichert. Er gehört zu den letzten Staatschefs Europas, die sich weigern, Sanktionen gegen Russland zu verhängen – warum stört das die Menschen in seinem Land nicht?

Franziska Tschinderle
8 Min
Guter Mann: 2019 verleiht Putin Aleksandar Vučić den russischen Alexander-Newski-Orden

Guter Mann: 2019 verleiht Putin Aleksandar Vučić den russischen Alexander-Newski-Orden

© AP/Darko Vojinovic

Es ist Sonntagabend, als Serbiens Präsident Aleksandar Vučić eine Flasche Schaumwein bringen lässt. Er steht, umgeben von seinen jubelnden Anhängern und Fernsehkameras, in der Parteizentrale in Belgrad. Die staatliche Wahlkommission hat das offizielle Ergebnis noch nicht verkündet. Aber Vučić will nicht warten. „Warum die Herrschaften um 11 Uhr abends nicht arbeiten wollen, aber wir schon, das ist eine andere Frage“, sagt er. Dann ruft er sich selbst zum Sieger aus, ohne das offizielle Wahlergebnis, das erst 24 Stunden später eintrudelt, abzuwarten.

An Vučićs Sieg hat niemand gezweifelt, am allerwenigsten er selbst. Vier Tage vor der Wahl steht er in der Sporthalle von Niš, der drittgrößten Stadt Serbiens, rund 230 Kilometer südlich der Hauptstadt. Die Halle stammt aus der Zeit Jugoslawiens, des sozialistischen Vielvölkerstaats, der in den 90er-Jahren in blutigen Kriegen zerbrach. Vučić arbeitete damals als Propagandaminister für jenen Mann, der maßgeblich für diese Kriege verantwortlich war: Slobodan Milosević.

Mittlerweile will sich Vučić vom Ultranationalisten zum Proeuropäer gewandelt haben. Er betont, sein Land in die EU führen zu wollen, pflegt aber gleichzeitig enge Beziehungen zu Russland. Die Halle in Niš fasst bis zu 6500 Menschen und heute Abend platzt sie aus allen Nähten. Konfetti regnet von der Decke, Menschen schwingen Fahnen und Luftballons. „Unser Limit sind unsere Träume“, steht auf einem Banner. Nicht minder ambitioniert sind die Pläne Vučićs, des zwei Meter großen Mannes mit Brille, der dem Fahnenmeer zuwinkt. „Ich werde traurig sein“, sagt er, „wirklich sehr traurig, wenn ich nicht 60 Prozent bekomme.“

Die Wahlkampfrede ist die letzte Station einer acht Tage langen Reise durch Serbien, ein Balkanland mit sieben Millionen Einwohnern, das vergangene Woche vorgezogene Wahlen abgehalten hat. Schon lange nicht mehr stand Serbien derart im Mittelpunkt. Der Grund: Es gehört zu den wenigen Ländern Europas, die sich weigern, Sanktionen gegen Russland zu verhängen.

Nirgendwo in Europa findet Putin eine solche Zustimmung. Umfragen zufolge sieht eine Mehrheit der Bevölkerung Russland als wichtigsten Alliierten ihres Landes. Die EU landet mit nur elf Prozent Zustimmung auf Platz vier: hinter China und der Türkei. Dabei ist Serbien seit zehn Jahren EU-Beitrittskandidat. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Und wohin steuert Vučić, der in Serbien den Großteil der freien Presse gekapert hat, sein Land? Nach Moskau oder nach Brüssel?

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„Fuck, fuck Nato-Pakt!“

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, muss man in das Jahr 1999 zurückblicken. Damals bombardierte die Nato – ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates – das sogenannte Restjugoslawien, also das heutige Serbien, Montenegro und den seit 2008 unabhängigen Kosovo. Der Westen, federführend die USA, wollte den Massakern an den Albanern und den Massenvertreibungen Einheit gebieten. Moskau stand damals auf der Seite Belgrads und verhinderte durch sein Veto im UN-Sicherheitsrat die Legitimierung des militärischen Eingreifens. Das ist ein Grund, warum Putin in Serbien populär ist. Ganz nach dem Motto: Der Feind unseres Feindes ist unser Freund. Die Bomben rissen nicht nur Brücken und Gebäude ein, sie zerstörten auch das Vertrauen vieler Serbinnen und Serben in den Westen. Die Luftschläge dauerten 78 Tage. Sie begannen am 24. März und bis heute ist das Datum für viele ein Gedenktag. Es ist aber auch ein Anlass, um zu prorussischen Protesten aufzurufen.

Es ist schon dunkel, gegen 20 Uhr, als sich eine Menschentraube im Zentrum von Belgrad versammelt: Uniformierte, Frauen mit dünnen Kerzen in der Hand, Pensionisten mit Putin-T-Shirts, maskierte Hooligans mit bengalischen Feuern, Nationalisten mit mittelalterlichen Fahnen. Einige tragen das „Z“ auf der Brust oder auf dem Arm: das Symbol von Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine. Ihr Anführer ist fast zwei Meter groß, ein Ex-Basketballspieler mit schwarzer Lederjacke, kurz rasierten Haaren und einem Mikrofon in der Hand. Er steht auf dem Dach eines alten Fiat Panda, vor ihm eine Menge von Hunderten Menschen. Damnjan ist 33 Jahre alt und der Anführer einer ultrarechten Organisation namens „Volkspatrouillen“. Er geht gegen die angebliche „Überfremdung“ durch Migranten auf die Straße und gegen die Corona-Impfung. Heute gedenken er und seine Anhänger den Nato-Bombardements vor 23 Jahren. Sie wollen eine Schweigeminute abhalten. Vor der russischen Botschaft. Sie rufen: „Serben, Russen. Brüder für immer.“ Und: „Fuck, fuck Nato-Pakt!“

„Damnjan selbst wollte als Rettungssanitäter in den Donbass ziehen, aufseiten der prorussischen Separatisten. Sanktionen gegen Moskau sind für ihn undenkbar: „Wenn Vučić sie verhängt, dann werden wir Belgrad anzünden!“, droht er. Damnjan steht am äußersten rechten Rand der serbischen Gesellschaft. Er bezeichnet die ukrainische Regierung als „Regime“ und glaubt, dass westliche Medien gezielt die Unwahrheit über Russland verbreiten. Damnjan ist nicht die Norm in Serbien, einem Land, in dem viele Menschen ihr tiefstes Mitleid mit den ukrainischen Flüchtlingen aussprechen. Und dennoch steht er für ein weit verbreitetes Phänomen: die tiefe Skepsis gegenüber der Nato, ausgelöst durch die Luftschläge vor 23 Jahren.

„Wie kann ein Körper ohne Herz leben?“

Im südserbischen Niš, in der Nähe des Flughafens, steht seit 2012 ein Zentrum für Katastrophenhilfe. Es nennt sich: Russisch-Serbisches Humanitäres Zentrum. Seit Jahren ranken sich Gerüchte um diesen Ort. Angeblich soll es ein heimlicher Außenposten Russlands in Europa sein, um die US-Stützpunkte im Kosovo auszuspähen. Moskau hat das wiederholt dementiert. Kein Geheimnis ist, dass Russland und Serbien in der Vergangenheit gemeinsame Militärübungen abgehalten haben, unter dem Namen „Slawisches Schutzschild“. Serbien gilt als Russlands wichtigster Verbündeter auf dem Balkan. Moskau macht sich in Belgrad auch deswegen beliebt, weil es die Staatswerdung des Kosovo mit seinem Veto im UN-Sicherheitsrat blockiert.

Keine fünf Gehminuten vom russischen Zentrum entfernt liegt das Möbelgeschäft von Mica Stojanović, 66, umgeben von Autowerkstätten und Industriehallen. Über dem Eingang steht Casa Bella, weil sein Cousin, mit dem er das Geschäft betreibt, im italienischen Udine lebt. Vor 23 Jahren starteten unweit von dort die Jagdbomber mehrerer Nato-Länder. „Wir können nicht vergessen, was uns der Westen angetan hat“, sagt Stojanović. Er betont, dass Serbien doch eine friedliebende Nation sei. In dem fast zwei Stunden langen Interview schildert er im Detail den Tag, an dem die Bomben vor seinem Haus einschlugen.

Was er mit keinem Wort erwähnt: die von serbischen Sicherheitskräften begangenen Massaker an den Albanern im Kosovo, also den Grund für das Eingreifen. Eines weiß Stojanović mit Sicherheit: „Russland hat uns nie bombardiert. Russland hat im Zweiten Weltkrieg auch keine Faschisten nach Serbien geschickt. Das hat Europa gemacht.“ Fragt man den Möbelhändler, was im Vorfeld der Wahlen sein größtes Anliegen ist, dann antwortet er mit einem Wort: Kosovo. Die Amerikaner, sagt er, hätten diesen Staat künstlich geschaffen. Dabei bilde er das Herz von Serbien. „Wie kann ein Körper ohne Herz leben?“, fragt er.

„Serbien muss sich entscheiden: Russland oder Europa?“

Fährt man von Niš weiter nach Süden, wird die Landschaft gebirgiger. Bald ragen die weißen Minarette von Moscheen in den Himmel. Hier im Preševo-Tal, im Dreiländereck zwischen Kosovo, Serbien und Nordmazedonien, lebt die albanische Minderheit des Landes. Sie umfasst rund 48.000 Personen.

Die jungen Menschen in den Cafés schütteln den Kopf, wenn man sie fragt, ob Vučić ihr Präsident sei. Viele, erzählt eine Studentin, die ihren Master in der Türkei absolviert, würden am liebsten im benachbarten Kosovo leben. Die Nato-Bombardements nimmt man in Preševo nicht als Trauma, sondern als Befreiung wahr. Und das, obwohl auch Albaner und Albanerinnen dabei getötet wurden. Bei einem besonders tragischen Vorfall verwechselten die Bomber einen Flüchtlingstreck mit einer Militärkolonne. Über 70 Menschen starben. Viele Albaner und Albanerinnen sind den USA dennoch dankbar. Unlängst verstarb Madeleine Albright, die 1999 die US-Außenministerin stellte, und Ardita Sinani, die Bürgermeisterin von Preševo, postete ein Foto auf Instagram. Darunter die Zeile: „Ruhe in Frieden.“

In Belgrad marschierten prorussische Nationalisten mit konträren Slogans auf die Straße. „Schmore in der Hölle, Albright!“ stand auf einem Plakat zu lesen. Darauf angesprochen, kommt Bürgermeisterin Sinani schnell zum Punkt. Die 42-Jährige mit dem Kurzhaarschnitt hat in den letzten Wochen zahlreiche Solidaritätsbekundungen mit der Ukraine im Internet geteilt. Für Vučićs enge und freundschaftliche Beziehung zum russischen Präsidenten zeigt sie kein Verständnis. „Serbien muss sich jetzt ganz klar positionieren“, sagt sie, „und zwar ob es proeuropäisch oder prorussisch sein möchte. Es ist der letzte Moment, um zu entscheiden, auf welcher Seite man stehen will.“

Serbiens Superwahltag

Am Sonntag den 3. April fanden in Serbien Präsidentschafts-, Parlaments- und Kommunalwahlen statt. Mit rund 58,5 Prozent der Stimmen konnte sich der amtierende Präsident Aleksandar Vucic eine zweite Amtszeit sichern. Seine nationalkonservative Serbische Fortschrittspartei (SNS) verlor zwar im Parlament die absolute Mehrheit, ging aber mit rund 43 Prozent der Stimmen erneut als stärkste Kraft hervor.

Bei der letzten Wahl, im Jahr 2020, boykottierte ein Großteil der Oppositionsparteien den Urnengang, weil sie die Voraussetzungen für faire Wahlen nicht gegeben sahen. Vucic dominiert seit zehn Jahren die Politik Serbiens und hat die meisten Medien auf Regierungslinie gebracht. Ebenfalls seit 2012 ist Serbien EU-Beitrittskandidat.
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