Ukraine-Krieg

Journalist spürt Ehefrau auf, die russischem Soldaten das Vergewaltigen erlaubte

In einem vom ukrainischen SBU mitgeschnittenen Telefonat bewilligt eine Frau ihrem Mann, Frauen in der Ukraine zu vergewaltigen. Ein Journalist fand nun beide.

Peter Althaus
5 Min
Russischer Soldat vor Häusertrümmern in Mariupol: Familien ermuntern die Täter zu grausamem Vorgehen.

Russischer Soldat vor Häusertrümmern in Mariupol: Familien ermuntern die Täter zu grausamem Vorgehen.

© AP

Auch der Informationskrieg ist eine wichtige Säule in diesem brutalen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Nicht alle Informationen stellen sich als korrekt heraus. Besonders aus Russland kommen häufig Falschmeldungen über den Verlauf dieses Krieges. Umso wichtiger ist es, wenn Journalisten daher Informationen verifizieren. Genau das war auch der Impuls, den Mark Krutov verspürte, nachdem er ein schier ungeheuerliches Telefongespräch eines russischen Soldaten mitgehört hatte.

In dem vom ukrainischen Geheimdienst SBU abgehörten Gespräch gibt eine Frau einem russischen Soldaten die Einwilligung, ukrainische Frauen zu vergewaltigen. Sie wolle es jedoch lieber nicht wissen. Und er solle doch ein Verhütungsmittel benutzen. Beide lachen während des Gesprächs.

Protokoll eines abscheulichen Gesprächs

Sie: Also, mach halt, vergewaltige ukrainische Frauen, ja? Und sag es mir nicht. Verstanden? (lacht).
Er: [Ich soll] Vergewaltigen und dir nichts sagen?
Sie: Ja, also ich weiß es nicht. Und was? (lacht).
Er: Ja, kann ich?
Sie: Ja, kannst du. Aber verhüte!
Er: Gut.

Der SBU hatte die Aufnahme am 12. April veröffentlicht. Der Geheimdienst stellt regelmäßig solche Mitschnitte ins Netz, die belegen sollen, wie brutal und gewissenlos die russischen Soldaten in der Ukraine vorgehen. Nicht immer ist es möglich, die Echtheit der Telefongespräche zu überprüfen.

Journalist verifiziert die Echtheit über soziale Netzwerke

Dieses Mal sieht der Fall aber anders aus. Mark Krutov, der die Recherche für den russischsprachigen Dienst von Radio Free Europe, Radio Svoboda, durchführte, bekam von seinen Quellen die Telefonnummern zugespielt, die zu dem Mitschnitt gehörten. Beides waren russische Telefonnummern. Um mehr über die Personen zu erfahren, forschte er zunächst im Internet nach den Beteiligten. „Ich habe dann geschaut, ob die Telefonnummern genutzt wurden, um ein Konto bei Vkontakte zu registrieren“, sagt Krutiv. Vkontakte ist das russische Gegenstück zu Facebook. Viele Russen besitzen dort ein Konto. Tatsächlich ließen sich die beiden Telefonnummern den Profilen einer Frau und eines Mannes zuordnen.

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Umzug auf die besetzte Krim

So fand er das Profil von Roman B. Der Soldat, der aus der russischen Stadt Orel stammt, lebt vermutlich seit ca. 2016 in Feodossia. Die Stadt liegt auf der von Russland besetzten ukrainischen Halbinsel Krim. Nach der Annektierung der Krim siedelte die russische Regierung dort gezielt viele Bürger an und versprach ihnen besondere Unterstützung. Das Profil von B. sei mittlerweile zwar inaktiv, so Krutov. Jedoch gebe es gleich mehrere Personen aus dem persönlichen Umfeld des Russen, die die Zuordnung bestätigen. So fand Krutov auch dessen Mutter. Irina B. postete bei VK Bilder, die sie in der Stadt Feodossia zeigen. So finden sich dort Posts aus dem Januar und Februar dieses Jahres.

Auch stieß Mark Krutov dort auf das Profil der Frau von B. Olga B. gab 2016 in einem Vkontakte-Post an, auf die Heimkehr ihres Mannes zu warten. Er hatte im 108. Garde-Luftlanderegiment gedient. Seine Einheit war auch an der Besetzung der Krim beteiligt, was auch den Umzug der Familie erklären würde, führen Krutov und seine Kollegin Valeria Egoshina in dem Quellenartikel aus. Auch weitere Posts der Mutter und von Olga B. bestätigen dies. Später diente er noch in einer weiteren Einheit, was durch Posts von seinen Kameraden untermauert wird. Auch weitere Einträge seiner Mutter in einem anderen sozialen Netzwerk bestätigen die Tätigkeit von B. beim russischen Militär.

Soldat liegt mit Verwundung im Lazarett in Sewastopol

Später rief er die Nummern an und sprach mit ihnen. „Ich rief sie an und sie bestätigten, dass ihre Namen mit denen auf VK übereinstimmen.“ Roman B. gab zudem an, in Sewastopol zu sein. Der Anruf war vom SBU im besetzten Cherson abgefangen worden. Die Stadt ist eine wichtige Hafenstadt und Militärbasis auf der von Russland besetzten Krim. Die Frage, ob seine Stimme die des Mitschnittes sei, verneinte er, sagt Krutov.

Etwas auskunftsfreudiger war hingegen Olga B. Sie bestätigte ihren Namen unter der Telefonnummer. Auf die Frage nach ihrem Mann gab auch sie an, dass er in Sewastopol wegen einer Verwundung in einem Lazarett behandelt werde. Kurz darauf erhielt sie eine Nachricht auf das Telefon und brach das Gespräch abrupt ab. Seitdem gehen beide nicht mehr ans Telefon.

Journalist „absolut sicher“, dass Stimmen übereinstimmen

Er habe zwar keine Voice-Match-Expertise eingeholt, sei sich aber dennoch absolut sicher, dass es sich um die selben Personen handelt. „Aus der Aufzeichnung geht hervor, dass es die gleichen Stimmen sind, die in der von der SBU abgehörten Konversation verwendet werden“, sagt Krutov. Er habe deshalb keinen Zweifel. Ihm sei wichtig, die beteiligten Personen zu identifizieren.

Zeugnisse von Plünderungen, Morden und Vergewaltigungen

Das Telefongespräch hatte weltweit Wellen geschlagen. Es ist ein besonders perfides Beispiel für die Verrohung in diesem Krieg. Es reiht sich in andere aus den von Russland besetzten Gebieten mitgeschnittenen und vom ukrainischen Geheimdienst veröffentlichten Telefonaten russischer Soldaten ein.

Darin berichten die Sprecher freimütig über Plünderungen von Häusern und darüber, was sie erbeutet hätten. Familienmitglieder geben mitunter spezielle Wünsche an, was sie haben möchten. Auch erzählen Soldaten, wie und wie viele Ukrainer sie mitunter schon erschossen hätten.

Nicht alle diese Gespräche können verifiziert werden. Dennoch decken sie sich mit Aussagen von Überlebenden aus Gebieten, aus denen sich die russische Armee wieder zurückgezogen hat. Mark Krutov will weitere Gespräche überprüfen. Vor allem wolle er Täter aufspüren, die bereits tatsächlich eine Vergewaltigung begangen haben.

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