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Tatzeit: Mittwoch, 2. August 1944, ab 19 Uhr. Tatort: Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und hier wiederum der Abschnitt BIIe. In der Sprache der SS heißt BIIe „Zigeunerlager“, mitunter auch „Zigeunerfamilienlager“. Das Verbrechen, wiederum in der Sprache der SS: „Das Zigeunerlager wird liquidiert.“
In der nur wenige Kilometer entfernten oberschlesischen Großstadt Kattowitz (dem heutigen Katowice) geht das Leben trotz der herannahenden Roten Armee scheinbar weiter seinen alltäglichen Gang. Der Eindruck entsteht zumindest, wenn man in die Oberschlesische Zeitung – Amtsblatt der NSDAP und sämtlicher Behörden – schaut. Während sich die Volksgenossen abends im Ufa-Kino Rialto den „neue(n), großart. Bavaria-Film ‚Ich brauche dich!‘ mit Marianne Hoppe, Bruno Birgel“ anschauen können oder im Gloria-Palast „Immensee“ mit Kristina Söderbaum, im Volksmund „Reichswasserleiche“ genannt, wird für das KZ Birkenau eine Lagersperre verkündet und für BIIe eine Blocksperre.
Bereits am Nachmittag waren 1408 Sinti und Roma in einen leeren Güterzug getrieben worden, um ins KZ Buchenwald transportiert zu werden, denn dieses Mal sollte die „Liquidierung“ erfolgreich sein – nachdem ein erster Versuch am 16. Mai 1944 am Widerstand der Häftlinge gescheitert war. Der Lagerführer des „Zigeunerlagers“, der SS-Unterscharführer Bonigut, hatte „seine Zigeuner“ nämlich gewarnt, sodass diese sich mit allen nur denkbaren zur Verteidigung geeigneten Werkzeugen bewaffneten und dem Befehl der SS-Mannschaften, die Baracken zu verlassen, nicht Folge leisteten. Und das eigentlich für unmöglich Gehaltene geschah: Die SS-Leute – feige waren sie also auch – zogen sich zurück. Allerdings wurden nun nach und nach alle arbeitsfähigen jungen Männer und Frauen in andere Lager überführt, sodass im August 1944 nur noch Frauen, Kinder, Alte und Kranke zurückgeblieben waren, von denen kein Widerstand zu erwarten war.
Was in der Nacht vom 2. zum 3. August geschah, beschreibt die polnische Historikerin Danuta Czech in ihrem minutiösen Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wie folgt: „Das Lager BIIe sowie einige weitere Wohnbaracken, in denen sich noch Zigeuner befinden, werden von bewaffneten SS-Männern umstellt. In das Lager fahren Lastwagen ein, mit denen 2897 wehrlose Frauen, Männer und Kinder in die Gaskammern im Krematorium gefahren werden. Nach der Vergasung werden die Leichen der Ermordeten in Gruben neben dem Krematorium verbrannt, denn die Krematoriumsöfen sind zu der Zeit nicht in Betrieb.“
Während die Opfer verbrennen, muss in Kattowitz verdunkelt werden, laut Oberschlesischer Zeitung von Mittwoch, 21.25 Uhr bis Donnerstag, 4.50 Uhr. Vielleicht las der eine oder andere Zeitgenosse hinter den abgedeckten Fenstern die 26. Fortsetzung des Romans von Ernst Kreische, die mit den Sätzen endet: „Heute lag sie wach und hörte in das Toben einer Natur, die keine konstruierten Gesetze kannte, nur die ehernen, ungeschriebenen und ewig gleichen eines Alls, das über Menschenmacht triumphierte. (Fortsetzung folgt.)“
Die Vorgeschichte des Verbrechens
Die Mordaktion in Auschwitz bildet einen der Höhepunkte in der Geschichte des Genozids an den Sinti und Roma, der von diesen selbst in Abgrenzung vom Holocaust mit den Romanes-Wörtern Porajmos (Verschlingen) oder auch Samudaripen (Völkermord) bezeichnet wird. Im Gegensatz zur Verfolgung der jüdischen Bevölkerung war die NS-Politik gegenüber den Sinti und Roma nicht von Anfang an ebenso eindeutig.
Heinrich Himmler, Reichsführer der SS
© Heritage Images/imago
Einige Zeit war der zu obskuren Ideen neigende Reichsführer SS, Heinrich Himmler, in die Vorstellung verliebt, „reinblütige Zigeuner“ (was immer das sein sollte) in einer Art Reservat „nach zigeunerischer Art“ leben zu lassen, worunter er wohl das Herumziehen mit Wohnwagen verstand. Die von den Nationalsozialisten zwar nicht erfundene, von ihnen aber hypertrophierte pseudowissenschaftliche Disziplin der Rassenhygiene führte dazu, dass sich auch eine „Zigeunerforschung“ etablierte, unter der maßgeblichen Führung eines Robert Ritter und seiner Assistentin Eva Justin. Ritter entwickelte ein Klassifikationssystem nach dem „zigeunerischen Blutsanteil“ und unterschied „stammechte“, „reinrassige“ oder auch „Vollzigeuner“ von diversen Kategorien von „Zigeunermischlingen“ bis hin zum „Nichtzigeuner“.
Dieses System bildete die Grundlage für etwa 24.000 Gutachten, die eine entscheidende Rolle spielten für die Entscheidung über Sterilisationen und später auch für die Einweisung in die KZ oder aber auch darüber, ob ein Mensch verschont wurde. Man kann daher Ritter und Justin zu den wichtigsten Schreibtischtätern des Porajmos zählen, was ihren Karrieren nach 1945 im Gesundheitsamt von Frankfurt am Main nicht im Wege stand. Grundlage dieser Tätigkeit war ein Runderlass von Heinrich Himmler vom 8. Dezember 1938 zur „Bekämpfung der Zigeunerplage“, der die „Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse“ befahl – zur Juden- kam also die Zigeunerfrage hinzu.
Dann ging es Schlag auf Schlag. Im Reichskriminalpolizeiamt (RKPA) wurde als oberste Verfolgungsbehörde eine Reichszentrale für die Bekämpfung des Zigeunerunwesens eingerichtet, von deren Mitarbeitern – und einer Mitarbeiterin, sicher die Sekretärin und/oder Telefonistin – sich eine beschriftete Fotografie erhalten hat: „Zur Erinnerung an den Neuaufbau der Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens 26.5.1941–28.5.1942.“ Bieder aussehende Herren stehen auf einer Treppe, in deren Geländer Hakenkreuze eingearbeitet sind.
Der sogenannte Festsetzungserlass vom 17. Oktober 1939, ebenfalls von Himmler, bestimmte, dass Sinti und Roma ihren Wohn- oder Aufenthaltsort nicht mehr verlassen durften, und auch ihre Erfassung durch die Polizei wurde angeordnet – für die spätere Deportation. Am 16. Dezember 1942 erging dann der von Himmler unterzeichnete Erlass, der als Auschwitz-Erlass in die Geschichte eingegangen, selbst aber nicht überliefert ist. Es hat sich nur ein Schnellbrief des RKPA-Chefs Arthur Nebe an die Kriminalpolizeileitstellen erhalten, der am 29. Januar 1943 anwies: „Auf Befehl des Reichsführers SS vom 16.12.42 … sind Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen … Die Einweisung erfolgt ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad familienweise in das Konzentrationslager (Zigeunerlager) Auschwitz.“
Sinti und Roma in Deutschland: Fälle von Diskriminierung und Übergriffen fast verdoppelt
„Das lass ich mir von einem Zigeunerbengel nicht gefallen!“
Eine Wanderung, ein Kriminalroman und eine Frage
Mein persönlicher Bezug zu diesem Teil des nationalsozialistischen Völkermords begann mit einer Wanderung auf dem Grünen Hauptweg Nr. 7, dem Hönower Weg, der am Märchenbrunnen in Friedrichshain beginnt und am U-Bahnhof Hönow endet. Nach einem wenig attraktiven Wegabschnitt befand ich mich plötzlich auf einem mit zehn grauen Ausstellungstafeln versehenen Platz, dem Otto-Rosenberg-Platz: die Gedenkstätte Zwangslager Marzahn, die an das nationalsozialistische Zwangslager für Sinti und Roma erinnert, das sich von 1936 bis 1945 ungefähr an dieser Stelle befand.
Ich hatte zwar bereits ein vages Wissen darüber, dass auch Sinti und Roma im NS-Reich verfolgt wurden, doch nun begann ich, mich intensiv mit der Materie zu befassen. Ich studierte an Literatur, was ich bekommen konnte, ich führte Gespräche mit jungen Romnja und Roma aus Rumänien, die mir berichteten, aus Angst vor Diskriminierung würden sie in der Schule über ihre Rom-Identität schweigen – was mich empörte. Ich war in Auschwitz und in Belgrad, um mich mit der Situation der Roma in Serbien zu beschäftigen, denn gerade in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa sind sie besonders häufig Ausgrenzung, Diskriminierung und auch Umweltrassismus ausgesetzt; das heißt, dass sie unter gesundheitsschädigenden Umweltbedingungen leben müssen, zum Beispiel in der Nähe von Müllhalden und/oder ohne sauberes Trinkwasser. Auch Morde an Roma gibt es häufiger: Ich möchte an dieser Stelle an die antiziganistische Mordserie in Ungarn in den Jahren 2008/09 erinnern, der sechs Menschen zum Opfer fielen, darunter ein vierjähriger Junge.
24. Februar 2009: Das Bild zeigt Roma, die vor den Ruinen eines ausgebrannten Familienhauses im ungarischen Tatarszentgyoergy, 55 km südöstlich von Budapest, stehen.
© Sandor Ujvari/epa/dpa
Das Ergebnis meiner vieljährigen Beschäftigung mit dem Thema ist der Kriminalroman „Saat der Wut“, der im Herbst 2023 im Berliner Jaron-Verlag erschienen ist. Während oder nach Lesungen werde ich häufig gefragt, wie ich denn zu diesem Sujet komme. Diese Frage ist natürlich berechtigt, aber ich denke darüber nach, ob sie sich auch ein Autor stellen lassen muss, der über bestialische Serienmorde an Frauen oder Mädchen schreibt. Dieses Sujet ist fast selbstverständlich, während „Sinti und Roma“ offenbar exotisch ist und die Vermutung hervorruft, als Autor müsse man sich in eine tief verborgene Parallelwelt begeben.
Meine Antwort lautet stets: Weil sie meine Nachbarn sind und ich gern mehr über diese Nachbarn wissen wollte. Seit etwa 600 Jahren leben Roma in Europa. Sie sind keine Exoten. Sie sind Nachbarn. Sie erleben immer noch Ausgrenzung und Diskriminierung, sind immer noch Gewalt ausgesetzt, auch bei uns in Deutschland. Aber schon seit langem wehren sie sich. Und auch die Politik hat zu handeln begonnen. Die Roma sind als nationale Minderheit anerkannt, so wie die Sorben und die Friesen.
Am 2. August 2024 jährt sich die Räumung des „Zigeunerlagers“ Auschwitz-Birkenau zum 80. Mal. Wäre das nicht ein Anlass, unser Verhältnis zu diesen Nachbarn einmal zu überdenken? Und der noch oft unerwünschten Minderheit zu signalisieren, dass sie willkommen ist – in jeder Nachbarschaft, in jedem Haus, an jedem Ort? Angeblich soll Ingeborg Bachmann einmal gesagt haben: „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“ Fast überall in Europa scheint die politische Entwicklung diesen Satz zu bestätigen. Der 2. August 2024 bietet auch die Chance, das Gegenteil deutlich zu machen.
* Der Titel bezieht sich auf das Buch von Wolfgang Benz, „Sinti und Roma: Die unerwünschte Minderheit“, Berlin 2014.
Frank Goyke, geboren 1961, ist Diplom-Theaterwissenschaftler und seit 1997 freischaffender Schriftsteller (Krimis und Sachbücher). Tätig auch als Stadt- und Wanderführer in Berlin und Brandenburg.
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